Hass auf den Nachbarn

Der Islamische Staat ist in der Defensive, die USA planen für das Frühjahr den Gegenschlag. Doch statt Frieden droht danach das Chaos.

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Das Vertrauen in die Nachbarn sei weg. Nie mehr könnten sie mit Sunniten zusammenleben. So oder ähnlich äusserten sich Mitglieder der religiösen Minderheit der Jesiden im Gespräch mit John Eibner. Der Menschenrechtsaktivist von Christian Solidarity International (CSI) besucht den Irak seit Jahren regelmässig. Mitte Februar war er letztmals dort, über Erbil, die Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan, reiste er nach Dahuk. Zehntausende Iraker haben in diesem Gebiet vor den Jihadisten des Islamischen Staates (IS) Schutz gesucht.

Die Bevölkerung des nördlichen Iraks ist sehr heterogen. Kurden und arabische Sunniten dominieren. Hier leben aber auch Christen, Schiiten und Jesiden. Hier finden Sie eine Karte, die den Flickenteppich detailliert zeigt.

Die Beziehungen der einzelnen Volksgruppen seien zerrüttet, sagt Eibner im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Sowohl jesidische als auch christliche Flüchtlinge berichteten, dass an den Angriffen im letzten Sommer nicht nur Kämpfer des Islamischen Staats, sondern auch ihre sunnitischen Nachbarn beteiligt waren. In Gebieten, die seither zurückerobert wurden, sind Massengräber entdeckt worden. In den letzten Wochen wurden Racheakte gemeldet. Bewaffnete Jesiden haben mehrere Sunniten-Dörfer angegriffen.

Gemäss Eibner operiert im Nordirak eine Vielzahl von bewaffneten Milizen aller ethnischen und religiösen Gruppen. Deren Kommandanten verfolgten in der Regel individuelle Ziele und würden in Konkurrenz zueinander stehen.

Offensive im April oder Mai

Auf die Milizen setzen die USA. Im Frühjahr soll in einer Offensive der IS aus Mosul, der zweitgrössten irakischen Stadt, vertrieben werden. Dies hat das US-Verteidigungsministerium Ende letzter Woche bekannt gegeben. 20'000 bis 25'000 kurdische und irakische Truppen sollen im April oder Mai angreifen. Die USA selber werden sie dabei wahrscheinlich nur aus der Luft unterstützen.

In den letzten Monaten konnte der Vormarsch des IS im Irak gestoppt werden. Kurdische und irakische Truppen haben die grössere Umgebung von Bagdad gesichert und den IS mit Unterstützung der US-Luftwaffe in den Norden zurückgedrängt. Kurdische Truppen sind näher an Mosul herangerückt. Und auch in der Region Sinjar, dem wichtigsten Siedlungsgebiet der Jesiden, wurden Gebiete zurückerobert.

Wie die Karte zeigt, kontrolliert der IS jedoch nicht nur in Syrien, sondern auch im Irak weiter ein grosses Territorium und ist keinesfalls besiegt.

Hier finden Sie eine vergrösserte Ansicht der Karte.

Trotzdem erwartet Kenneth Pollack, Nahost-Spezialist des Washingtoner Thinktanks Brookings Institution, dass der IS in den nächsten 6 bis 18 Monaten aus dem Irak vertrieben werden kann. In einem Beitrag für die «New York Times» warnt er aber, dass dieser militärische Sieg in einer «Katastrophe» enden könnte. Eine Meinung, die auch John Eibner teilt.

Eibner wie Pollack kritisieren, dass im Irak die militärische Kampagne vorangetrieben, jedoch der politische Prozess vernachlässigt wird. «Die USA haben keinen Plan für die Zeit nach dem IS», sagt Eibner. Beide warnen vor einem neuen Bürgerkrieg, sollte der IS und damit der gemeinsame Feind aller Milizen in der Region erst einmal vertrieben sein. Eibner schätzt die Gefahr grösser ein als nach dem Sturz von Saddam Hussein.

Diesmal fehlen ausländische Bodentruppen. Die USA haben sich bis Ende 2011 komplett aus dem Irak zurückgezogen. Nach dem Vorstoss des IS sind die US-Soldaten zwar zurückgekehrt. Gut 4000 sind derzeit im Land. Doch sie sollen nicht selber kämpfen, sondern vor allem als Ausbilder und Berater wirken.

US-Zugeständnisse an die Sunniten

Wie Eibner sagt, verlaufen im Nordirak die Interessen der Milizen quer durch Religions- und Volksgruppen. So kontrollieren die Kurden auf den ersten Blick ein Gebiet, das bis zur syrisch-irakischen Grenze und darüber hinaus reicht. Verteidigt wird es jedoch von verschiedenen Verbänden. In Sinjar ist die PKK präsent, die sich seit dem Sturz Saddams in der bergigen Grenzregion zur Türkei installiert hat. Die Peshmerga bilden zwar die Streitkräfte der autonomen Region Kurdistan, doch fühlen sich die Kämpfer verschiedenen rivalisierenden Parteien zugehörig. Für die Kurden insgesamt sind der Kampf gegen den IS und der geplante Vorstoss auf Mosul eine Gelegenheit für die Ausbreitung ihres Territoriums über ihr angestammtes Gebiet hinaus. Mosul und Umgebung wird mehrheitlich von arabischen Sunniten bewohnt.

Kämpfer der PKK in Sinjar. (29. Januar 2015/Bild: key)

Die Sunniten wiederum sehen auch einem Vorstoss der irakischen Truppen in ihr Gebiet mit gemischten Gefühlen entgegen. Denn die Armee wird von Schiiten dominiert. Schiiten sind im Irak klar in der Mehrheit. Die Politik des langjährigen schiitischen Premiers Nouri al-Maliki, unter dem die Sunniten im Irak diskriminiert wurden, gilt als einer der Gründe, weshalb der IS bei seinem Vormarsch in den sunnitischen Gebieten kaum auf Widerstand stiess. Die Sunniten werden sich wohl nur vom IS abwenden, wenn ihnen im Gegenzug mehr Autonomie zugestanden wird.

Gemäss Eibner ist das die Strategie Washingtons, deren internationale Allianz gegen den IS primär von sunnitischen arabischen Staaten getragen wird. Ein autonomes Sunnitengebiet ist jedoch nicht im Interesse der Jesiden, die ethnisch teilweise zu den Kurden gezählt werden. Sie haben sich nach den traumatischen Erlebnissen im Zusammenhang mit dem IS-Vorstoss ebenfalls bewaffnet.

Der Zivilbevölkerung sei die gefährliche Situation im Nordirak bewusst, sagt Eibner. «Die Menschen haben Angst vor dem Chaos.» Die meisten Mitglieder der christlichen und jesidischen Minderheiten sähen keine Zukunft mehr im Land. «Sie wollen nur noch weg.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.02.2015, 19:54 Uhr

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