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«Es könnte sich um einen Testlauf handeln»

Die jüngsten Sprengstoffpakete der al-Qaida haben in der westlichen Welt eine neue Terrorangst ausgelöst. Der Terrorismus-Experte Guido Steinberg erklärt, was es mit den Anschlagsplänen auf sich haben könnte.

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Zwei Sprengstoffpakete der Al-Qaida in Jemen wurden in Flugzeugen nach Dubai und England befördert. Wie werten Sie diesen Anschlagsversuch?
Einige Fragen bleiben im Moment noch offen, vor allem, wann denn diese Sprengladungen überhaupt detonieren sollten. Was man wohl sagen kann, ist, dass die Bomben scharf waren und man sie zur Detonation hätte bringen können.

Eines dieser Pakete war angeblich vom Jemen über Katar nach Dubai unterwegs, eines gelangte nach Köln und von dort nach England. Etliche Flüge, ohne dass es zur Explosion kam. War das pures Glück?
Wir wissen tatsächlich nicht, wann diese Päckchen detonieren sollten. Man kann wohl davon ausgehen, dass sie zu irgend einem Zeitpunkt detonieren sollten, allerdings drängt sich da schon der Verdacht auf, dass es sich um einen Testlauf handeln könnte, dass die Täter also ausprobieren wollten, inwieweit solche Ladungen mit technischen Massnahmen gefunden werden können. Ganz offensichtlich sind sie nicht gefunden worden, sondern die Informationen über die Päckchen sind durch nachrichtendienstliche Arbeit geliefert worden.

Hauptsächlich durch nachrichtendienstliche Arbeit aus Saudi Arabien. Wie kommen die an so gute Informationen aus dem Jemen?
Die jemenitische Al-Qaida ist eine jemenitisch-saudiarabische Koproduktion, und ein ganz wichtiges Ziel der Organisation ist es, Saudi Arabien zu destabilisieren. Spätestens seit dem Sommer 2009, als Al-Qaida versucht hat, den saudiarabischen Vizeinnenminister zu töten, hat die saudi-arabische Regierung in die Beobachtung der jemenitischen Szene noch mehr Energie investiert.

Der Sprengstoff konnte weder mit Röntgenstrahlen noch mit Spürhunden gefunden werden. Täglich werden hunderte Pakete per Luftfracht befördert. Wie konnten die Saudis wissen, um welche Pakete es sich genau handelte?
Offenbar haben die Saudis Quellen aus der Organisation selbst. Anders ist ein solcher Vorgang nicht zu erklären.

Was ist die Al-Qaida in Jemen überhaupt und wie stark ist sie?
Die jemenitische Al-Qaida ist der neue Name für eine Gruppierung, die aus verschiedenen djihadistischen Gruppierungen hervorgegangen ist, die im Jemen schon seit den 1990er Jahren operieren. Die Grösse der Organisation ist umstritten. Ich schätze, dass ihre Mitgliederzahl zwischen 500 und 800 liegt. Wenn es einen Charakterzug der Al-Qaida im Jemen gibt, der für uns besorgniserregend sein muss, dann ist das eine grosse Kreativität im Umgang mit Sprengstoffen. Wir haben das an zwei Fällen im Jahr 2009 gesehen, einmal bei dem gescheiterten Attentat in Detroit und im ersten Fall schon im Sommer beim Anschlag auf den saudischen Vizeinnenministers.

Kreativ mit Sprengstoff, aber ungeschickt in der Ausführung. Die Terroristen mussten doch davon ausgehen, dass Pakete aus dem Jemen, die an jüdische Organisationen adressiert sind, genauer angeschaut werden als andere, oder nicht?
Ja. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Pakete bei jüdischen Organisationen angenommen oder gar geöffnet würden. Ich kann mir nicht gut vorstellen, wo diese Bomben detonieren sollten. Wir kennen das Anschlagsziel nicht, so dass eine Wertung noch schwierig ist.

