Millionen Afghanen strömten an die Urnen

Wenige Monate vor dem Abzug der internationalen Truppen vollzieht Afghanistan den ersten demokratischen Machtwechsel. Die Wahlbeteiligung war so hoch, dass mancherorts die Stimmzettel ausgingen.

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Bei der Präsidentenwahl in Afghanistan haben Millionen Afghanen den Weg für die erste demokratische Machtübergabe in der Geschichte des Landes freigemacht. Die Wählerinnen und Wähler trotzten den Drohungen der Taliban, denen es nicht gelang, die Abstimmung massiv zu stören.

Wegen des grossen Andrangs verlängerte die Wahlkommission (IEC) die Öffnungszeit der Wahllokale um eine Stunde. In Wahllokalen in mehreren Provinzen gingen die Wahlzettel aus, die nach IEC-Angaben aus den Provinzhauptstädten nachgeliefert wurden. Laut IEC beteiligten sich rund sieben Millionen der mehr als zwölf Millionen Wahlberechtigten an der historischen Abstimmung.

Ergebnisse gegen Mitte der Woche

Der scheidende Präsident Hamid Karzai regiert seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001. Er durfte nach der Verfassung nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren. Die Abstimmung markiert den ersten demokratischen Machtwechsel in der Geschichte des Landes.

Karzai sagte am Abend in einer Ansprache an die Nation: «Wir haben der Welt gezeigt, dass wir eine Demokratie sind.» US-Präsident Barack Obama bezeichnete die Wahl als «zukunftsweisend für das von Gewalt gezeichnete Land».

Acht Kandidaten bewarben sich um die Nachfolge Karzais. Als Favoriten gelten die früheren Aussenminister Abdullah Abdullah und Salmai Rassul sowie Ex-Finanzminister Ashraf Ghani. Sollte kein Bewerber eine absolute Mehrheit erhalten, ist für den 28. Mai eine Stichwahl vorgesehen. Erste vorläufige Teilergebnisse der Wahlkommission werden erst gegen Mitte der kommenden Woche erwartet.

Geschlossene Wahlzentren - mehrere Tote

Aufgrund der schlechten Sicherheitslage mussten nach IEC-Angaben am Wahltag weitere 205 Wahlzentren zubleiben - 748 andere waren schon vor der Abstimmung für geschlossen erklärt worden. 6212 Wahlzentren im Land seien geöffnet gewesen, teilte die IEC mit.

Statt der von den Taliban angedrohten Welle von Anschlägen auf Wahllokale kam es nur zu vereinzelten Zwischenfällen. Vize-Innenminister Mohammad Ajub Salangi sagte: «Landesweit wurden Dutzende Aufständische durch afghanische Sicherheitskräfte getötet.»

Die Behörden teilten zu den Provinzen mit, in Badghis sei ein Wähler getötet worden. Auch in Logar war ein Todesopfer zu beklagen, als in einem Wahlzentrum ein Sprengsatz detonierte. In Parwan und Wardak seien Wahllokale beschossen worden. Bei einem Selbstmordanschlag in Chost sei nur der Attentäter gestorben. In Ghasni sei ein Selbstmordattentäter von Polizisten erschossen worden.

Grossandrang vor den Wahllokalen. (Quelle: Youtube/azadiradio)

Festung Kabul

Die Taliban hatten ihre Angriffe zuletzt verstärkt, um die Wahlen zu stören. Unter anderem waren auf die Büros der afghanischen Wahlkommission innerhalb einer Woche zwei Anschläge verübt worden. Erst gestern war bei einem Angriff im Osten des Landes eine renommierte deutsche Kriegsfotografin getötet worden.

Zur Wahl waren die 352'000 afghanischen Sicherheitskräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden. In der Hauptstadt Kabul - wo spektakuläre Anschläge befürchtet worden waren - blieb es ruhig.

Die Stadt wurde zur Festung ausgebaut, Sicherheitskräfte errichteten etliche Checkpoints. Trotz schlechten Wetters bildeten sich Schlangen an den Wahllokalen. Auch in der Stadt Herat im Westen, Dschalalabad im Osten und Kandahar im Süden wurden lange Schlangen von Wählern beobachtet.

Wahlbetrug beklagt

Sorgen bereitete potenzieller Wahlbetrug. Zwei der favorisierten Kandidaten beklagten am Samstagabend Unregelmässigkeiten und Betrugsversuche. Ashraf Ghani sagte, Beobachter seiner Partei könnten «klare Betrügereien» in einigen Wahllokalen bezeugen. Abdullah Abdullah sagte, Anhänger seiner Partei hätten mehrere Beschwerden eingereicht.

Afghanische Wahlbeobachter stellten der Wahl nach einer vorläufigen Bewertung indes ein zufriedenstellendes Zeugnis aus. «Die Gesamtbewertung deutet bislang darauf hin, dass der Wahlprozess gut lief», teilte die Stiftung für Transparente Wahlen (Tefa) mit.

Der neue Präsident des Landes steht vor gewaltigen Herausforderungen. Denn die Verhandlungen mit den Taliban über eine Einbindung in den Friedensprozess liegen seit längerem auf Eis. Ausserdem blüht die Korruption. Der Drogenanbau ist auf dem Vormarsch. (wid/bru/ajk/AFP/AP/sda)

Erstellt: 05.04.2014, 07:49 Uhr

Die Favoriten

Acht Kandidaten bewerben sich um die Nachfolge des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai. Beobachter räumen drei Bewerbern die besten Chancen ein.

Abdullah Abdullah

Aufgrund seiner politischen Erfahrung gehört Abdullah Abdullah zu den prominentesten Bewerbern um das höchste Staatsamt. Bei der wegen Unregelmässigkeiten umstrittenen Wahl 2009 war er mit 31 Prozent der Stimmen der stärkste Rivale von Präsident Karzai.

Bekannt ist Abdullah auch, weil er einer der engsten Vertrauten von Rebellenanführer Ahmed Schah Massud war, der mit der Nordallianz Widerstand gegen die Sowjetunion und später gegen die Taliban leitete.

Abdullah hat viele Anhänger unter den ethnischen Tadschiken im Norden des Landes. Seine Schwäche ist die geringe Beliebtheit bei den Paschtunen, der mit 42 Prozent grössten Bevölkerungsgruppe in Afghanistan. Er selbst ist halber Paschtune.

Salmai Rassul

Der frühere Aussenminister Salmai Rassul könnte ein konsensfähiger Kandidat für verschiedene Gruppen sein. Er gilt als Vertrauter von Amtsinhaber Karzai. Rassul ist Paschtune, hat einen Abschluss als Mediziner und spricht fünf Sprachen fliessend, darunter Englisch, Französisch und Italienisch.

Mehrere Bewerber haben im Laufe des Wahlkampfs ihre Kandidatur zurückgezogen und zur Wahl Rassuls aufgerufen. Sie halten ihn für den einzigen, der die vielen Gruppen des Landes zusammenbringen und Afghanistan aus dem Krieg führen könne.

Aschraf Ghani Ahmadsai

Bei der Wahl 2009 erreichte Aschraf Ghani Ahmadsai nur drei Prozent. Der frühere Finanzminister und Mitarbeiter der Weltbank gilt als Technokrat. Derzeit leitet er eine Kommission für die Übergabe der Sicherheitsverantwortung von der Nato an die afghanische Regierung. Er hat sich im Wahlkampf für Friedensverhandlungen mit den Taliban ausgesprochen. Überdies hat er angekündigt, Karzai bei einem Sieg einen Beraterposten anzubieten. (wid/AP)

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