Eine Sekte träumt vom Scharia-Staat

Kameruns Armee hat nach eigenen Angaben 24 Geiseln aus der Gewalt der Extremistenmiliz Boko Haram befreit. Die auf die Entführung von Mädchen spezialisiere Sekte will vor allem Nigeria destabilisieren.

Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau (Mitte) bei einer Videoansprache (Archivbild vom 31. Oktober 2014). Foto: AFP

Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau (Mitte) bei einer Videoansprache (Archivbild vom 31. Oktober 2014). Foto: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Terrorwelle der nigerianischen Boko Haram geht unvermindert weiter und bedroht immer stärker auch die Nachbarländer des westafrikanischen Staates. Am Sonntag überfielen Mitglieder der islamistischen Sekte mehrere Dörfer im äussersten Nordwesten Kameruns und entführten mindestens 80 Menschen, darunter 50 Mädchen und Jungen im Alter zwischen 10 und 15 Jahren. 20 der Entführten sollen am Montag vom kamerunischen Militär befreit worden sein. Seine Soldaten hätten sich mehrstündige Feuergefechte mit den Extremisten geliefert, sagte ein Offizier gegenüber Reuters.

Bei dem Überfall handelt es sich um den schwerwiegendsten Angriff Boko Harams in Kamerun. Bislang hatte die Sekte dort nur einzelne Geiseln genommen, vor allem Ausländer. Die Extremisten sind auf die Entführung von jungen Mädchen spezialisiert, die sie ihren Kämpfern als «Ehefrauen» anbieten. Von den 276 Mädchen, die im vergangenen April im nordostnigerianischen Städtchen Chibok entführt wurden, fehlt noch immer jede Spur. «Wir haben es mit barbarischen Leuten zu tun», sagte Kameruns Informationsminister Issa Tchiroma Bakary.

Todesstrafe für Terroristen

In einer Videobotschaft hatte Boko-Haram-Chef Abubakar Shekau Anfang des Jahres verstärkte Angriffe auf kamerunischem Boden angekündigt. Er forderte Präsident Paul Biya auf, die Verfassung des Landes auszusetzen und einen islamischen Staat auszurufen. Die rund 20 Millionen Kameruner sind zu fast 70 Prozent Christen, lediglich gut 21 Prozent bezeichnen sich als Muslime. Die Regierung in Yaoundé sandte in­zwischen Tausende von Soldaten in den Nordosten des Landes, die mit Waffen aus den USA, Deutschland und Israel ausgerüstet sein sollen. Gleichzeitig verschärfte die Regierung ihre Gesetze: Ein im Dezember verabschiedetes Anti­terror­gesetz sieht die Todesstrafe für Terroristen vor.

Präsident Biya appellierte kürzlich an die internationale Gemeinschaft, seinem Land beim Kampf gegen die Eindringlinge zu helfen. Der Tschad sandte bereits Truppen nach Kamerun: Das Vorauskontingent einer 2000 Mann starken und mit Kampfhubschraubern ausgerüsteten Einheit traf am Sonntag im Norden des Nachbarstaates ein. Tschadische Streitkräfte gelten als die effizientesten in der Region. Soldaten des zentralafrikanischen Staates kämpften vor zwei Jahren an der Seite einer französischen Interventionstruppe gegen die ­Islamisten in Mali. Nigeria, Niger, der Tschad und Kamerun, deren Staatsgebiete am Tschadsee zusammentreffen, vereinbarten im vergangenen Jahr ein gemeinsames militärisches Vorgehen ­gegen Boko Haram. Die Nachbarstaaten beklagten allerdings ein offenbar mangelndes Engagement Nigerias.

Dass auch der weitgehend muslimische Niger von extremistischen Umtrieben gefährdet ist, wurde am Wochenende deutlich. Bei Ausschreitungen im Zusammenhang mit Protesten gegen die französische Zeitung «Charlie Hebdo» wurden in den beiden Städten Niamey und Zider Kirchen angezündet und mindestens 10 Menschen umgebracht. Bei den Unruhen sollen auch Fahnen der Boko-Haram-Sekte geschwungen worden sein.

