Hintergrund

«Holt uns raus aus dieser Hölle»

Zwei französische Kriegsreporter werden seit 500 Tagen von afghanischen Taliban festgehalten. Die jüngsten Bilder sind sechs Monate alt. In Frankreich kämpft man gegen die Gefahr des Vergessens.

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500 Tage. Oder 12 000 Stunden. 720 000 Minuten. Seit dem 29. Dezember 2009 sind Hervé Ghesquière und Stéphane Taponier Geiseln der Taliban. Sie werden in einem entlegenen Tal im Nordosten von Kabul festgehalten, in der rückständigen afghanischen Provinz Kapisa. Eine Ewigkeit.

In ihrer fernen Heimat sind die beiden erfahrenen Kriegsreporter des französischen Staatssenders France 3, die ohne Militärschutz eine Reportage über einen Strassenbau drehen wollten, zu bekannten Gesichtern geworden. In jeder Tagesschau des französischen Fernsehens erscheinen ihre Fotos, die immergleichen, dazu die Anzahl Tage ihrer Geiselhaft und eine fast rituell wiederholte Solidaritätsbekundung: «Wir vergessen euch nicht!» Ebenso rituell folgt jeweils der Nebensatz: «Wie wir auch die anderen sieben französischen Geiseln nicht vergessen, die irgendwo auf der Welt festgehalten werden.»

Das Risiko des Vergessens

Die Gefahr des Vergessens ist gross, sie wächst mit der Zeit. Und sie ist ein Risiko, wie Experten erklären: Oft schon seien Geiseln hingerichtet worden, weil Entführer die öffentliche Anteilnahme in Dollar Lösegeld massen und fanden, ihr Pfand sei nichts wert. An diesem 500. Tag war die Anteilnahme für «Hervé et Stéphane» besonders gross, mobilisiert von der Organisation Reporter ohne Grenzen.

Alle Zeitungen zeigten am Freitag die Reporter auf ihrer ersten Seite. Die Nachrichtensender begannen ihre Bulletins mit den Geiseln, noch bevor sie über das verheerende Attentat in Pakistan berichteten. In Paris prangten die Gesichter der beiden 48-jährigen Reporter an Mauern, Monumenten und an den Gittertoren vieler Pärke.

Hoffen auf Diplomatie

Ihr Schicksal berührt die Franzosen deshalb so stark, weil über ihre lange Geiselhaft bisher kaum je etwas an die Öffentlichkeit drang. Die letzten Lebenszeichen liegen schon sechs Monate zurück. Es ist ein kurzes Video, das die Entführer im letzten Herbst gedreht hatten – für die Verhandlungen und für die Angehörigen. Es zeigt die beiden Geiseln abgemagert und müde. Man hört sie sagen: «Holt uns raus aus dieser Hölle.» Das versuchen die französischen Behörden. Und zwar neuerdings ohne lautes Aufhebens, wie sie das sonst tun – ganz im Gegensatz etwa zu den Briten und Amerikanern, die in solchen Geiselaffären selten reden und selten zahlen.

Die französischen Streitkräfte in Afghanistan wissen offenbar sehr genau, wo die Reporter festgehalten werden. Doch eine Befreiungsaktion scheint zu riskant. Ausserdem geht man im Elysée davon aus, dass die Verhandlungen irgendwann Erfolg haben werden. Nur wann? Der Tod von Osama Bin Laden, so glauben die Geheimdienste, könnte die Chancen auf eine glückliche Lösung eher gesteigert haben. Eines der Hauptprobleme soll nämlich die grosse Anzahl der politischen Akteure sein, die in diese Geiselnahme involviert seien oder zumindest bei den Verhandlungen mitredeten. Auch Bin Laden soll mitgeredet haben.Doch es gibt auch Kritik am grossen Interesse für die entführten Journalisten. Nach Meinung etlicher Franzosen interessieren sich die Medien aus einem korporatistischen Reflex mehr für zwei Medienarbeiter als für die französischen Geiseln in Mali, Somalia und der Elfenbeinküste sowie für die drei afghanischen Begleiter von Ghesquière und Taponier, die ebenfalls entführt wurden.

Zweifel an den Journalisten

Kritik gab es aber auch an der Arbeit der Journalisten, und zwar von höchster Stelle: Ein Berater von Präsident Nicolas Sarkozy bezichtigte die beiden Reporter, sie hätten «unverantwortlich» gehandelt, seien allzu grosse Risiken eingegangen. In einer Ministerratssitzung sollen die Journalisten, die in ihrer Karriere schon aus vielen Kriegsgebieten berichtet hatten, als «Hitzköpfe» beschrieben worden sein.

France 3 verteidigt seine Leute. Sie hätten nur unabhängig berichten wollen – ohne militärische Einbettung, der Gefahren ihrer Arbeit bewusst. Die Reportage war für eine Sendung mit einem programmatischen Titel gedacht: «Pièces à conviction», Beweisstücke.

Erstellt: 14.05.2011, 20:04 Uhr

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