Grosse Erwartungen in Lateinamerika – oder ist es Zeit für Afrika?

Die Chance besteht, dass es weissen Rauch gibt für einen Schwarzen. Er wäre nicht der erste Papst aus Afrika. Doch auch die Millionen von Katholiken in Südamerika machen Druck.

Favoriten auf ihren jeweiligen Kontinenten: Odilo Pedro Scherer, Erzbischof von São Paulo, links. Rechts: Kardinal Peter Turkson aus Ghana. Weitere Papabili sehen Sie in unserer Bildstrecke links unten.

Favoriten auf ihren jeweiligen Kontinenten: Odilo Pedro Scherer, Erzbischof von São Paulo, links. Rechts: Kardinal Peter Turkson aus Ghana. Weitere Papabili sehen Sie in unserer Bildstrecke links unten. Bild: Keystone

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Der Tenor unter lateinamerikanischen Kommentatoren und Katholiken ist eindeutig: Eigentlich wäre es Zeit, endlich einen Lateinamerikaner zum Papst zu wählen. Sie betonen, dass 1,2 Milliarden Katholiken in der Weltregion leben, was einem weltweiten Anteil von 42 Prozent entspricht. Und dass Brasilien und Mexiko die beiden bevölkerungsreichsten katholischen Länder der Erde sind. Die lateinamerikanische Öffentlichkeit hat genau registriert, was der Deutsche Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre und Kurienerzbischof, gesagt hat: «Ich kenne viele Bischöfe und Kardinäle aus Lateinamerika, die fähig wären, die Verantwortung für die Universalkirche zu tragen. Das Christentum ist nicht auf Europa beschränkt.»

Ein Lateinamerikaner als Papst könnte in den Augen vieler Kommentatoren den Vormarsch evangelikaler Freikirchen bremsen, die in der ganzen Region enormen Zulauf haben. Laut einer Studie des privaten brasilianischen Zentrums für religiöse Statistik und soziale Forschung haben sich während der letzten zehn Jahre allein in Brasilien mehr als 15 Millionen Menschen vom Katholizismus abgewandt. Davon sind 70 Prozent einer evangelikalen Freikirche beigetreten. Gehörten im Jahre 1999 knapp 10 Prozent der brasilianischen Gesamtbevölkerung dieser Glaubensrichtung an, sind es heute rund 25 Prozent.

Nicht nur in Brasilien, sondern auch in anderen Ländern Lateinamerikas hält ein wachsender Anteil der vorwiegend jungen Bevölkerung die katholische Kirche für nicht mehr zeitgemäss. Für viele Gläubige ist ihre steife, in altertümelnder Sprache vollzogene Liturgie weniger attraktiv als jene der Freikirchen, die auf Popmusik, Lichteffekte und spontane Umarmungen setzt. Die laizistisch eingestellte Bevölkerung hingegen empfindet viele der von der katholischen Kirche vertretenen Werte, insbesondere was die Sexualität betrifft, als weltfremd.

Der am häufigsten genannte lateinamerikanische Anwärter für die Nachfolge Benedikts XVI. ist der Erzbischof von São Paulo, Odilo Pedro Scherer. Sein Erzbistum gehört mit rund 6 Millionen Katholiken zu den grössten der Welt. Der 64-jährige Nachfahre deutscher Einwanderer gilt als theologisch moderat.

Chancen werden auch dem Argentinier Leonardo Sandri eingeräumt. Der 69-jährige Präfekt der Kongregation für die Ostkirchen wurde einem breiteren Publikum bekannt, als er am 2. April 2005 den Tod von Papst Johannes Paul II. verkündete. Der italienischstämmige Sandri soll innerhalb der Kurie über gute internationale Beziehungen verfügen. Argentinische Beobachter nennen ferner den Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio, als möglichen neuen Oberhirten. Gerüchten zufolge erhielt er bei der letzten Wahl am zweitmeisten Stimmen hinter Kardinal Joseph Ratzinger.

Zwei Favoriten in Afrika

«It’s time for Africa», sang die kolumbianische Popdiva Shakira 2010 zur Fussball-WM am Kap der Guten Hoffnung: Ihr Lied ist zur Hymne des Kontinents geworden. «It’s time for Africa» jubeln Wirtschaftsexperten, wenn sie auf die ökonomischen Erfolge des Erdteils zu sprechen kommen. Und so könnte es auch aus der Sixtinischen Kapelle tönen. Dass der nächste Papst ein Afrikaner sein wird, ist nicht ausgeschlossen.

Schon bei der Papstwahl vor acht Jahren wurde ein Kardinal aus Afrika zu den Favoriten gezählt: Dem Nigerianer Francis Arinze sagte man beste Chancen nach, die über eine Milliarde Katholiken der Welt zu führen. Dafür sprach nicht nur Arinzes Intellekt, sondern auch, dass er aus dem Erdteil mit den höchsten Wachstumsraten der katholischen Kirche kommt: In Afrika sollen sich derzeit bereits 165 Millionen Gläubige vom Vatikan leiten lassen, 2025 werden es voraussichtlich 230 Millionen sein – ein Sechstel aller Katholiken der Welt.

Obwohl die Kirche in Europa immer tiefer in die Depression fällt, entschieden sich die 115 Kardinäle damals doch wieder für einen «hellen» Papst – für Kritiker ein klares Zeichen dafür, dass die Kurie noch immer nicht in der Gegenwart angekommen ist. Schliesslich werfe schon der Brauch, dass beim Scheitern der Kardinäle schwarzer Rauch aus der Sixtinischen Kapelle aufsteigt, der bei einer Einigung weiss wird, ein Schlaglicht auf die diskriminierende Farbenlehre. «Wird es jemals weissen Rauch für einen schwarzen Papst geben?», fragt ein kenianischer Kolumnist.

Es wäre nicht das erste Mal. Papst Viktor I., der zwischen den Jahren 189 und 199 die noch überschaubare Ekklesia führte, war in der Nähe des heutigen libyschen Tripolis geboren worden. Zwei weitere Kirchenführer im vierten und Ende des fünften Jahrhunderts stammten ebenfalls aus dem römisch besetzten Nordafrika. Danach aber herrschten mehr als 1500 Jahre lang die Weissen: Die Europäer liessen sich die Unfehlbarkeit nicht mehr aus der Hand nehmen.

Glaubt man dem irischen Buchmacher Paddy Power, steht die katholische Welt nun aber vor einer Wende. Denn seine Liste der Papstfavoriten wird von zwei Afrikanern angeführt: Kardinal Arinze, den der Wettexperte auf 15:8 positioniert – dicht gefolgt von dessen ghanaischem Kollegen Peter Turkson mit 9:4. Kenner des Vatikans räumen Arinze allerdings kaum noch Chancen ein: Als 80-Jähriger steht er am Alterslimit – was den Kardinälen nach Benedikts Rücktritt nicht gleichgültig sein wird.

Dagegen ist der Ghanaer Kardinal Peter Turkson mit seinen 64 Jahren einer der jüngsten Kirchenführer und kann sich ausserdem mit den meisten seiner Schäfchen verständigen: Neben Englisch, Französisch, dem ghanaischen Fante, Italienisch, Griechisch, Hebräisch, Aramäisch und Arabisch spricht er auch Deutsch.

Erstellt: 12.02.2013, 07:46 Uhr

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