Interview

«Er verfolgte seine Ziele mit allen Mitteln»

Ariel Sharon prägte das heutige Israel wie vielleicht kein Zweiter. Der Nahost-Experte Gil Yaron sagt gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet, weshalb dennoch niemand sein politisches Erbe beanspruchen wird.

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Herr Yaron, Ariel Sharon war einer der umstrittensten Politiker Israels und galt als mutig, unbeirrbar, erfolgreich, aber auch skrupellos. Welche Beschreibung wird ihm am ehesten gerecht?
Das ist das Problem: alle. Er war eine unglaublich widersprüchliche Persönlichkeit. Er brachte zum einen die Menschen gegen sich auf, während er zum anderen bei seinen Anhängern eine grosse Treue auszulösen vermochte. Als Politiker war er skrupellos und trickste seine Gegner aus, als Freund war er ein loyaler Gefährte, und als Untergebener erwies er sich als Schreck der Vorgesetzten.

Sharon hat die Geschicke Israels seit der Staatsgründung geprägt. Welches politische Erbe hinterlässt er?
Ein zerstrittenes – wie es seiner Persönlichkeit entspricht. Sinnbildlich dafür ist sein fehlendes Porträt in der Knesset: Von den Gründervätern jeder Partei hängt ein grosses Bild im Parlament. Sharon, der 2005 die Kadima ins Leben rief, ist in der Galerie nicht vertreten. Denn niemand weiss heute, wofür er politisch stand – seine Handlungen zu Lebzeiten bleiben, auch posthum betrachtet, widersprüchlich. So war etwa der Abzug der Siedler aus dem Gaza-Streifen 2005 zwar friedenspolitisch von Bedeutung, doch das Gebiet ist seit dem Rückzug ein Ort des Terrors, aus dem Zehntausende Raketen in Richtung Israel abgeschossen werden.

Zuletzt hatte er sich 2005 mit dem Likud überworfen und die neue Partei Kadima gegründet. Was hat sich seit seinem Ausscheiden aus der Politik verändert?
Auch parteipolitisch bleibt die Frage offen, was sein konkretes Erbe ist: Die von ihm gegründete Kadima war inhaltlich auf ihn zugeschnitten. Nach seinem Ausscheiden ist sie jedoch schneller geschrumpft als ein Baumwollhemd im Kochwaschgang. Sharon hat die gesamte politische Landschaft aufgemischt. Bis zur zweiten Intifada zwischen 2000 und 2005 gab es einen linken und einen rechten Block. Sharon zerstörte jedoch beide Lager. Das Linke, indem er ihm die Hoffnung auf Frieden nahm: Durch seinen Besuch auf dem Tempelberg im Jahr 2000 war er für den Ausbruch der zweiten Intifada und den damit einhergehenden Terror mitverantwortlich. Die Rechte, indem er den Gaza-Streifen aufgab. Übrig blieb eine grosse Grauzone in der politischen Mitte. Das Problem mit den Palästinensern spielt seither politisch eine untergeordnete Rolle – das zeigte sich bei den letzten Wahlen deutlich, als plötzlich Fragen der sozialen Gerechtigkeit im Zentrum standen.

Sharon galt als genialer, aber auch brutaler Stratege. Gibt es heute in Israel noch Politiker seines Schlags?
Nein. Die Zeiten haben sich verändert – einen Politiker seines Schlags kann es heute gar nicht mehr geben. Er ist in einer Epoche gross geworden, in welcher der Einfluss der Justiz kleiner war als jener von Aktivisten. Heute können sich Politiker kaum mehr herausnehmen, was er als selbstverständlich erachtete, sonst würde sofort die Generalstaatsanwaltschaft auf den Plan gerufen. Bis heute hält sich beispielsweise der Vorwurf, dass Sharon mit dem Rückzug aus dem Gaza-Streifen von den Korruptionsermittlungen gegen ihn ablenken wollte. Sein Nachfolger Ehud Olmert etwa stolperte über eine Korruptionsaffäre. Gegen fast jeden hohen Politiker wird mittlerweile diesbezüglich ermittelt – eine derartige Amtsführung wie zu Sharons Zeiten ist nicht mehr möglich.

