Gibt es in Afrika bald ein Silicon Valley?

Nirgends wächst die Informationstechnologie schneller als in Afrika. Experten rechnen damit, dass der Kontinent gar zu einer der wettbewerbsstärksten Regionen mutiert.

Der digitale Graben schliesst sich langsam: Internet-Café in Senegals Hauptstadt Dakar.

Der digitale Graben schliesst sich langsam: Internet-Café in Senegals Hauptstadt Dakar. Bild: Keystone

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Deodata Nakito hat diesen Traum 30 Jahre lang geträumt: Am Stadtrand von Kampala eine Privatschule aufzubauen, in der die unzähligen, von den staatlichen ugandischen Bildungseinrichtungen enttäuschten Eltern ihre Kinder hinbringen können. Jahrzehntelang dümpelte die Schule allerdings nur vor sich hin: Schuldirektorin Nakito unterrichtete die wenigen ihr anvertrauten Zöglinge in Bretterhütten, es gab weder Toiletten noch ein Lehrerzimmer.

Über Mittel, ihre Privatschule komfortabler, sicherer und attraktiver zu gestalten, verfügte die inzwischen 50-Jährige nicht. Doch heute tummeln sich mehr als 600 Kinder auf dem Schulhof. Ein Wachmann passt am Stahltor auf, und Nakito kann sich sogar ein kleines Büro leisten. Möglich gemacht hat die Verwandlung ein Kredit über umgerechnet rund 2300 Franken, den sich die Schuldirektorin über MyC4 sichern konnte: Eine Kreditvermittlungsagentur, die «Menschen mit Mitteln und Menschen mit Bedürfnissen zusammenbringt», wie ihr dänischer Gründer Mads Kjaer sagt.

Ein Produkt der Cyber-Ära

Das Unternehmen mit dem trendigen Namen, mit Bezug sowohl zu dem Plastiksprengstoff C4 als auch zum englischen «see for» (im Sinne von «sich kümmern um»), ist ein Produkt der Cyber-Ära: Ohne das Internet wäre die Vermittlungsagentur, die Investoren vor allem aus den Industrienationen mit kredithungrigen Kleinunternehmern aus Afrika zusammenbringt, niemals möglich gewesen.

So aber schickt sich Mads Kjaer an, sein noch auf etwas wackligen Beinen gehendes Kind zu einem einmaligen globalen Finanzanbieter zu entwickeln: «MyC4 könnte das erste Unternehmen der Welt mit 6,6 Milliarden Beteiligten werden, die alle ein gemeinsames Ziel haben: Die Welt zu einem besseren Ort zu machen», schwärmt der Unternehmer.

MyC4 ist nur eine von vielen revolutionären Anwendungsbereichen, die das Internet in Afrika möglich macht. Andere Nutzniesser der Informationstechnologie sind Farmer, die sich online über das Wetter, Pflanzenerkrankungen und mögliche Gegenmittel informieren können, oder in einer abgelegenen Buschklinik tätige Missionsärzte, die «telemedizinisch» übers Internet Operationen durchführen.

Quantensprung

In den Metropolen und inzwischen sogar in vielen Dörfern schiessen Internet-Cafés wie Pilze aus dem Boden: Afrika sei derzeit der «weltweit am schnellsten wachsende Markt der Kommunikationsindustrie», schreibt die Internationale Telekommunikations-Union (ITU) in einem Bericht.

Das Internet ermöglicht den Afrikanern einen Quantensprung in der Entwicklung, den selbst Milliarden von Franken an Entwicklungshilfe nicht leisten können. Jetzt brauchen Schulen in Timbuktu statt ganzer Bibliotheken nur noch ein paar Secondhand-Computer, um den Lernenden Zugang zum gesammelten Wissen der Welt zu verschaffen. Genau wie ghanaische Trommelmacher nur eine Webseite benötigen, um ihre Produkte auf dem ganzen Globus anbieten zu können.

Touristen können ihren Aufenthalt in einer Wildpark-Lodge in Sambia online buchen, während afrikanische Bauern die Preise von Agrarprodukten im Internet nachsehen können, um die lukrativsten Pflanzen anzubauen. Der amerikanische Entwicklungsprofessor Jeffrey Sachs scheint sich ob der sich bietenden Möglichkeiten von einem Untergangspropheten in einen Optimisten verwandelt zu haben. «Ich glaube, wir haben die Kurve gekriegt», meint der Autor der Uno-Millenniumsziele: «Der digitale Graben wird mittlerweile nicht mehr breiter, sondern enger. In der Geschäftswelt, den Notdiensten, im Bildungsbereich, dem Gesundheitswesen, beim wissenschaftlichen Austausch, der Unterhaltung und allen anderen gesellschaftlichen Bereichen können wir jetzt riesige Fortschritte erzielen.»

Neues Kabel vor Somalia

Natürlich steht dem elektronischen Himmelreich auf Erden noch einiges im Weg. In den meisten Ländern Afrikas sind die Internet-Verbindungen so schlecht, «dass es einem manchmal vorkommt, als ob man ein 3-Gang-Menü durch einen Strohhalm essen müsste», schrieb kürzlich ein Blogger. Und in Uganda hat man für einen Breitband-Anschluss noch sage und schreibe 500 Dollar zu bezahlen – für die meisten unerschwinglich.

Doch auch auf diesem Gebiet tut sich etwas: Vor der somalischen Küste wird derzeit – ungeachtet aller Piratenaktivität – ein neues Unterwasserkabel verlegt, das bald den halben Kontinent bis nach Südafrika mit neuen Hochgeschwindigkeitszugängen versorgen wird. Gleichzeitig will der Internetriese Google ein Konsortium bilden, das 16 Satelliten im Orbit finanziert, mit deren Hilfe drei Milliarden Menschen in Afrika und anderen Entwicklungsländern an die Nabelschnur des Informationszeitalters angeschlossen werden könnten.

Richard Bell, Geschäftsführer der Risikokapitalgesellschaft East Africa Capital Partners, sagt, Afrika habe dank der Informationstechnologie das Potenzial, sich von «einer der rückständigsten zu einer der aggressivsten und wettbewerbsstärksten Regionen der Welt» zu entwickeln. (Der Bund)

Erstellt: 18.05.2009, 13:43 Uhr

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