Festung Gazastreifen

Israel droht den Palästinensern mit einer Bodenoffensive. Doch Premier Benjamin Netanyahu hat kaum eine Alternative zu Verhandlungen, falls er sein Gazaproblem lösen will.

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Der Besuch war kurz, aber spektakulär, und das Ergebnis lässt auf sich warten. Ägyptens Premierminister Hisham Kandil reiste gestern für wenige Stunden in den Gazastreifen, um den drohenden Krieg zwischen Israel und der palästinensischen Hamas im letzten Moment zu verhindern. Die Israelis hatten Ägypten signalisiert, dass sie dem Vermittlungsversuch eine Chance geben wollten: Die den Gazastreifen beherrschende Hamas ist eine Schwesterorganisation der in Kairo neuerdings regierenden Muslimbrüder. Deren Einfluss ist beträchtlich.

Ziel der Kandil-Mission konnte trotz der scharfen Worte von Ägyptens Staatschef Mohammed Mursi («Wir lassen die Palästinenser nicht allein, das ist ein Angriff auf die Menschlichkeit») daher nur sein: Eine Waffenruhe, später ein Waffenstillstandsabkommen, das die Gewalt zwischen Israel und seinen Erzfeinden zügelt. Doch selbst wenn Kairo die Hamas zur Vernunft bringt: Die Islamistengruppe hat Widersacher im Gazastreifen, die eigene Raketen über die Grenze schiessen. Sie wollen Israel, der Hamas und sogar den Muslimbrüdern in Kairo schaden.

Möglichkeiten begrenzt

Israels Möglichkeiten, alle Islamistengruppen im Gazastreifen auszuschalten, sind begrenzt. Mit Luftangriffen allein ist dies in dem überbevölkerten Gebiet nicht zu schaffen. Der nur 350 Quadratkilometer grosse Gazastreifen zählt zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Erde; jeder einzelne Bombenangriff gefährdet das Leben von Zivilisten, zwischen denen sich die Untergrundkämpfer frei bewegen, von deren Wohnvierteln aus sie ihre weiterreichenden Raketen abfeuern.

Schon im Gazakrieg 2009 konnte die israelische Armee (IDF) den militärischen Arm der Hamas trotz ihrer dreiwöchigen, mit grösster Rücksichtslosigkeit durchgeführten Luft- und Bodenoperation «Gegossenes Blei» nicht ausschalten. Nicht einmal alle Raketen und Waffenlager konnte sie zerstören, seit 2011 sind aus Libyen und dem Sudan Tausende noch gefährlicherer Geschosse in das Mittelmeer-Küstengebiet gelangt.

Pufferzone als Alternative

Seit zwei Tagen fahren nun israelische Panzer an der Grenze zum Gazastreifen auf, Zehntausende Reservisten werden einberufen. Aber selbst eine Bodenoffensive kann nur begrenzte Ziele erreichen. Die Besetzung eines Gebietes mit 1,7 Millionen feindlich gesinnten Bewohnern würde eine gewaltige Militäroperation erfordern. Aufgrund der instabilen Lage an Israels anderen Landesgrenzen ist ein solcher IDF-Einsatz schwer vorstellbar: Im Libanon wartet die Hizbollah, auf den besetzten Golanhöhen rückt der syrische Bürgerkrieg immer näher an Israel heran.

Das Beste, was der sich offenbar schon im Wahlkampf wähnende Premier Benjamin Netanyahu erreichen könnte, wäre eine Pufferzone an der Grenze. Sie würde den Abschuss von Kurzstreckenraketen der Typen Qassam, Quds oder Nasser erschweren; die im Gazastreifen zusammengeschweissten Geschosse haben eine Reichweite von nur 5 bis 10 Kilometern.

Nur wenige der gut ein Dutzend verschiedenen militanten Gruppen im Gazastreifen verfügen israelischen und amerikanischen Sicherheitsexperten zufolge über die weiterreichenden Fajr-3- oder Fajr-5-Flugkörper iranischer Bauart, die mit Reichweiten von 60 Kilometern Tel Aviv treffen könnten. Sie wurden speziell für den Einsatz in Gaza entwickelt: Laut einem Wikileaks-Bericht über eine diplomatische Depesche zwischen Jerusalem und Washington können die Fajr-Geschosse «in vier Einzelteile zerlegt und so durch die geheimen Tunnel zwischen Ägypten und Gaza transportiert werden».

Ein Einmarsch bis tief in die Städte und «Flüchtlingslager» wie Jabalija wäre für Israels Armee hingegen schwierig: Nach fünf Jahrzehnten ohne Lösung des Palästinaproblems sind diese Lager Kleinstädte, überbevölkert und dicht bebaut. Hier sind die Militanten besonders stark. Hier hat nicht nur die Hamas in den letzten Jahren Bunkersysteme, Geheimgänge und Panzerfallen in Wohngebieten angelegt. Und hier können die verschiedenen Militanten gegen die Armee eher bestehen als in offenem Gelände, wo sie Jets, Panzern und Helikoptern wenig entgegensetzen können.

Israels Luftwaffe kann die Gazapalästinenser erneut in Not, Armut und Verzweiflung bomben. Aber trotz seiner Drohgesten hat Netanyahu ausser Friedensverhandlungen mit den Palästinensern am Ende wenig Möglichkeiten, sein Gazaproblem zu lösen. Der Waffenstillstand, den ihm die Ägypter möglicherweise vermitteln können, muss aber die Zustimmung aller Militanten im Gazastreifen finden. Einige der Gruppen wie der vom Iran finanzierte Islamische Jihad oder die Komitees des Volkswiderstands sind weit radikaler als die Hamas, obwohl sie mit dieser militärisch zusammenarbeiten. Sie werfen den Hamas-Regenten vor, sich auf «sinnlose Gespräche» mit dem Feind einzulassen, und fordern die Vernichtung Israels.

Einfluss der Hamas begrenzt

Die Hamas erkennt den Judenstaat zwar auch nicht an, hat aber politischen Spielraum signalisiert, wenn es um eine Verhandlungslösung geht. Wenig Einfluss haben die regierenden Islamisten daher auf die Radikalsten unter den Radikalen: jihadistische Salafisten, die im «Heiligen Krieg» gegen Israel ihre einzige Aufgabe sehen. Sie wollen aus dem Gazastreifen ein «islamisches Emirat» machen und werfen der Hamas vor, den Sharia-Staat noch nicht eingeführt zu haben. Dass der Ägypter Kandil mit der Hamas zu einer für Netanyahu akzeptablen Lösung kommt, ist vorstellbar: Keine Raketen aus Israel mehr, dafür aber vielleicht offene Grenzen nach Ägypten. Mit den Ultraradikalen vom Islamischen Jihad oder den Jihadisten sind solche Kompromisse schwer vorstellbar.

Erstellt: 17.11.2012, 08:55 Uhr

Gewaltspirale in Nahost: Die Gefahr eines neuen Krieges wächst. (Video: Reuters )

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