Gute Geschäfte im Pulverdampf

Der Krieg ist noch nicht richtig zu Ende, schon rücken die Schätze Libyens wieder in den Fokus. Die alten Freunde Ghadhafis bemühen sich um gute Beziehungen zu den neuen Herren über Öl und Flüchtlingsströme.

Setzte sich an die Spitze der Libyen-Aktion: Frankreichs Präsident Sarkozy empfängt Mahmoud Jibril vom Libyschen Übergangsrat. (24. August 2011)

Setzte sich an die Spitze der Libyen-Aktion: Frankreichs Präsident Sarkozy empfängt Mahmoud Jibril vom Libyschen Übergangsrat. (24. August 2011) Bild: Keystone

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Der libysche Machthaber Muammar al-Ghadhafi ist in den Hauptstädten Europas lange Zeit hofiert worden. Zwar waren die Auftritte des selbst ernannten Revolutionsführer stets bizarr, doch hatte er seinen Verhandlungspartner auf der anderen Seite des Mittelmeers einiges zu bieten: Öl und einen verlässlichen Schutzwall gegen den Flüchtlingsstrom aus Afrika.

Nachdem die Aufständischen nun fast das ganze Land unter ihre Kontrolle gebracht haben, wollen sich Staats- und Regierungschefs aus aller Welt mit den neuen Herren in Tripolis gut stellen. Jetzt ist es wieder an der Zeit, an die eigenen Interessen zu denken.

Deutschlands Weg aus dem Abseits

Deutschland wollte den Nato-Einsatz gegen die Streitkräfte Ghadhafis zwar nicht mittragen und hat sich damit nach Auffassung zahlreicher Beobachter aussenpolitisch ins Abseits manövriert. Das hat das Auswärtige Amt jedoch nicht davon abgehalten, bereits im Mai ein Verbindungsbüro in der Rebellenhochburg Benghasi zu eröffnen. Ein «erfahrener Diplomat» habe dort seine Arbeit aufgenommen, sagte Bundesaussenminister Guido Westerwelle zur Eröffnung.

Zunächst wolle Deutschland beim Aufbau demokratischer Strukturen helfen, heisst es. Doch zumindest mittelfristig will Berlin wohl auch wirtschaftlich an alte Zeiten anknüpfen. Schliesslich war Deutschland der zweitwichtigste Handelspartner Libyens. 2010 lieferten deutsche Unternehmen Waren im Umfang von über einer Milliarde Franken nach Libyen, darunter Maschinen, Autoteile, Nahrungsmittel und chemische Erzeugnisse.

Das Beduinenzelt im Élysée

Über 30 deutsche Unternehmen waren im Land, sie verantworteten Projekte in der Ölproduktion und der Infrastruktur. Die Bundesrepublik bezog im vergangenen Jahr libysche Produkte im Wert von gut 3,6 Milliarden Franken. Libyen war für Deutschland einer der wichtigsten Lieferanten von Erdöl. Auch wenn Deutschlands Ansehen in Libyen nach der Enthaltung über den NATO-Einsatz im UN-Sicherheitsrat gelitten haben dürfte, geht der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) mittelfristig nicht von Nachteilen für die deutsche Wirtschaft aus. «Produkte made in Germany und deutsche Ingenieursleistung sind gefragt», heisst es in der DIHK-Broschüre «Libyen - Perspektiven für die deutsche Wirtschaft».

Zu Beginn der Unruhen setzte sich der französische Präsident Nicolas Sarkozy an die Spitze der Allianz gegen Ghadhafi. Dabei hatte auch er den libyschen Despoten einst umgarnt. 2007 schlug Ghadhafi sein Beduinenzelt sogar im Garten des Gästehauses des Élysée-Palasts auf und wurde mit militärischen Ehren empfangen. Bei dem Besuch wurden Verträge im Wert von mehreren Milliarden Euro unterzeichnet.

