Interview

«Eine zweite Welle der Revolution steht bevor»

In Ägypten wachse vor allem unter den Armen in den Slums die Verzweiflung, sagt ein besorgter Universitätsprofessor in Kairo.

«Die meisten Menschen sind wie explodierende Bomben»: Professor Nagib Alam über die politischen Unruhen in Ägypten.

«Die meisten Menschen sind wie explodierende Bomben»: Professor Nagib Alam über die politischen Unruhen in Ägypten. Bild: Keystone

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Wird das ägyptische Volk die neue Verfassung annehmen?
Das Volk ist in zwei Lager geteilt: in die Angehörigen der alten Kultur islamistischer Prägung und in die Angehörigen der neuen säkularen Kultur. Das islamistische Lager ist bestens organisiert und handelt geschlossen im Auftrag oder gemäss Befehl der politischen Machthaber. Diese Leute werden Ja sagen, denn sie glauben, dass diese Verfassung das islamische Gesetz verwirklichen wird. Das zweite Lager wird Nein sagen, weil diese Leute glauben, dass das neue Grundgesetz ein veraltetes Weltbild repräsentiert. Die schwachen Mitglieder der Gesellschaft sind in dieser Verfassung am meisten benachteiligt, vor allem die Frauen und Kinder. Auch die Armen werden ausser Acht gelassen.

Ist die politische Lage in Ägypten noch überschaubar?
Wir werden jeden Tag von neuen Ereignissen überrascht, sodass wir all unsere Ideen und Erwartungen wieder ändern müssen. Sicher ist nur, dass das ägyptische Volk in diesen Tagen seinen wichtigsten geschichtlichen Moment erlebt. Jetzt können alle zwischen Religion und Freiheit wählen.

Sind die neuen Akteure überhaupt auf ihre Aufgabe vorbereitet?
All diese neuen Akteure – Muslimbrüder, Salafisten, Jihadisten – hatten unter Mubarak im Untergrund gelebt und gearbeitet. Jetzt plötzlich sind sie am grellen Tageslicht und wollen Macht ausüben, wollen die Menschen belehren und erziehen und das ganze gesellschaftliche System verändern. Doch wer so lange im Untergrund gelebt hat, kann gar keinen Plan haben. Sie haben nur ihre Ideologie, aber keine Vision.

Sie meinen vor allem die Salafisten?
Wir haben das Gefühl, ins Mittelalter zurückgeworfen worden zu sein, besonders durch die Salafisten. Sie reden von der Scharia, dem islamischen Gesetz, das ist mentaler Luxus. Es ist, wie wenn Kinder im Zimmer spielen, während das Haus in Flammen steht. Sie nehmen auch nicht wahr, dass das Volk, die Jugend sich stark verändert haben und viele heute anders denken als noch vor ein paar Monaten.

Was hält die intellektuelle Avantgarde von den Muslimbrüdern?
Die war anfangs gar nicht so skeptisch. Der Schriftsteller Alaa al-Aswany zum Beispiel meinte, man solle Mursi eine Chance geben. Er sei der gewählte Präsident, das seien die Regeln der Demokratie. Man solle erst mal sehen, wie es weitergehe. Inzwischen ist auch er sehr kritisch gegenüber Mursi. Er sieht sich nicht nur als Schriftsteller, sondern als Aufklärer. Er übernimmt die Funktion des Gedächtnisses der Revolution.

Ist die Revolution gescheitert?
Auf keinen Fall. Das grosse Feuer lodert noch in den Menschen. Die Revolution ist überall, in jedem Menschen, in jedem Quartier, in jedem Stein. Darum ist sie nicht gescheitert.

Hat die Revolution bereits etwas in den Köpfen verändert?
Ja. Alle sprechen von ihren Rechten. Es geht um die Rechte der einfachen Menschen. Beginnen diese von ihren Rechten zu sprechen, ist das der erste Schritt des Aufbruchs. Man muss diese Menschen einfach bewundern, die dreissig Jahre lang so schweigsam waren oder gar gleichgültig schienen. Aber diese Mehrheit, die so lange geschwiegen hat – damit ist es jetzt vorbei.

Mit dem Einzug Mohammed Mursis in den Präsidentenpalast schienen die Muslimbrüder sich zu mässigen.
Für den Westen war es natürlich gut zu sehen, dass die Muslimbrüder auf Amerika, Europa und Israel zugehen. Für das ägyptische Volk aber ist das nicht von Interesse. Es will Arbeit und bessere Löhne. Dazu kommt, dass die Muslimbrüder alles, was sie versprochen hatten, nicht einhielten.

Sie meinen die sozialen Versprechen?
Die Muslimbrüder hatten den Armen Almosen gegeben, um von ihnen gewählt zu werden. Aber ein Programm, um die Armut zu bekämpfen, haben sie nicht entworfen. Darum sind die Menschen enttäuscht und merken, dass sie von den Muslimbrüdern gekauft wurden. Darum ziehen die einfachen Leute vor den Präsidentenpalast oder sie stehen vor dem Parlament – oben nackt, unten nackt, nur mit einer Unterhose bekleidet. Damit wollen sie zeigen: Wir haben nichts, wir sind bettelarm.

