«Hier ist alles verschwunden. Einfach alles»

Viele Flutopfer in der pakistanischen Provinz Punjab warten seit Tagen auf Hilfe. Am schnellsten reagierten die Islamisten.

Dörfer sind überschwemmt, Ernten zerstört: Das Gebiet Muzaffagarh in der Provinz Punjab steht komplett unter Wasser.

Dörfer sind überschwemmt, Ernten zerstört: Das Gebiet Muzaffagarh in der Provinz Punjab steht komplett unter Wasser. Bild: Reuters

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Sajad Ali spürt, diesen Kampf wird er wie so viele Menschen vor ihm verlieren. Mit den blossen Händen haben die Bewohner des Dorfes Shershah in höchster Eile noch einen Damm gebaut, aber der hilft nicht. Etwa 200 Meter sind es bis zu Alis Haus. Nun hocken die Nachbarn und er im Schatten auf einem kleinen Erdwall, der für die Männer eine letzte Insel ist. Überall um sie herum steht das Wasser. Die Felder mit der Baumwolle sind verschwunden. Die Mangos, das Zuckerrohr und der Reis – die Ernte der Bauern im südlichen Teil der Provinz Punjab ist in einer hässlichen braunen Masse untergegangen.

Es riecht faulig, weil die nahe gelegenen Fabriken ihr Gift in den Fluss leiten, der jetzt die Felder überschwemmt, erzählen die Dorfbewohner. Sajad Ali hat Magenprobleme und Durchfall, der sich in der Region rasant ausbreitet. Das Wasser aus den Pumpen schmeckt schal, viele andere Menschen in den Katastrophengebieten haben überhaupt keinen Zugang zu sauberen Getränken. Wenn Sajad Ali zu seinem kleinen Haus aus Lehm waten will, «ist nur noch das von mir zu sehen», sagt er und legt seine Hände zwischen Stirn und Brust. «Das Wasser steigt weiter, ich werde das Haus nicht retten können.» Die Vorahnung scheint den 23-Jährigen nicht sonderlich aufzuregen.

Die Kinder haben Fieber

Die schlimmste Naturkatastrophe in der Geschichte Pakistans ist für Ali «Gottes Wille». Wenn das Wasser wieder weg ist, werde er seine Bleibe wieder aufbauen, sagt er. Genau an der Stelle, an der noch das alte Haus steht. «Mir ist egal, wer mir dabei hilft, ich würde von jedem was annehmen.» Aber Ali macht sich keine Illusionen. Er fühlt sich im Stich gelassen. Eine pakistanische Hilfsorganisation lässt in seinem Dorf zwar die nötigsten Medikamente verteilen. Ansonsten aber haben die Menschen hier genau wie mindestens 6 Millionen der 20 Millionen Flutopfer bislang: gar nichts. Es fehlt nach den heftigsten Monsunregen seit Jahrzehnten an allem – an Decken, Kleidung, Nahrung, Zelten, Hygieneartikeln. Die Augen der Kinder sind fiebrig, sie haben aufgekratzte Wunden, auf denen die Fliegen regelrecht festkleben.

Mit Sajad Alis Ruhe ist es vorbei, als er über die Regierung in Islamabad und ihr Krisenmanagement spricht: «Wir glauben längst nicht mehr an die Politik, weil wir nicht wie Menschen, sondern wie Tiere behandelt werden», sagt er. Religiöse Organisationen hingegen hätten gute Arbeit geleistet. «Keiner von uns unterstützt die Taliban, aber wenn sie uns jetzt unter die Arme greifen, sind wir dafür dankbar», sagt ein anderer Mann. Alle nicken, alle reden nun aufgeregt durcheinander, berichten, wie die Regierung die wenigen Hilfsgüter nur an jene verteilen lässt, die in ihrer Gunst stehen. «Die Politiker sind korrupt, sie sollten kein Geld aus dem Ausland bekommen, die Hilfe müssen unabhängige Organisationen leisten», sagt ein Dorfbewohner und klingt dabei wie fast jedes befragte Flutopfer, das nicht in einer der wenigen Unterkünfte der Behörden untergekommen ist.

