«Humor ist die Waffe gegen Angst»

Bassem Youssef war Herzchirurg. Dann kam die Revolution. Und aus dem Arzt wurde der schärfste Satiriker Ägyptens.

Ex-Herzchirurg Bassem Youssef am Swiss Media Forum: «Die Revolution beginnt mit Fragen.» Foto: Herbert Zimmermann (13 Photo)

Ex-Herzchirurg Bassem Youssef am Swiss Media Forum: «Die Revolution beginnt mit Fragen.» Foto: Herbert Zimmermann (13 Photo)

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In Revolutionen laufen Karrieren schnell. Als die ägyptische ­Revolution ausbrach, ­transplantierten Sie Herzen.
Ja. Ich war Chirurg, Vater, Ehemann. Ein sehr normaler Doktor.

Ein paar Monate später waren Sie der Starmoderator in der ersten satirischen Nachrichtensendung im arabischen Raum – mit 13 Millionen Zuschauern. Wo haben Sie das Handwerk für diesen Job gelernt?
Wenn Sie sieben Stunden am Stück im Operationssaal verbringen, brauchen Sie Humor als Waffe. Nur schon, um durch den Tag zu kommen.

Sind sehr viele dieser Operationen schiefgegangen?
Nein. Warum fragen Sie?

Humor wächst oft in dunklen Ecken. Wenn man nette Leute trifft, merkt man öfter, dass diese eine asoziale Seite haben: etwa ­Unpünktlichkeit. Sie entwickeln Charme, damit sie nicht umgebracht werden.
Das ist Mumpitz. Die dunkle Seite, das war für mich, was in der Politik passierte. Also nichts Privates. Und dann unterschätzen Sie den Beruf. Jahrzehnte hat man auf Komiker hinabgesehen. Aber sie haben die Welt verändert: etwa Jon Stewart oder Stephen Colbert.

Die beiden machten in den USA dasselbe wie Sie in Ägypten: ­satirische Nachrichten. Warum übernehmen heute die Komiker die Arbeit der Journalisten?
Weil die Journalisten ihren Job nicht ­machen. Oder – sagen wirs so: Seit 15 Jahren floriert Satire über Nachrichtensendungen. Und der Grund ist, dass News, vor allem TV-News, sich verändert haben: Sie laufen im 24-Stunden-Betrieb. 24 Stunden, die man mit irgend­etwas füllen muss. Kein Wunder, füllt man sie mit Sensationen und Unfug. Und damit verwandeln sich Journalisten in Entertainer – und damit automatisch in die eigene Parodie.


Bassem Youssef in der Daily Show von Jon Stewart. Quelle: Youtube


Verblüfft es Sie, dass Nachrichten überall Unfug hervorbringen – in Diktaturen wie in Demokratien?
Nicht wirklich. Die einen folgen den ­Weisungen der Behörden, die anderen den Weisungen ihrer Unternehmen. Niemand hat je ein Unternehmen als demokratisches System bezeichnet.

Der Hauptjob eines Journalisten gleicht also dem eines Müllmanns: Den Blödsinn der Kollegen wieder wegzuschaufeln. Ist das nicht ein finsterer Job?
Nein! Sie können das immer noch interessant machen. Ausserdem: Wenn man sieht, wie viele Journalisten getötet wurden, muss man sagen: Es ist immer noch einer der gefährlichsten Jobs dieses ­Planeten.

Die einzige Gefahr für Journalisten in der Schweiz droht von der ­Verlagsetage. Oder davon, die ewig gleichen Debatten führen zu müssen.
Ich weiss nicht, warum ich das Gefühl habe, dass ihr Jungs alle gelangweilt seid vom Leben in der Schweiz und dass ihr mehr Action braucht. Ich habe kein ­Problem, die Plätze zu tauschen. Nehmt meinen Pass, meine Sozialversicherungsnummer, sodass ich ein langweiliges Schweizerleben führen kann. Dafür gebe ich Euch das Geschenk, das ihr ­immer gewollt habt! Bitte, kommt und lebt mein Leben!

Wenn wir tauschen, was habe ich zu erwarten?
In Kairo? Sie werden dort eine Menge Spass haben! Wir haben unglaublichen Verkehr, einen hervorragenden ­Lebensstandard, Ausbildungen, Gesundheitsvorsorge, Demokratie – wir ­haben alles!

Das ist das, was Sie nach Ihrer allerletzten Sendung sagten: «Wir leben in einer wundervollen ­Demokratie – und jedem, der etwas anderes sagt, soll die Zunge ­herausgeschnitten werden.»
Natürlich. Was sonst?

Wie war das: Sie begannen mit einer 100-Dollar-Kamera auf Youtube. Und hatten ein Jahr später eine Liveshow mit 300 Mitarbeitern.
300? Nein. Seien wir bescheiden. Es ­waren nur 200.

