Für die Jesiden gibt es kein Zurück

Die USA haben die Evakuierung der Jesiden abgeblasen, da die Minderheit im Nordirak gerettet sei. Ist sie aber nicht: Hunderttausende haben ihre Heimat verloren – und noch viel mehr.

Hauptsache weg aus Sinjar, egal wie: Jesidische Flüchtlinge auf der Flucht aus dem Krisengebiet.<br />Foto: Stringer, Reuters

Hauptsache weg aus Sinjar, egal wie: Jesidische Flüchtlinge auf der Flucht aus dem Krisengebiet.
Foto: Stringer, Reuters

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Der Berg liegt hinter ihnen. Der «Berg der Hölle», wie Journalisten ihn genannt haben. Der Berg, auf dem Noahs Arche landete, wie die Legende sagt. Der Sinjar, der Amerikas Armee in Bewegung setzte, die Welt in Bann schlug mit Bildern wie aus der Bibel. Ein Volk, Männer, Frauen, Kinder, die jahrtausendealte Religion der kurdischen Jesiden, belagert von fanatischen arabischen Kopfabschneidern, ausgesetzt dem Hunger und dem Durst in glühender Hitze auf einer verbrannten Hochebene im Nordirak. Es erinnert an Franz Werfels «Die 40 Tage des Musa Dagh», archaisches Setting, drohender Völkermord.

Die alte Naam Ali trägt ihre Enkelin auf dem Arm, die Eltern der kleinen Basma sind noch auf dem Berg. Naam ist barfuss, und so kam sie vom Sinjar-Berg. Acht Kinder hat sie, zwölf Familien gehören zur Sippe. Sieben Verwandte wurden verschleppt. «Wir schwören euch, wir haben den Tod gesehen», sagt Naam. Kinder, ein, zwei drei Jahre alt, starben auf dem Berg: «Von den alten Männern gar nicht zu reden.»

Kamerateams statt Flüchtlinge

Stunden haben sie sich jene Passage hinuntergeschleppt, die die Kurden am Sinjar freigekämpft haben. Es war ein Zug wie aus einem anderen Jahrhundert nach Syrien, dann zurück in den Irak. An der Brücke über die Grenze warteten Menschen mit Autos und Flipflops. Jetzt ist die alte Naam hier, in der Schule von Chanke in der Provinz Dahuk. So wie 800 andere Jesiden, die meisten Über­lebende des Berges.

US-Präsident Obama hat 20 Soldaten auf den Berg geschickt, danach hat er den drohenden Völkermord so plötzlich abgeblasen, wie er verkündet wurde. Die Lage sei doch sehr viel weniger dramatisch, knapp 5000 Jesiden harrten auf dem Berg noch aus, mehr nicht. Eine Evakuierung – über Tage in Planspielen und wachsender Dringlichkeit durch­gespielt – ist plötzlich nicht mehr nötig. Auch die Versorgung aus der Luft mit Wasser und Nahrung erübrige sich.

Ein BBC-Team liess sich auf die Anhöhe fahren, filmte Menschen unter Plastikplanen, beim Feuermachen und Waschen. Zuvor hatten Reporter keine Skrupel, in Helikoptern auf die Ebene zu fliegen und Menschen zu zeigen, die sich verzweifelt an die Kufen klammerten – und von denen mehr hätten ausgeflogen werden können, wäre der Platz nicht an Kamerateams vergeben worden. Nun aber, nach Tagen des Mitfieberns, lautet die neue Botschaft: Die Jesiden sind gerettet. Die Jesiden haben es hinter sich.

Für viele Muslime sind Jesiden Teufelsanbeter

Natürlich haben sie nichts hinter sich. Die meisten Männer in Chanke sind Arbeiter, sie sind ein argloses Volk, denen plötzlich Entsetzliches geschehen ist.

Für viele Muslime sind die Jesiden mit dem eklektizistischen Glauben Teufelsanbeter. Die Kurden aber haben zu ihnen ein sentimentales Verhältnis: «Sie sind unserer nationalen Identität am nächsten», sagt einer: «Sie beten auf Kurdisch.» Und sie sind arm. Das autonome Kurdengebiet brummt vor Geld, in der Provinzhauptstadt Arbil herrschte Goldgräberstimmung. Aber Sinjar liegt ausserhalb des autonomen Kurdengebiets, ein Dorf umringt von arabischen Orten, Folge jahrzehntelanger Arabisierungspolitik. Sinjar boomte nicht.

