Hintergrund

Erst ständig Bussen, dann eine Ohrfeige

Am Anfang des Umsturzes in Tunesien stand die Selbstverbrennung von Mohammed Bouazizi. Seine Geschichte ist bereits Legende.

Es war eine der letzten Amtshandlungen Ben Alis: Der damalige tunesische Präsident besuchte im Dezember den schwer verletzten Mohammed Bouazizi im Spital.

Es war eine der letzten Amtshandlungen Ben Alis: Der damalige tunesische Präsident besuchte im Dezember den schwer verletzten Mohammed Bouazizi im Spital. Bild: Keystone

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Auf Wikipedia gibt es jetzt einen Eintrag zu Mohammed Bouazizi, in allen möglichen Sprachen, mehr oder weniger detailliert – posthum. Er erzählt die Geschichte eines 26-jährigen Tunesiers, den eigentlich nichts dazu prädestinierte, einmal in einer Enzyklopädie zu erscheinen. Nicht einmal seine letzte, dramatische Geste vor der Präfektur von Sidi Bouzid, seiner Heimatstadt, am 17. Dezember 2010, als er sich mit Benzin übergoss und anzündete.

Doch Mohammed Bouazizi hat eine Revolution ausgelöst, den ersten erfolgreichen Volksaufstand gegen einen Autokraten in der arabischen Welt. Unbewusst freilich. Dieser lizenz- und hoffnungslose Gemüse- und Früchtehändler aus der tunesischen Provinz konnte nicht annehmen, dass seine Selbstverbrennung eine Revolte auslösen würde, die den gefürchteten Staatschef Zine al-Abidine Ben Ali nach 23 Jahren Herrschaft stürzen würde.

Vaterlos mit 14 Jahren

Vor dem Haus seiner Familie drängen sich jetzt die Crews der grossen internationalen Fernsehsender. Al-Jazeera war der erste. Im Westen nennt man Bouazizi den «tunesischen Jan Palach» – nach jenem tschechischen Studenten, der sich 1969 aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings öffentlich selbst verbrannt hatte. In Sidi Bouzid wollen sie einen Platz nach Bouazizi benennen. Überall im arabischen Raum wird sein Name bei Demonstrationen skandiert, in den Blogs wird sein «Martyrium» geehrt. Und mehrere Menschen in der Region haben schon versucht, ihn zu imitieren und sich selbst anzuzünden: in Ägypten, Algerien, Marokko und Mauretanien.

In der Erzählung seiner Mutter und seiner fünf Geschwister, die den Medien geduldig Auskunft geben, liest sich Mohammed Bouazizis Leben wie eine traurige Verkettung persönlicher Schicksalsschläge und täglicher Erniedrigungen. Die Geschichte unterscheidet sich von der Legende, die zunächst über den jungen Mann zirkulierte. Er war kein Hochschulabgänger, der nach langem Studium keinen passenden Job fand und darum Gemüse verkaufen musste, bis ihm dieser Frust, wie ihn viele Tunesier erleben, alle Freude am Leben nahm. Die wahre Geschichte geht so: Mohammed Bouazizi war 14, als sein Vater starb. Die Familie hatte nichts. Sie war davon abhängig, was er nach Hause bringen konnte.

Ohrfeige und Busse

Er beschaffte sich einen Holzkarren und eine Waage, kaufte jeden Morgen im nahen Grossmarkt Gemüse und Früchte ein, marschierte dann vier Kilometer weit – bis ins Zentrum von Sidi Bouzid, einer Stadt mit 50'000 Einwohnern, wo er seine Ware zu verkaufen suchte. Etwa 50 Franken in der Woche brachte er so zusammen. Davon lebte die Familie. Dank diesem Geld konnten seine Geschwister die Schule besuchen. Er selber brachte es zum Mittelschulabschluss, nebenbei sozusagen.

Eine Lizenz für sein Gewerbe hatte er nicht. Und so hielt ihn die Polizei ständig an, büsste und demütigte ihn. Er stemmte sich dagegen. Bis zum 17. Dezember, als eine Polizistin seine Waage beschlagnahmte, sein wichtigstes Arbeitsgerät. Er wollte sich wehren, da kamen zwei weitere Beamte hinzu, nahmen ihn mit auf den Posten und auferlegten ihm eine Busse von 250 Dinar, rund 170 Franken. Als er protestierte, gab ihm die Polizistin eine Ohrfeige.

Mutter schlägt Leidensgeld aus

Bouazizi wollte sich bei der übergeordneten Instanz beschweren und ging zur Präfektur. Doch dort liess man ihn nicht hinein. So kaufte er sich einen Kanister Benzin, kehrte zurück zur Präfektur, übergoss sich und zündete sich an. Er wurde mit schweren Verbrennungen ins Spital eingeliefert.

Noch am selben Tag formierte sich ein Unterstützungskomitee. Es gab erste Kundgebungen, spontan und heftig. In den Tagen danach griffen die Proteste über auf andere Provinzstädte. Als Ben Ali merkte, dass die Verzweiflungstat des jungen Mannes die Tunesier mehr berührte als alle vorherigen, ohne dass es dafür eine Erklärung gab, und dass die Welle nicht so schnell abebben würde, bemühte er sich ans Krankenbett – für einen Fototermin. Er bot der Familie Geld an: 20'000 Dinar. Doch die Mutter war schockiert über die Offerte. Sie wollte sich nicht kaufen lassen.

Mohammed Bouazizi starb am 4. Januar an den Folgen seiner Verbrennungen. Zehn Tage vor dem Sturz des Regimes. In Tunesien heisst es jetzt, sein tragischer Tod sei nicht vergeblich gewesen. Er schrieb ein Stück Weltgeschichte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.01.2011, 21:22 Uhr

Mohammed Bouazizi: Der 26-jährige tunesische Gemüsehändler hat sich am 17. Dezember aus Protest gegen die Behördenwillkür angezündet.

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