Als Verdächtiger wird Ibrahim Hassan al-Asiri präsentiert, der zuoberst auf der Saudischen Liste der Terroristen stehen soll. Wer ist diese Figur?
Er gehört zum grossen saudiarabischen Kontingent der Al-Qaida im Jemen. Er ist den saudiarabischen Sicherheitsbehörden bekannt, ist aber ansonsten kein prominentes Mitglied der Organisation. Er scheint derjenige zu sein, der über die besten Kenntnisse im Bombenbau verfügt.

Wie weit kann man den Informationen der saudischen Nachrichtendienste trauen?
Die saudiarabische Regierung ist insgesamt ein verlässlicher Partner in Sicherheitsfragen, allerdings vor allem ein Partner der Amerikaner. Es gibt eine privilegierte Zweierbeziehung zwischen Washington und Riad und saudi-arabische Informationen über die jemenitische al-Qaida, über gesuchte saudische und jemenitische Terroristen, über Anschlagspläne, muss man zumindest ernst nehmen. Die Nachrichtendienste der Saudis sind auch nicht islamistisch unterwandert, wie dies zuweilen vermutet wird.

Praktisch zeitgleich mit den vereitelten Anschlägen aus Jemen gab es einen Anschlag in Istanbul. Wer steckt da dahinter?
Der Anschlag auf Sicherheitskräfte am Taksim-Platz ist eher der Modus Operandi von kurdischen Terroristen. Dazu passt auch, dass der bisher gültige einseitig erklärte Waffenstillstand der PKK ausgelaufen ist. Und in der Türkei stehen schon seit einiger Zeit die Zeichen auf Sturm zwischen der PKK und dem türkischen Staat. Aber auch hier muss man abwarten, was an Detailinformationen noch dazu kommt.

Und was steckt hinter der blutigen Geiselnahme in der katholischen Kirche in Bagdad, die ebenfalls für Schlagzeilen sorgte?
Der Angriff auf eine Kirche ist normaler Modus Operandi der irakischen Al-Qaida. Es gibt schon seit Jahren gezielte Angriffe auf Christen, um sie aus dem Land zu vertreiben. Was sich im Irak im Laufe des letzten Jahres geändert hat, ist, dass die Gesamtsituation sich für Al-Qaida etwas verbessert hat. Die Amerikaner haben viele ihrer Truppen abgezogen, es sind nur noch etwa 50'000 im Land, gleichzeitig gibt es immer noch keine neue irakische Regierung. Das hat sich doch auf die Bekämpfung der Aufständischen ausgewirkt. Al-Qaida wird im Irak noch auf Jahre hinaus spektakuläre Anschläge verüben.

Erstellt: 02.11.2010, 06:16 Uhr

Guido Steinberg ist Nahost-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Er war 2002 bis 2005 Referent im Referat Internationaler Terrorismus im Bundeskanzleramt.

Die Paketbomben waren funktionsfähig

Die abgefangenen zwei Paketbomben aus dem Jemen waren nach Einschätzung deutscher Sicherheitskreise voll funktionsfähig und hätten erheblichen Schaden anrichten können. Die beiden Bomben mit 300 beziehungsweise 400 Gramm geruchslosem Sprengstoff PETN waren in handelsüblichen HP-Laserjet-Druckern versteckt und mit einem ausgeklügelten Zündmechanismus versehen. Eine der Paketbomben wurde per Luftpost über Deutschland transportiert. Sie konnte nach einem Hinweis der deutschen Sicherheitsbehörden in Grossbritannien abgefangen werden.

Als gefährlich eingestuft wurde auch die hoch spezialisierte Verwendung des Sprengstoffs Nitropenta (PETN), das den Angaben zufolge nur durch Beimischung anderer Materialen aufgespürt werden könne. Der Sprengstoff sei nicht sichtbar und nicht einfach feststellbar in den Druckertonern eingebaut worden. Zudem sei die präparierte Paketbombe einem «normalen Drucker in Aufbau und Gewicht» weitgehend ähnlich gewesen.

Als Hintermann des jüngsten Terrorvorfalls wird der Saudi Ibrahim Hassan al-Asiri vermutet, der sich seit 2006 im Jemen aufhalten und eine gefährliche Terrorzelle aufgebaut haben soll. Das Terrornetzwerk Al-Kaida soll in jüngster Zeit verstärkt auf den Sprengstoff PETN zurückgreifen.

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