Von seiner Vorreiterrolle bei der Unterstützung der Rebellen dürfte sich Frankreich nun auch wirtschaftliche Vorteile versprechen. Frankreich war vor Beginn der Kämpfe einer der Haupthandelspartner Libyens, daran möchte Paris nun anknüpfen. Mit den neuen Machthabern in Tripolis hat sich Sarkozy schliesslich bereits gut gestellt.

Ghadhafis Küstenwache, das letzte Bollwerk

Auch Italien zählte einst zu den engsten Verbündeten Libyens in Europa. Der Erdölkonzern Eni war vor Beginn der Kämpfe der grösste ausländische Produzent im Land. Als Mittelmeeranrainer war Rom zudem ganz besonders an strengen Grenzkontrollen der libyschen Sicherheitskräften gelegen. Ghadhafis Küstenwache war in den Augen Italiens das letzte Bollwerk gegen den Flüchtlingsstrom aus dem Süden.

Italien war einst der grösste Wirtschaftspartner des nordafrikanischen Landes. Das Handelsvolumen betrug 2010, vor Beginn des Bürgerkriegs, fast 13 Milliarden Franken. In der vergangenen Woche empfing Ministerpräsident Silvio Berlusconi den libyschen Rebellenführer Mahmoud Jibril in Mailand. Dabei ging es auch um die Wiederaufnahme der Handelsbeziehungen und die Einhaltung bestehender Verträge. «Sie haben sich verpflichtet, alle Verträge einzuhalten. Auch die zwischen italienischen Unternehmen und Libyen», sagte der italienische Aussenminister Franco Frattini nach dem Treffen. «Es waren keine Verträge mit Ghadhafi.»

Pipeline nach Italien bald wieder offen

Am Montag kündigte Eni an, seine Geschäfte in Libyen wieder aufnehmen zu wollen. Der Erdölkonzern unterzeichnete mit dem Übergangsrat der Rebellen nach eigenen Angaben ein Memorandum, laut dem die Greenstream-Pipeline, über die Gas von Libyen nach Italien transportiert wird, wieder in Betrieb genommen werden soll. Beide Seiten wollten Bedingungen für eine «rasche und vollständige» Wiederaufnahme der Aktivitäten Enis in dem nordafrikanischen Land schaffen, teilte der Konzern mit. Eni liefert den Angaben zufolge ausserdem raffinierte Erdöl-Produkte nach Libyen.

Die USA hatten sich in den ersten Wochen militärisch an die Spitze des Nato-Einsatzes zur Überwachung des libyschen Luftraums gestellt, sich dann aber zurückgezogen und Frankreich sowie Grossbritannien die Verantwortung übertragen. Nachdem das Weisse Haus Ende April die Sanktionen gegen Libyen gelockert hatte, konnten auch US-Unternehmen in das lukrative Ölgeschäft einsteigen. Wenn die Gewinne dem oppositionellen Nationalen Übergangsrat zugutekommen, dürfen US-Firmen wieder Öl- und Erdgasgeschäfte in Libyen abschliessen.

Chinas neuer Pragmatismus

China steht Volksaufständen stets kritisch gegenüber. Wachsende wirtschaftliche Interessen im Ausland haben jedoch auch die Regierung in Peking pragmatischer werden lassen. «Das ist Flexibilität im Lichte ökonomischer Interessen», sagt David Zweig von der Hongkonger Universität über den neuen Ansatz.

26 chinesische Unternehmen sind mit geschätzten 20 Milliarden Dollar in Libyen engagiert. Ein Grossteil der Projekte ist erst zur Hälfte fertiggestellt und die chinesischen Firmen dürften nach dem Ende der Kämpfe auf einen zügigen Abschluss der Arbeiten dringen. Chinesische Unternehmen bauen in Libyen zwei Bahnstrecken und verlegen Telekommunikationskabel zwischen der Stadt Darnah und Griechenland. «Sie haben hier viel investiert», sagt Zhang vom internationalen Bauunternehmerverband. «Und Libyen ist insgesamt ein sehr guter Markt mit vielen Geschäftschancen.»

Denis Düttmann, AP (ami/dapd)

Erstellt: 31.08.2011, 23:42 Uhr

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