Siedlungsförderer Sharon ordnete kurz vor seiner Erkrankung 2005 den Abzug israelischer Siedler aus dem Gaza-Streifen an. In welchem Kontext ist seine Kehrtwende zu verstehen?
Ariel Sharon war Zeit seines Lebens ein Pragmatiker. Als General der israelischen Südfront war er verantwortlich für die Räumung der letzten Siedlungen auf dem Sinai. Er tat stets das, was seiner Meinung nach nötig war, um die Existenz Israels zu sichern. Dazu gehörte auch die Räumung der Siedlungen im Gaza-Streifen. Seine Kritiker werfen ihm denn auch vor, er sei bereit gewesen, den Gaza-Streifen aufzugeben – nur um sich Jerusalem einzuverleiben. Ich glaube, an dieser Theorie ist viel dran. Wenn er merkte, dass er nicht alles haben konnte, überlegte er sich rasch, was er unbedingt behalten wollte. Dementsprechend handelte er. Das zeichnete ihn als Politiker auch aus: Er verfolgte seine Ziele mit allen Mitteln – und war nicht bereit, Hindernisse anzuerkennen. Diese Entschlossenheit hat kein israelischer Politiker mehr.

Was hat sein heutiger Tod in Israel ausgelöst?
Wegen seiner langen Erkrankung ist niemand schockiert darüber. Wie in Israel typisch, wird nun wohl kurzfristig ein Personenkult um ihn entstehen. Er wird hochgelobt werden, und es werden in der israelischen Presse einige kritische Artikel über ihn veröffentlicht. Doch bereits in einer Woche wird man kaum noch über seine Person sprechen, weil er keine klare Linie vorgegeben hat und daher unverstanden bleibt. Deshalb wird wohl auch niemand versuchen, sein politisches Erbe zu beanspruchen. Es ist bezeichnend, wer ihn heute betrauert – und wer sich über seinen Tod freut: Die pragmatische Rechte und Linke sprechen beide vom Verlust eines grossen Führers, während Araber und Radikale erstmals in der Freude über Sharons Ableben geeint sind.

Welche Folgen hat Sharons Ableben für den Friedensprozess?
Gar keine, denn Sharon bedeutet für den Friedensprozess nichts. Er hat das Ende der grossen israelischen Denkschule herbeigeführt, dass man sich hinter die international anerkannten Grenzen zurückziehen und bei Angriffen beliebig zurückschlagen kann. Diese Denkschule hat zwei tödliche Schläge erlitten: den ersten nach dem Rückzug aus dem Libanon und mit dem Erstarken der Hizbollah. Den zweiten mit dem Rückzug aus dem Gaza-Streifen. Dort ist statt eines palästinensischen Hongkongs ein palästinensisches Somalia entstanden. Das ist einer der wichtigsten Beiträge Sharons: Man hat in Israel erkannt, dass man sich nur im Rahmen eines Vertrags zurückziehen kann – oder eben gar nicht.

Wie und wo wird er nun begraben?
Von morgen an soll der Leichnam zunächst in der Knesset aufgebahrt werden. Dort kann die Öffentlichkeit Abschied nehmen. Am Montag wird er schliesslich in einer staatlichen Zeremonie in kleinem Rahmen beigesetzt werden. Dabei wird sich die typische Eigenart Sharons noch ein letztes Mal verdeutlichen: Eigentlich sollte er wie die meisten Premierminister auf dem Herzl-Berg neben Jerusalem begraben werden – dem Ort für die grossen zionistischen Führer. Doch als liebender Ehemann wollte er neben seiner zweiten Frau Lily auf einem Hügel bei seiner Farm im Süden Israels beerdigt werden. Dabei ist das gar kein Friedhof – sie wurde dort illegal begraben. Es gibt nichts Passenderes für Sharon, als selbst bei seinem Tod ein letztes Mal israelisches Recht nach eigenem Gutdünken zurechtgebogen zu haben.

Erstellt: 11.01.2014, 20:30 Uhr

«Sharons Erbe in ein zerstrittenes – wie es seiner Persönlichkeit entspricht»: Gil Yaron.

Zur Person

Gil Yaron (Jg. 1973) ist ein israelischer Arzt und Journalist. Parallel zu seinem Medizinstudium begann er eine Laufbahn als freischaffender Korrespondent deutschsprachiger Zeitungen. Inzwischen arbeitet Yaron für eine Reihe deutsch-, englisch- und hebräischsprachiger Publikationen (u.a. «Focus», «Tages-Anzeiger» oder «Toronto Star») und veröffentlichte schon mehrere Bücher zum Thema Nahost (u.a. «Jerusalem – ein historisch-politischer Stadtführer») Yaron ist verheiratet und lebt in Tel Aviv.

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