Extremisten bieten schnelle Hilfe

Aber auch die zivilen Helfer sind noch nicht in die besonders heftig betroffenen Gebiete vorgedrungen. Die Vereinten Nationen entwickeln Pläne im Kampf gegen das Desaster, erreichen viele Bedürftige jedoch nicht, weil die Infrastruktur zu stark zerstört ist. Im südlichen Punjab fährt man genau wie im Nordwesten des Landes durch kilometerlange Krisengebiete, in die noch kein einziges Zelt, kein Sack Mehl, keine Flasche Wasser und kein Mittel gegen Durchfall gelangt ist – obwohl die Krise vor mehr als zwei Wochen begann.

Islamistische Gruppen sind hingegen in der Wahrnehmung der Betroffenen überaus aktiv. «Die Extremisten reagieren in solchen Situationen immer sehr schnell und schicken ihre Helfer auch in Regionen, in denen bislang niemand war, das vergessen ihnen die Menschen nicht so schnell», sagt ein Betroffener, der in allen Landesteilen Bekannte und Familienmitglieder hat. Tatsächlich gingen sie dafür hohe Risiken ein und würden aus Mitmenschlichkeit handeln, «aber natürlich behalten sie ihre Agenda im Hinterkopf, vor allem, den Jihad gegen Indien voranzutreiben». Im Augenblick, sagt der Mann, der auf Anonymität besteht, «gewinnen sie die Herzen der Menschen im grossen Stil – aber es ist viel zu früh, davon zu sprechen, dass ihnen die Opfer nach der Katastrophe nun einfach in Scharen zulaufen werden». Die USA haben das Problem erkannt, sie stellen ihrem Verbündeten 76 Millionen Dollar an Hilfsgeldern zur Verfügung und setzen Helikopter ein, um die von den Wassermassen eingeschlossenen Menschen zu evakuieren.

Die nächste Mahlzeit im Kopf

Die Flut von Pakistan ist nicht nur eine humanitäre Katastrophe, sie ist auch eine beispiellose Staatskrise in einem feudalen, von Ungerechtigkeit geprägten Land, in dem die überwältigende Masse der Menschen nichts und eine kleine Minderheit alles hat. Es trifft nun vor allem die Ärmsten der Armen. Die meisten von ihnen denken keineswegs an einen radikalen Kampf gegen die USA oder den Erzfeind Indien, sondern haben die nächste Mahlzeit im Kopf. Aber sie registrieren genau, wer ihnen in dieser Situation, die ihr Leben in eine Zeit vor und in eine Zeit nach der Flut teilen wird, hilft.

Wenn der Regen ein Drittel des ganzen Landes überschwemmt, würde das nahezu jede Regierung der Welt überfordern. Aber es ist ein besonders trauriges Schauspiel, das Pakistans politische Klasse während der schwersten Naturkatastrophe seit der Unabhängigkeit von Grossbritannien vor 63 Jahren abliefert. Nicht nur der Vorwurf der Korruption und Vetternwirtschaft ist allgegenwärtig. Der sowieso schon unpopuläre Präsident Asif Ali Zardari hat den letzten Kredit bei seiner Bevölkerung verspielt. Während die Flüsse über die Ufer traten, bereiste er Europa. Nun stattet er den Katastrophengebieten Besuche ab – aber diese Symbolik kommt bei Millionen von Menschen wie Mohammed Rafiq längst nicht mehr an.

Egal, von wem die Hilfe stammt

Der 38-Jährige lebt in Ali Pur im Distrikt Muzaffargarh. Von 3,5 Millionen Einwohnern der Region sind 2,5 Millionen Menschen obdachlos, weil sie zwischen dem Indus und dem Chenab-Fluss wohnen, die nun beide ausser Kontrolle geraten sind. Rafiq sagt: «50 Kilometer weit ist alles verschwunden, einfach alles.» Ein Teil seiner Familie harrt auf einer Sandbank in der Nähe ihres Dorfes aus; obwohl die Menschen längst alles verloren haben, wollen sie dem früheren Besitz so nah wie möglich sein. Rafiqs drei Rinder sind tot, die Ernte hat der Bauer verloren. Er besitzt jetzt nur noch das fleckige Shalwar Kamiz, das lange Hemd mit der Pluderhose, und ein Paar Plastiklatschen. Rafiq schläft wie seine Frau und die Kinder seit mehr als zehn Tagen unter freiem Himmel, einen Vertreter der Behörden hat er hier noch nicht angetroffen. «Die Regierung kann ich vergessen, die wird mir in den nächsten 50 Jahren nicht helfen», sagt er. Er isst, was er bekommt. Natürlich ist es ihm egal, von wem die Hilfe stammt.

