«Einige denken, dass die reichen Christen schuld seien an der Armut»

Der Anschlag in Alexandria schürt Spannungen zwischen Kopten und Muslimen. Die Regierung müsse endlich die Ursachen dafür bekämpfen, sagt der Politwissenschafter Mustapha K. El-Sayyid.

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Herr El-Sayyid, wer steckt Ihrer Meinung nach hinter dem Anschlag auf die koptische Kirche in Alexandria?
Das ist die 1 Million Euro Frage. Auch die Sicherheitskräfte wissen zur Zeit noch nichts Genaueres. Diese Art von Angriff ist neu in der Geschichte politischer Gewalt in Ägypten. Die Technik des Angriffs ist ausgefeilt, zudem gab es Statements der al-Qaida im Irak, dass koptische Kirchen in Ägypten Anschlagsziele seien. Es ist möglich, dass al-Qaida dahinter steckt. Genauso gut ist es möglich, dass die Täter Ägypter sind, die für al-Qaida oder sonstige Extremisten arbeiten. Die Ermittlungen sind am laufen, alles ist zur Zeit reine Spekulation.

Droht in Ägypten nun ein Kampf zwischen Kopten und Muslimen?
Es herrscht eine gespannte Atmosphäre zwischen Kopten und Muslimen in einigen Landesteilen, etwa im Norden Ägyptens und Alexandrien. Man darf die Spannungen aber nicht überbewerten. Was klar ist, ist, dass die Regierung nicht in der Lage war, die Ursachen der Spannungen in den Griff zu bekommen. Dass der Anschlag stattfinden konnte, liegt in der Verantwortung der Sicherheitskräfte. Die Regierung redet schon seit 10, 15 Jahren über ein Gesetz, um religiöse Stätten besser zu schützen, doch bisher ist nichts geschehen. Ein Gesetzesentwurf hat es noch nicht einmal ins Parlament geschafft.

Was unternimmt die Regierung jetzt?
Die Regierung hat die Sicherheitsmassnahmen verschärft, die Kirche der zwei Heiligen in Alexandria wurde zwar vor dem Anschlag von drei Polizisten bewacht, verhindern konnten sie ihn aber nicht. Überall in Ägypten sieht man nun eine grössere Anzahl Sicherheitskräfte. Einige Kirchen in Kairo waren heute auch von Barrieren umgeben, damit kein Auto zu nahe heran fahren kann. Es gab auch etliche Solidaritätskundgebungen mit den Kopten und dem koptischen Papst. Kopten und Muslime suchen nun Wege, die Spannungen zu lösen.

Wie ist Ko-Existenz generell zwischen Kopten und Muslimen?
Normalerweise gut. Sowohl Kopten wie Muslime sind Ägypter. Ich lebe in Kairo und sehe hier keine Probleme. Im Sportsclub, den ich jeden Morgen besuche, gibt es ebenso viele Christen wie Muslime. Es ist ein Club der Mittel- und Oberschicht. Die Leute sind Ärzte, Professoren, Anwälte, Wirtschaftsleute, Offiziere. Heute sprachen alle ihre Solidarität mit den Anschlagsopfern aus.

Was sind die Ursachen für die Spannungen im Norden?
Einerseits herrscht im Land eine konservativere Stimmung als auch schon. Das ist in vielen Ländern der Fall, auch in der Schweiz. Hier äussert sich das in einer konservativeren religiösen Haltung. Andererseits suchen die Leute wegen der schlechten Wirtschaftslage Schuldige. Einige denken, dass die reichen Christen schuld seien an ihrer Armut. Dann gibt es leider auch Radikale, die glauben, dass Christen Ungläubige seien. Diese Leute haben natürlich eine verzerrte Wahrnehmung des Islam. Denn der Prophet Mohammed selbst war mit einer ägyptischen Koptin, Maria al-Qibtiyya, verheiratet. Der Prophet selbst gab damals den Ägyptern den Auftrag, die Kopten gut zu behandeln.

Hält man sich heute noch an den Rat des Propheten?
Der Islam anerkennt das Christentum und Judentum als Buchreligion. Aber es gibt die Islamisten, die behaupten, der Islam sei die bessere Religion. Leider findet diese Meinung bei einigen Anklang. Nicht bei den Ärmsten, aber bei der unteren Mittelklasse, bei Leuten mit einer gewissen, aber nicht ausreichenden Bildung. Wegen der schlechten Wirtschaftslage werden diese Leute manipulierbar. Sie sind frustriert.

Der ehemalige Leiter der Atomenergiebehörde, Mohammed El Baradei sagte am 27. Dezember 2010 in der «Washington Post», Ägypten sei ein Land, das kurz vor einer Explosion stehe, weil die Regierung die Wahlen manipuliert und die Rechte der Opposition mit Füssen tritt. Was sagen Sie dazu?
Das ägyptische Regime ist autoritär, etwas anderes zu behaupten wäre lächerlich. Es gibt aber hier auch unabhängige Medien. Ich selber publiziere immer wieder regierungskritische Artikel, ohne dass ich Repressionen erleide. Ägypten ist keine Demokratie, aber es ist auch kein stalinistisches Russland oder Baathistisches Irak. Das wäre mein Kommentar zu Doktor El Baradeis Aussage.

Was müsste denn die Regierung Mubarak als erstes verbessern im Land?
Ich bin Professor und denke in Theorien. Die Regierung sollte die Ursachen der Spannungen ergründen. Dazu gehört, dass die Kopten de facto nicht alle Bürgerrechte haben. Die Verfassung verspricht zwar gleiches Recht für alle, in der Administration und Politik sind Kopten aber untervertreten. Kopten werden eingestellt, aber nicht befördert. In einer staatlichen Universität werden Sie koptische Professoren finden, aber keinen koptischen Rektor. Dasselbe gilt für die Verwaltung. Sie werden Kopten finden, aber nur wenige. In der Wirtschaft erleben die Kopten dagegen keine Diskriminierung, die reichsten Leute des Landes sind Kopten.

Wie sieht es mit der Ausübung der Religion aus?
Wenn es darum geht, eine Kirche zu bauen, braucht es Bewilligungen und das dauert. Eine Moschee bauen die Leute einfach, täglich. Die Kopten sind da sicher diskriminiert. Auch die Medien berichten wenig über die Kopten, das hat sich aber etwas gebessert. Ich hoffe, dass die Regierung die Anliegen der Kopten nun endlich ernster nehmen wird.

Erstellt: 04.01.2011, 07:09 Uhr

Mustapha K. El-Sayyid lehrt als Professor Politische Wissenschaften an der Kairo Universität und der Amerikanischen Universität in Kairo. Er promovierte Ende 1979 am Institut für Internationale Studien an der Universität in Genf. El-Sayyid ist in etlichen politischen und wirtschaftlichen Organisationen als Mitglied tätig, unter anderem in der «American Political Science Association» und der «Arab Political Science Association». Er ist zudem Mitglied der ägyptischen Menschenrechtsorganisation.

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