Unterdessen regte Ghanas Präsident John Mahama die Bildung einer westafrikanischen Interventionstruppe an. «Wir geraten an den Punkt, an dem eine regionale oder multinationale Streitmacht in Erwägung gezogen werden muss», sagte der Präsident. Mahama übt derzeit auch den Vorsitz über den westafrikanischen Staatenbund Ecowas aus. Allerdings sei für eine Intervention noch ein Mandat der Afrikanischen Union nötig, fügte der Präsident hinzu. Ecowas-Truppen waren in der Ver­gangen­heit immer wieder an Friedens­interventionen in der Region beteiligt, etwa in Liberia und Sierra Leone. Dabei war jedoch stets die nigerianische Armee tonangebend, die inzwischen zu einem Schatten ihrer selbst herunter­gewirtschaftet ist.

Terror vor den Wahlen

Allgemein wird davon ausgegangen, dass die Sekte ihre Offensive in den nächsten Wochen noch verschärfen wird. Denn am 14. Februar finden im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas Wahlen statt, und die Extremisten wollen verhindern, dass die Bevölkerung in weiten Teilen Nordostnigerias zu den Urnen gehen kann, um der Regierung anschliessend die Legitimation absprechen zu können. Da der Wahlausgang äusserst knapp zu werden verspricht, sind auch nach der Auszählung der Stimmen Unruhen zu erwarten. Afrikas wichtigstes Land gehe derzeit durch eine «ausserordentlich gefährliche ­Periode», warnt der ehemalige Afrika­beauftragte der US-Regierung, Johnnie Carson. Und Peter Pham vom Washingtoner Atlantikrat vergleicht die Lage bereits mit den IS-Umtrieben im Nahen Osten: «Wir haben eine Gruppe, die ein Territorium beherrscht und Jets abschiesst. Wenn Nigeria zusammenbricht, gibt es keinen starken Staat mehr in der Region, der Boko Haram daran hindern könnte, einen Islamischen Staat auszurufen.»

Erstellt: 19.01.2015, 19:23 Uhr

US-Militärhilfe

Nutzlose Drohnen

Nach der Entführung der fast 300 Mädchen in einer Schule in Chibok bot Washington Nigeria Hilfe an. Die amerikanischen Streitkräfte verlegten ein kleines Kontingent mit mehreren Drohnen in die Nähe des Opera­tions­gebiets der Boko-Haram-Islamisten: Wer die Drohnengläubigkeit der US-Regierung teilte, musste meinen, dass die Mädchen damit schon so gut wie gerettet seien. Die Hoffnung wurde enttäuscht – und heute sind die militärischen Beziehungen zwischen Nigeria und den USA auf einem Tiefpunkt angelangt. Nicht nur, dass sich die Aufklärungsflieger über dem bewaldeten Grenz­gebiet zwischen Kamerun und Nigeria als ziemlich nutzlos erwiesen. Im Dezember brach die nigerianische Regierung auch ein Trainingsprogramm für Teile seiner Streitkräfte durch US-Offiziere ab – abrupte Reaktion auf die Weigerung Washingtons, mehrere Cobra-Hubschrauber nach Westafrika zu liefern. Die nigerianische Luftwaffe könne diese ohnehin weder fliegen noch warten, hiess es zur Begründung – der wirkliche Grund war jedoch ein anderer. Nigerias Militär gilt als dermassen menschenrechtsverletzend, dass es gegen Waffenlieferungen in Washington erhebliche Einwände gibt – ob sich das Verhalten der undisziplinierten Soldaten so verbessert, ist allerdings eine andere Frage.
Von Johannes Dieterich

Grafik zum Vergrössern anklicken.

Artikel zum Thema

Gotteskrieger mit Mafiamethoden

Datenblog Anschläge, Entführungen, Überfälle – Boko Haram stürzt Nigeria ins Chaos. Die Zahlen zum rasanten Aufstieg der gefährlichsten Terroristen der Welt. Zum Blog

Eindrückliches Zeichen im Tschad gegen Boko Haram

Zehntausende Menschen gingen im Tschad auf die Strasse. Sie demonstrierten ihre Zustimmung zum Armeeeinsatz gegen Boko Haram in Kamerun. Mehr...

Wie Boko Haram die Wahlen in Nigeria sabotiert

Zerreissprobe für Afrikas bevölkerungsreichsten Staat: Im Februar wählt Nigeria eine neue Regierung. Die Terrorgruppe Boko Haram überzieht den Nordosten des Landes im Vorfeld der Wahlen mit beispielloser Gewalt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Power und Passion in Ihrer Tasse

Von Venedig bis Palermo ist Kaffee mehr als nur ein Getränk. Er ist eine Kunst. Mit der Kollektion «Ispirazione Italiana» bringt Nespresso ein Stück Italien in Ihr Ritual.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...