Als der Terror in den Ort kam, die ultrasunnitischen Milizen des Islamischen Staates mit Hunderten Männern, schwoll ihr Strom innerhalb von Stunden auf Tausende an, weil arabische Nachbarn, Freunde, Kollegen zu den ­Milizen überliefen – und über die Jesiden herfielen. Sie sollten konvertieren oder sterben, so die Drohung: «Unser Glaube sollte zerstört werden», sagt einer. Aber das war nicht das Schlimmste.

Missbrauch und Versklavung

Hadi Suleiman steht auf dem Schulhof von Chanke und hat heute zwei Bekannte weniger. Zwei Mädchen aus dem Dorf. «Sie haben sich erschossen, nachdem die Milizen sie vergewaltigt haben. Ich habe es selbst gesehen.» Misa Krusch hat noch vor zwei Tagen mit Frauen telefonieren können, die die Gotteskrieger nach Mossul verschleppt haben: «Sie ­sagen, sie sollen weiterverkauft werden.» Missbrauch und Versklavung der Frauen von Sinjar ist nicht zu bestreiten, die IS-Milizen brüsten sich selbst damit. Nur welche Dimension das Verbrechen hat, lässt sich kaum ermitteln.

Die Kurdischlehrerin Jumbat Schukri in der Provinzhauptstadt Dohuk bekam einen Anruf von einer Schülerin: «Sie sagte, sie sei vergewaltigt worden.» Die Jihadisten konzentrieren sich auf ­Jungfrauen und Frischvermählte, sagt Schuk­ri. Es gebe Massenvergewaltigungen – auch von den Nachbarn. Hunderte seien verschleppt worden, würden in Mossul festgehalten und später nach Syrien oder Saudiarabien verkauft. Eine Zeitung berichtete, arabische Anwohner in Mosul hätten 19 Frauen freigekauft und ihren Familien zurückgegeben. Auch dies ist unmöglich zu prüfen. Und selbst wenn sie die Schande überlebten, würden die Familien sie wieder aufnehmen? «Nein», sagen die Männer in Chanke wie aus einem Mund. Nur einer wirft zaghaft ein: «Es ist doch nicht ihr Fehler.»

Es drohen Epidemien

Nichts haben die Jesiden hinter sich, nicht die Angst um ihre Angehörigen, nicht die Angst vor der Zukunft. In der Provinzhauptstadt Dohuk lebten vor dem Sturm der Jihadiisten 350'000 Menschen, im ganzen Gouvernement 1,1 Millionen. Innerhalb von Wochen flohen 700'000 Menschen in die Provinz. Auch Dohuk erlebte einen kleinen Bauboom. Über neuen Villen ragt ein Riesenrad auf. Jetzt lagern Flüchtlinge in den Baustellen oder unter Bäumen. Anders als viele syrische Flüchtlinge im Libanon, als die Iraker vor zehn Jahren in Jordanien bringen die Jesiden nichts mit.

Die Hilfe aus dem Ausland läuft schleppend an. Private Spender bringen Essen, aber dem Ausmass der Katastrophe können sie nicht gerecht werden. Farhad Amin Atruschi, seit vier Wochen Gouverneur in Dohuk, macht aus seiner Hilflosigkeit keinen Hehl: «Ich bin für diese Situation nicht ausgebildet. Ich bin darauf nicht vorbereitet. Wir schaffen das nicht alleine.» Ärzte warnen vor Epidemien und fordern richtige Lager mit Abwasserentsorgung und medizinischer Hilfe. Deutschland könne mobile Lazarette schicken, in denen auch operiert werden kann, fleht Dr. Abdullah Jasem Rekani: «Ich fürchte einen Gesundheitsgenozid.»

Der Abend legt Dunst auf die staubigen Ebenen. In der Schule in Chanke sagen die Menschen: «Wir gehen nicht zurück, nicht um alles Geld der Welt. Wir wollen nach Europa.» Und die ­Kinder skandieren: «Holt uns hier raus, oder wir sterben.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2014, 08:42 Uhr

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