Eine historische Chance

Wir müssen Äthiopien und Eritrea beim Frieden helfen – schon aus Eigennutz.  

Der eritreische Präsident Isaias Afwerki (links) umarmt den Premierminister Äthiopiens, Abiy Ahmed, bei einem Treffen am 8. Juli 2018. Foto: Keystone

Der eritreische Präsident Isaias Afwerki (links) umarmt den Premierminister Äthiopiens, Abiy Ahmed, bei einem Treffen am 8. Juli 2018. Foto: Keystone

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Es umarmten sich in gewisser Weise zwei Klischees, als sich am Sonntag die Präsidenten Äthiopiens und Eritreas zum Friedensgipfel trafen: Hunger und Wahnsinn. Äthiopien bringen sehr viele in Europa immer noch mit Hungerbäuchen in Verbindung; Eritrea wiederum ist für einige das Nordkorea Afrikas, ein Regime von Betonstalinisten. Und wäre das alles noch nicht genug, führten die beiden Staaten auch noch einen blutigen Krieg gegeneinander, den am Ende keiner mehr erklären konnte, ausser damit, dass man nach so vielen Opfern nicht einfach klein beigeben wollte.

Jahrzehntelang war das der Status quo am Horn von Afrika. Nun ist auf einmal alles anders. Wenn man im Bild von Nordkorea bleibt, dann kann man sagen, dass das Treffen vom Sonntag als mindestens so historisch gelten kann wie jenes von Trump und Kim. Mit dem gewaltigen Unterschied, dass es nicht nur eine Inszenierung mit viel Gelaber war, sondern die Realität verändert hat. Erzfeinde umarmen sich, Botschaften werden eröffnet, Telefonleitungen gelegt, Flugverbindungen geschaffen. Es ist ein atemberaubendes Tempo, in dem der Wandel geschieht. Und siehe da, Eritrea mag ein autoritäres Regime haben, aber es ist auch ein Land, das sich nach Frieden sehnt, das eben nicht Nordkorea nacheifert, sondern Normalität sucht.

Es vollzieht sich ein Wandel, der im Westen jahrelang eingefordert wurde, der jetzt aber kaum jemanden interessiert. Es ist seltsam: Auf Hunger und Elend werden die seit Jahrzehnten eingeübten Antworten abgespult, aber auf den revolutionären Umbruch in Äthiopien hat Europa bisher keine Antwort gefunden. Man ist mit sich selbst beschäftigt, mit dem Brexit-Wahnsinn und dem Streit um Flüchtlinge.

Dabei ist jetzt die Chance da, eine Region mit weit mehr als 100 Millionen Einwohnern nachhaltig zu befrieden, aus der so viele afrikanische Flüchtlinge nach Europa kommen wie aus kaum einer anderen. In Äthiopien und Eritrea besteht in diesen Tagen die reale Möglichkeit, Lebensumstände zu ändern, nicht nur Sprechblasen über irgendwelche Flüchtlingszentren abzulassen.

Äthiopiens Ministerpräsident hat gerade gesagt, sein Land wünsche sich keine Almosen mehr, sondern Investitionen. Er hat die grossen Staatskonzerne für Investoren aus aller Welt geöffnet - gemeldet hat sich bisher öffentlich noch keiner. Was seltsam ist, denn es lässt sich Geld verdienen in Äthiopien: Ethiopian Airlines gehört zu den am schnellsten wachsenden und modernsten Fluglinien der Welt, mit einem Management, das keine halben Sachen macht. Wenige Tage nach dem Friedensschluss fliegt die Airline wieder direkt nach Eritrea und hat gleich 20 Prozent der dortigen Fluglinie gekauft.

So ist es in vielen Bereichen: Es gibt einen riesigen Staudamm, der Strom für halb Afrikas produzieren soll, Eisenbahnen und moderne Frachtterminals. Universitäten wurden gebaut und Gewerbegebiete eröffnet. Das Land wächst so schnell wie kaum ein anderes auf der Welt. Es könnte aber eben noch viel besser laufen.

Was kann Europa tun? Unternehmen sollten mutiger sein und erkennen, dass in Afrika riesige Märkte warten, nicht nur Armut. Die Politik kann noch viel mehr Export- und Investitionsgarantien liefern. Und die Bürger, die sich ein bisschen interessieren für die Welt - sie sollten lieber mal nach Äthiopien reisen, als gegen den Hunger zu spenden. Nicht nur Afrika muss sich ändern. Auch Europa muss es.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2018, 19:43 Uhr

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