Analyse

«Ghadhafi hat unzählige Aufstände überlebt»

Tunesien und Ägypten seien für die Libyer inspirierend, sagt der Genfer Soziologe Jean Ziegler im Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Interview. Der Opposition steht aber der «schlimmste Repressionsapparat Nordafrikas» gegenüber.

Würde selber gern auf die Strasse: Auf den angekündigten «Tag des Zorns» organisiert Muammar Ghadhafi eine Pro-Regierungs-Demonstration.

Würde selber gern auf die Strasse: Auf den angekündigten «Tag des Zorns» organisiert Muammar Ghadhafi eine Pro-Regierungs-Demonstration. Bild: Keystone

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Herr Ziegler, in Libyen haben Oppositionelle den «Tag des Zorns» ausgerufen. Wie viele Leute werden sie mobilisieren können?
Das ist sehr schwer zu sagen. Heute ist ein sehr wichtiges Datum, es ist der Gedenktag an die Proteste in Benghazi am 17. Februar 2006. Der damalige Volksaufstand, der als organisierte Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen angefangen und zum Protest gegen die Regierungen umschlug, wurde allerdings niedergeschlagen.

In Ägypten und Tunesien war die Revolution erfolgreich, die Diktatoren sind zurückgetreten. Welchen Einfluss hat das auf die libysche Gesellschaft?
Die libysche Gesellschaft ist die weltoffenste Gesellschaft Nordafrikas, sie ist unglaublich mobil. An Libyens Ostgrenze ist Ägypten und an der Westgrenze Tunesien, also zwei Länder, die die Revolution erlebt haben. Der Personenverkehr ist sehr intensiv nach Djerba, Tunesien und nach Alexandria, Ägypten. Im grenznahen Ort Marsa Matruth fahren täglich Hunderte Autos hin und her. Die Symbiose Libyens mit beiden Gesellschaften, der tunesischen und ägyptischen, ist sehr stark. Im Kollektivbewusstsein spielen die beiden Volksaufstände unglaublich motivierende Rollen.

Könnte Ghadhafis Herrschaft bald ein Ende haben?
Sein Clan, der Revolutionsrat, ist seit September 1969 an der Macht. Es ist der schlimmste Repressionsapparat Nordafrikas. Er hat unzählige Volksaufstände und islamische Aufstände überlebt, er hat den US-Präsidenten Ronald Reagan überlebt, den internationalen Boykott. Ob es den Demonstranten gelingt, diesen Repressionsapparat zu stürzen, weiss ich nicht. Aber Wunder passieren.

In Ägypten und Tunesien stürzten die Diktatoren auch, weil die Weltöffentlichkeit zusah. Ghadhafi dürfte es dagegen ziemlich egal sein, was man über ihn denkt.
Ich glaube nicht, dass das einen Einfluss hat. Die Grundnahrungsmittelpreise haben in Ägypten und Tunesien eine grosse Rolle gespielt. Die Angst vor dem Hunger. Die Preisexplosion konnten weder Ben Ali noch Mubarak aufhalten, sie hatten das Geld nicht. Ghadhafi schon. Libyen ist ein reiches Land, es verdient 18 Milliarden US-Dollar im Jahr, Einnahmen aus dem Erdölgeschäft. Die Preise für Grundnahrungsmittel in Libyen sind soeben um ein Drittel gesunken.

Die Revolution begonnen haben aber Studenten, Intellektuelle. Die werden sich nicht durch sinkende Lebensmittelpreise kaufen lassen.
Das stimmt. Es gibt zwei Dimensionen in der Revolution. Einerseits die Hungerrevolte, andererseits den Aufstand der Menschenwürde. Der Motor des Hungers fällt in Libyen weg. Bleibt der Drang nach Freiheit.

Erstellt: 17.02.2011, 13:54 Uhr

«Der Motor des Hungers fällt in Libyen weg»: Jean Ziegler, Beirat des UNO-Menschenrechtsrats und Autor des Buches «Der Hass auf den Westen». (Bild: Keystone )

Al-Ghadhafis Polizeistaat

Libyen gilt als eines der repressivsten Regimes der arabischen Welt. Proteste wurden bisher immer blutig niedergeschlagen. Ein regelrechtes Massaker veranstalteten Muammar al-Ghadhafis Schergen 1996 im Abu-Salim-Gefängnis. 1200 Insassen, die gegen ihre Haftbedingungen protestiert hatten, wurden getötet.

Muammar al-Ghadhafi klammert sich seit 1969 an die Macht. Während sein Clan durch Öleinnahmen milliardenschwer wurde, darbt das Volk. Ghadhafi war erst wegen seiner Unterstützung des Terrorismus international geächtet. Dies änderte sich, als er sich mit den Opfern des Anschlags von Lockerbie finanziell einigte. Am 15. Mai 2006 kündigten die USA an, Libyen von der Liste der Terrorstaaten zu streichen und wieder diplomatische Beziehungen zu Libyen aufzunehmen. Zu Ghadhafis besten Freunden zählt der italienische Premier Silvio Berlusconi.

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