«Genitaler Terrorismus»

Eine Londoner Konferenz ruft auf zum Kampf gegen sexuelle Gewalt in Kriegen. Besonders schlimm ist das Problem im Ostkongo.

Gesellschaftliche Ächtung nach der Vergewaltigung: Opfer einer Massenvergewaltigung durch kongolesische Soldaten. (20. Februar 2011)

Gesellschaftliche Ächtung nach der Vergewaltigung: Opfer einer Massenvergewaltigung durch kongolesische Soldaten. (20. Februar 2011) Bild: Keystone

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Der Gynäkologe Denis Mukwege nennt es «genitalen Terrorismus», «die billigste Form der Kriegsführung». Seine Heimat, die Demokratische Republik Kongo, gilt als weltweiter Brennpunkt von Vergewaltigungen: In dem seit zwei Jahrzehnten anhaltenden Konflikt im Osten des afrikanischen Riesenstaats soll bereits eine halbe Million Kongolesinnen auf meist brutalste Weise misshandelt worden sein.

«Oft werden die Frauen von mehreren Männern vergewaltigt, während ihre Nachbarn, ihre Ehemänner oder ihre Kinder zuschauen müssen», berichtet der Frauenarzt. «Anschliessend werden sie nicht selten noch verstümmelt oder auf andere Weise gefoltert.» Solche Verbrechen würden ganz eindeutig nicht zur Befriedigung des Sexualtriebs begangen, fügt Mukwege hinzu: «Man sucht auf diese Weise die Person, ihre Familie und ganze Gemeinschaften zu zerstören.»

«Leprakranke der Gegenwart»

Der 59-jährige Mukwege versucht, die verstümmelten Opfer zumindest körperlich wieder zusammenzuflicken: In den vergangenen zwanzig Jahren hat der Arzt in seinem Krankenhaus in der ostkongolesischen Provinzhauptstadt Bukavu weit über 20'000 geschändete Frauen operiert. Viele der Misshandelten leiden unter Vaginalfisteln, die durch eine Verletzung des Gewebes zwischen der Scheide und dem Enddarm entstehen. Derartig verletzt, können Frauen weder ihre Harn- noch ihre Darmausscheidungen kontrollieren. «Sie werden zu Ausgestossenen in ihrem Zuhause», sagt Mukwege, «die Leprakranken der Gegenwart.»

Insgesamt wurden im Ende der 1990er-Jahre gegründeten Panzi-Hospital bereits 50'000 Opfer von Vergewaltigungen behandelt: Der Frauenarzt selbst operiert täglich bis zu zehn Patientinnen. Seine Freunde nennen ihn «Arzt ohne Grenzen», weil er keines der Opfer einer der über 50 bewaffneten Gruppen wieder nach Hause schickt, die im Ostkongo ihr Unwesen treiben. Keine andere Region der Welt wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten gründlicher verheert. In dem Gebiet von der halben Grösse Deutschlands tummeln sich Rebellentruppen aus den Nachbarländern, Milizen von Volksgruppen, mit Pfeil und Bogen bewaffnete Banden sowie die kongolesische Armee, die sich in wechselnden Koalitionen um die Kontrolle der reichen Bodenschatzvorkommen balgen. Und zwischendrin die Frauen, die zur Einschüchterung und Zerstörung der Moral des Feindes geschändet werden.

Ganze Familien werden zerstört

Auf Vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung greifen Rebellen und Soldaten auf dem gesamten afrikanischen Kontinent auch gegenwärtig noch immer zurück: Ob beim Bürgerkrieg im Südsudan, in der Zentralafrikanischen Republik oder in Somalia. In Nigeria haben die «Heiligen Krieger» der Boko-Haram-Sekte kürzlich fast 300 Mädchen als Geiseln genommen, um sie ihren Kumpanen als «Ehefrauen» anzubieten. Und selbst im vermeintlich friedlichen Südafrika tragen von der Armut marginalisierte Männer ihren Frust und ihre Gewaltbereitschaft auf dem Rücken des «schwachen Geschlechtes» aus. Schätzungen zufolge wird am Kap der Guten Hoffnung alle drei Minuten eine Frau vergewaltigt.

Wird eine Frau vor den Augen ihrer Familie misshandelt, werden alle zerstört, weiss Gynäkologe Mukwege: «Ich habe Ehemänner und Kinder gesehen, die deshalb den Verstand verloren haben.» Viele Frauen könnten nach einer brutalen Vergewaltigung keine Kinder mehr kriegen, ganze Dorfgemeinschaften würden aus dem Gleichgewicht geworfen. Der Arzt kann zumindest einige der körperlichen Schäden reparieren, und er will auch die psychischen Folgen therapieren. Zu diesem Zweck wurde in seiner Klinik kürzlich auch eine psychotherapeutische Abteilung eingerichtet.

Was Denis Mukwege jedoch nicht kann, ist, die Ursachen des Wahnsinns aus dem Weg zu räumen: Ein Ende der Straflosigkeit, mit der zumindest im Kongo die Vergewaltiger rechnen können, wäre ein Schritt in diese Richtung.

Erstellt: 11.06.2014, 12:38 Uhr

Er operiert täglich bis zu zehn Patientinnen, die bei Vergewaltigungen Verletzungen erlitten: Denis Mukwege, Frauenarzt aus der Demokratischen Republik Kongo.

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Sexuelle Gewalt als Kriegswaffe

«Eines der grossen Massenverbrechen»

US-Schauspielerin Angelina Jolie und der britische Aussenminister William Hague haben in London eine internationale Konferenz zum Kampf gegen sexuelle Gewalt in bewaffneten Konflikten eröffnet. An der viertägigen Tagung nehmen Vertreter von 117 Nationen sowie von Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen teil. «Wir können es schaffen, den Einsatz von sexueller Gewalt als Waffe in Kriegen zu beenden», sagte Jolie in ihrer Eröffnungsrede. «Überlebende brauchen sich nicht zu schämen.» Jolie ist Sondergesandte des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR.

Der britische Aussenminister Hague bezeichnete die Vergewaltigung von Frauen durch Soldaten als «eines der grossen Massenverbrechen des 20. und 21. Jahrhunderts». Hunderttausende Frauen würden in Kriegsgebieten vergewaltigt oder anderweitig sexuell missbraucht. Allein in Bosnien seien 50'000 Frauen betroffen gewesen. Ziel sei es, ein Protokoll zu erarbeiten, das internationale Standards bei der Dokumentation von Übergriffen und deren Strafverfolgung in Konfliktgebieten definiert.

Bis Freitag werden zahlreiche internationale Politiker in London erwartet, darunter US-Aussenminister John Kerry. Zu Wort kommen sollen auch Opfer und Zeugen sexueller Verbrechen in Konfliktländern. (vin/sda)

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