Vielleicht brauchen Mursi und die Muslimbrüder mehr Zeit.
Das ist alles Show, die Wahrheit ist eine andere. Die Parolen der Muslimbrüder sind leer. Auch bei Mubarak sprach man von Demokratie, doch hinter den Kulissen herrschte eine absolute Diktatur. Die Muslimbrüder können nur gut reden. Aber mit Rhetorik kann man ein hungriges Volk nicht zufriedenstellen. Wir dachten zuerst, die Muslimbrüder seien intelligenter als Mubaraks Leute und würden die Fehler des alten Regimes nicht wiederholen. Zu unserem Erstaunen wiederholen sie sie aber. Dieselbe Art und Weise des Denkens, des Handelns und obendrein diese rechthaberische Tendenz: Die anderen sind Dummköpfe, Verräter; die Säkularen sind alles Heiden und Ungläubige.

Durchschauen die Ägypter das allmählich?
Ein Taxifahrer sagte kürzlich zu mir, die Muslimbrüder seien typische Machiavellisten: Der Zweck, nämlich die Macht, heilige alle Mittel. Zudem wird sichtbar, dass bei den Salafisten etwas nicht stimmt: Sie leben in einer völlig geschlossenen Welt. Kommen sie heraus, sagen sie Dinge, über welche die Menschen nur lachen können. Die Salafisten haben auch unglaubliche Verbrechen begangen: Sie haben das Ohr eines Christen abgeschnitten, einem anderen die Hand abgehackt. Das Problem bei den Salafisten ist, dass sich jeder das Recht herausnimmt, als Richter aufzutreten, als Polizist und als Prophet. Sie erlauben sich, über das Schicksal anderer Menschen zu entscheiden.

Glauben Sie, dass die Ägypter in den letzten Monaten dazugelernt haben?
Ja, das Volk denkt jetzt anders. Die Menschen sind an der Schwelle zur Verzweiflung. Da können wir ihnen keine von der Ideologie diktierten Geschichten erzählen. Sie wollen ganz einfach dem Hunger und der Arbeitslosigkeit entrinnen. Darum haben jetzt alle Angst vor dem Ausbruch einer Revolution dieser hungrigen Menschen, die am Limit sind.

Diese Menschen waren bei der Revolution Anfang 2011 nicht dabei?
Das erstaunliche Phänomen ist, dass während der 18 Tage Revolution, als es keine Polizei mehr gab im ganzen Land und alle Angst hatten, dass die Armen, die Menschen aus den Slums, die nichts besitzen und nichts gelernt haben, aus ihren Höhlen kommen und uns auffressen würden. Doch das ist nicht passiert. Das ist der springende Punkt: Diese Leute haben im Gegenteil die Revolution geschützt.

Geschützt?
Auf dem Tahrir-Platz spielten sich die erstaunlichsten Geschichten ab. Zum Beispiel erzählte mir ein Journalist eines türkischen Fernsehkanals, der zehn Tage und Nächte lang auf dem Platz gelebt hatte, die Strassenkinder hätten ihm geholfen, seine Bilder zu machen. Bei einem Scharmützel mit Steinen habe gar ein Mädchen sich schützend vor ihn gestellt. Als er fragte, warum es das gemacht habe, soll es gesagt haben: «Ich bin nicht wichtig für dieses Land, aber du bist wichtig für dieses Land.» Das ist erstaunlich, dass die Armen dieses Bewusstsein haben.

Und diese Armen werden jetzt eine zweite Revolution lostreten?
Viele Menschen wurden um ihre Hoffnungen betrogen. Darum wird die Revolution weitergehen. Es gibt nur vorübergehend Ruhe. Es steht eine zweite Welle der Revolution bevor, und die wird viel gefährlicher sein. Die meisten Leute haben kein Ziel mehr. Wenn man sie fragt, was sie eigentlich wollen, schreien sie nur. Sie geraten ausser sich. Sie sind wie explodierende Bomben. Nichts ist gefährlicher als verzweifelte Menschen.

Versucht man nicht, sie von einer neuen Revolution abzuhalten?
Ja, man versucht Einfluss auf diese Leute zu nehmen und sie zu überzeugen , dass die Revolution eigentlich ein grosser Fehler war. Das sagt man nicht direkt, sondern indirekt, indem man den Menschen Vergleiche vorsetzt: «Schaut doch mal, wie es vor der Revolution war und wie es heute ist. Es ist doch gar nicht besser, im Gegenteil», sagt man ihnen, «vor der Revolution fiel der Strom nicht aus, waren die Gasflaschen und das Benzin viel billiger.» Damit wollen sie die einfachen Leute überzeugen, sich ruhig zu verhalten und sich gegen die Revolution zu stellen.

Lassen sich die Armen letztlich von ihrer Revolution abbringen?

Diese gefährliche Revolution ist leider auf dem Weg. Die unklare Wirtschaftspolitik der jetzigen Regierung beschleunigt diese Entwicklung stark. Ist die Revolution einmal ausgebrochen, kann sie nichts mehr aufhalten. Es bleibt nur die Hoffnung, dass sich auch in dem Fall wieder das kulturelle Bewusstsein der Ägypter rechtzeitig meldet und die Situation rettet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2012, 08:47 Uhr

Nagib Alam
Professor zieht Anonymität vor

Nagib Alam ist Professor für Fremdsprachen an einer Kairoer Universität. Sein Name ist ein Pseudonym. Zunächst hatte der Intellektuelle das Interview unter seinem Namen gegeben. Angesichts der sich überschlagenden Ereignisse in Ägypten möchte er anonym bleiben: Zurzeit sei völlig unberechenbar, wie die Machthaber auf Kritik an ihnen reagieren würden. (mm)

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