Wie die meisten Menschen hier lebt auch Rafiq nach den Vorschriften des Islam. Mit den Taliban hat er nichts zu tun. Aber der Kleinbauer ist den Islamisten dankbar. Eine religiöse Wohltätigkeitsorganisation war es, die Rafiq als Erstes erreicht hat, er weiss es nicht so genau, es interessiert ihn auch nicht. «Die Männer haben Mehl, Öl, Tee und Milchpulver für die Babys gebracht», sagt er. Das sei entscheidend gewesen.

Tarnverein der Terroristen

Die zum Teil verbotenen oder auch legalen religiösen Organisationen sind mit ihrer Unterstützung offensichtlich besonders schnell – jedenfalls berichten das die Menschen aus verschiedenen Flutgebieten. Sie besetzen ein Vakuum, das der Staat mit seinem mangelhaften Krisenmanagement hinterlässt. Rafiq vermutet die Jamaat-ud-Dawa hinter den Helfern. Sie gilt als Tarnorganisation der Terrorgruppe Lashkar-e-Taiba, die für die Anschläge von Mumbai verantwortlich sein soll. Auch wenn ihre Vertreter jegliche Verbindung zurückweisen, sind die Kontakte für Beobachter offensichtlich. Die Vereinten Nationen haben die Gruppe verbieten lassen, mit den pakistanischen Behörden haben sich die Islamisten ein juristisches Gefecht geliefert. Sie dürfen nun handeln, auch wenn ihr Vorsitzender aus Sicht der indischen Regierung einer der meistgesuchten Jihadisten ist.

Ein Sprecher der Jamaat-ud-Dawa beschreibt in einem Telefonat, seine Organisation betreibe im ganzen Land 13 Flüchtlingslager und ein enges Geflecht von Mitarbeitern. 3000 gelernte Helfer seien im Einsatz, hinzu kämen unzählige Freiwillige, vor allem in den Gegenden, in denen die Regierung Katastrophenalarm ausgerufen hat. Nachprüfen lassen sich seine Aussagen nicht, aber sie decken sich mit den Eindrücken der Flutopfer.

Wenigstens Chips-Tüten

Im Distrikt Muzaffargarh campieren in der Nähe eines Kraftwerks 200 Männer, Frauen, Kinder. Sie leben in einem kleinen Waldstück unter freiem Himmel. Zwei hochschwangere Frauen sind unter ihnen. Wie sie ihr Kind in dieser Umgebung zur Welt bringen sollten, wussten sie nicht, bis ein Team der Hilfsorganisation Care vorbeikam. Sie sollen nun in ein Spital gebracht werden. Auf einer Holzliege kauert ein Mann mit rotunterlaufenen Augen. Rinder koten und urinieren zwischen die Decken der Flutopfer. Ihre Dörfer sind nur ein paar Kilometer entfernt, der Besitz der Menschen ist verschwunden.

Dann dröhnt ein Helikopter über das kleine Waldstück. «Das Militär!», ruft ein Dutzend Männer wie im Chor, so als ob es eine Offenbarung sei. Die Kinder reissen die Augen auf, sie strecken die Arme in den Himmel. Aber es fällt nichts herunter. Die Armee, die in Pakistan stets jeden demokratischen Fortschritt verhindert hat und das Land mehr als dreissig Jahre lang offen und sonst im Hintergrund regierte, kann ihr Image im Moment ebenfalls deutlich aufbessern. «Das Militär wäre besser für uns als diese Politiker», sagt einer der Männer. Aber die Generäle werden wenig Neigung haben, die Macht zu übernehmen – dann müssten sie die Nöte der Menschen lindern. Kurz danach fährt ein bunt bemalter Truck vorbei, die Jungen und Mädchen laufen um die Wette. Sie folgen dem Lastwagen, von dem tatsächlich ein paar kleine Chips-Tüten heruntergeworfen werden. Aber die meisten Kinder gehen leer aus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2010, 14:14 Uhr

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