Frauen am Steuer: Das Kalkül der Saudis

Saudiarabien will Frauen endlich das Autofahren erlauben. Dabei geht es aber nicht nur um Frauenrechte.

Ab Juni 2018 Normalität in Saudiarabien: Verschleierte Frau am Steuer.

Ab Juni 2018 Normalität in Saudiarabien: Verschleierte Frau am Steuer. Bild: Reuters

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«Wir haben es geschafft», jubelte die saudiarabische Menschenrechtsaktivistin Manal al-Sharif im Kurzbotschaftendienst Twitter. Sie hatte 2011 die Protestbewegung gegen das Fahrverbot für Frauen, Women2Drive, ins Leben gerufen. Völlig überraschend ordnete König Salman nun per Dekret an, Führerscheine auch an Frauen auszugeben. Saudische Frauen sollen laut Medienberichten ab Juni 2018 am Steuer sitzen dürfen.

Die Aufhebung des Fahrverbots ist ein weiterer Schritt bei der Besserstellung der Frauen in Saudiarabien. Erst am vergangenen Wochenende begingen Männer und Frauen den Nationalfeiertag erstmals gemeinsam tanzend auf der Strasse. Frauen wurde zudem zum ersten Mal Zutritt zu einem Sportstadion gewährt. Und seit Juli ist die Teilnahme von Mädchen am Sportunterricht staatlicher Schulen erlaubt. Nach der angekündigten Fahrerlaubnis für Frauen werde Saudiarabien nicht mehr das gleiche Land sein, liess die Menschenrechtsaktivistin al-Sharif auf Twitter verlauten.

Dass saudische Frauen bald am Steuer sitzen dürfen, hat weltweit positive Reaktionen ausgelöst. Es gibt aber auch kritische Stimmen. Einige Experten sprechen von einem PR-Coup des saudischen Königshauses. Sie werfen Riad vor, mit den revolutionären Ausweitungen von Frauenrechten nur vom scharfen Vorgehen der Regierung gegen Kritiker ablenken zu wollen. Im September waren mehr als 20 Menschen festgenommen worden, unter ihnen einflussreiche Kleriker und Aktivisten.

Ein Baustein der «Vision 2030»

Und das Onlinemagazin «Quartz» stellt fest, dass es beim Entscheid von König Salman nicht nur um Menschenrechte geht, sondern auch um Geld. Gemeint sind wirtschaftliche Interessen Saudiarabiens, das vor einem Umbruch steht.

Die kontinuierliche Besserstellung der Frauen steht im Zusammenhang mit einem gigantischen Reformprojekt, das der 32-jährige Kronprinz Muhammad bin Salman vorantreibt. Mit dem Projekt «Vision 2030» will Riad seine Wirtschaft diversifizieren, weil die Öleinnahmen bald nicht mehr so fliessen werden wie bisher. Gleichzeitig soll die Gesellschaft modernisiert werden, um den Umbau der Wirtschaft zu unterstützen.

Verbesserung der internationalen Reputation

Erst kürzlich hat der CEO von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, am Global Business Forum des Medienkonzerns Bloomberg gesagt, dass die repressive Kultur eine Hürde sei für die Modernisierung und Diversifizierung der saudischen Wirtschaft. «Der Umbau der Wirtschaft funktioniert nicht ohne Zuzug von vielen Expats.» Saudiarabien müsse attraktiv werden für Talente aus aller Welt und für westliche Top-Investoren.

Ein Land, das Frauen unterdrückt, hat eine eher negative Wirkung auf Investoren und Fachkräfte aus Ländern, wo die Gleichstellung der Frauen einen Grundkonsens darstellt. Mit der Aufhebung des Fahrverbots für Frauen verbessert Saudiarabien seine internationale Reputation. Damit soll das Land attraktiver werden, insbesondere für Investoren aus dem Silicon Valley und anderen globalen Tech-Hubs. Gemäss dem Projekt «Vision 2030» will Saudiarabien in der Informationstechnologie stark werden.

Weiterhin viele Einschränkungen für Frauen

Mit der Erlaubnis zum Steuern eines Autos gewinnen Frauen in Saudiarabien ein kleines Stückchen Freiheit hinzu. Wirklich frei sind sie deshalb noch lange nicht: Sie unterliegen in dem erzkonservativen islamischen Königreich weiterhin vielen Einschränkungen. Besonders einengend ist das System der männlichen Vormundschaft: Es bedeutet, dass ein männlicher Vormund – in der Regel der Vater, Ehemann oder Bruder – die meisten Entscheidungen im Leben einer Frau trifft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.09.2017, 12:35 Uhr

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