Und Sie lieferten ultraschnelle politische Witze. Haben die Leute das verstanden?
Die einen liebten es. Die anderen hassten es. Aber alle sahen es. Danke an alle Feinde für die Quote!

Das Format war amerikanischer Import, angepasst für Ägypten. Wie funktioniert ägyptischer Humor?
Schwierig zu sagen. Wir machen viele Witze über uns selbst, oft selbster­niedrigend. Ein typischer Humor für Entwicklungsländer, sehr gallig, sehr finster.

Zum Beispiel?
Es gibt einen alten Witz aus der Mubarak-Zeit. Mubarak ist verärgert, dass niemand mehr widerspricht. So versucht er, die Leute zu ärgern. Er stellt Polizisten an jede Kreuzung, die die Leute ohrfeigen. Niemand beklagt sich. Danach stecken sie allen den Finger in den Arsch. Niemand beklagt sich. Schliesslich kommt der neue Befehl: Jetzt ficken wir euch. Immer noch kein Widerspruch. Und dann, endlich, protestiert einer: «Präsident, ich habe eine kleine Klage.» Mubarak, erfreut: «Ja?» Der Mann: «Könnten Sie nicht mehr Leute anstellen, die uns vergewaltigen, damit wir rechtzeitig ins Büro kommen?»

Sie haben sich einige Frechheiten geleistet: Als Sie bei einem Profi­sender unterschrieben, haben Sie sich als Erstes über dessen Politmoderatoren lustig gemacht.
Ich wollte den Leuten beweisen, dass wir keine roten Linien haben. Indem wir die Leute verspotteten, die uns bezahlt haben, zeigten wir: Es ist auch okay, wenn ihr euch über uns lustig macht. Wenn wir uns über jemanden lustig machen, heisst das nicht, dass wir ihn hassen – sondern dass Humor eine Art ist, Probleme zu debattieren, ohne Hass.

Und Ihre Kollegen verstanden das?
O ja. Erstaunlich viele.

«Der Witz ist nicht die Glatze auf dem Kopf. Sondern die auf dem Gehirn.»

Wie entschieden Sie, wie weit Sie gehen? Etwa: Ein Politiker hat Bauch oder Glatze. Ist das lustig?
Nein. Wir machten nie Witze darüber, wie Leute aussehen. Das ist primitiver Humor. Wir zogen es vor, uns über Ideen lustig zu machen. Also nicht über die Glatze auf dem Kopf. Sondern über die Glatze auf dem Gehirn.

Wie hart war es, als das Publikum sich gegen Sie wandte? Solange Sie den islamistischen Präsidenten Mursi veräppelten, lachte man. Als General Sisi an der Reihe war, ­demonstrierten teils dieselben Leute.
Das ist nur eine Frage der Wahrnehmung: Wenn Sie 20 bezahlte Demonstranten vor dem Haus haben und 6 Journalisten gegen Sie schreiben, dann ist das nicht das Publikum.

Sie gaben nach einer Sendung auf.
Ich habe immer gesagt: Ich bin kein Held, kein Aktivist, kein Politiker; ich bin Komiker. Wenn es zu gefährlich ist, einen Witz zu machen, ist der Witz es nicht wert.

Keine Lust auf Märtyrertum? Dann könnte in 200 Jahren der Tahrir-Platz nach Ihnen benannt werden.
Ich habe nicht das geringste Interesse, dass etwas nach mir benannt wird – mit Ausnahme meines Sohns.

Warum fürchten Mächtige Witze fast mehr als Bomben?
Diktatoren begrüssen Bomben sogar. Weil Bomben ihnen die Macht geben: Seht, was passiert, wenn ihr mir nicht folgt.

Und Witze?
Humor ist die beste Waffe gegen Angst. Deshalb muss er auch abgestellt werden. Damit die Leute gelähmt bleiben. Denn wer lacht, fürchtet sich nicht. Folglich wollen dich Mächtige nie lachend sehen.

Wie war es, nach 30 Jahren Diktatur Revolution zu machen?
Sehr sehr sehr aufregend. Es gab Hoffnung, Wandel, jeden Tag Neues, mal ­Gutes, mal Schlechtes. Ich arbeitete als Arzt für die Verletzten auf dem Tahrir-Platz. Der Mut der Verwundeten, ­weiterzumachen, war unheimlich inspirierend.

War es eine gute Zeit, trotz aller Toten und Verletzten?
Wenn es Zeit für eine Revolution ist, kannst du nicht steuern, ob sie gewalttätig ist oder nicht. Weil sie unvorhersehbar ist. So wie alles Wichtige im Leben.

«Sache von Revolutionen ist das Zerstören des Alten, nicht der Aufbau des Neuen.»

Im Aufstand waren für ein paar Tage alle geeint: Nach dem Sieg zerfielen die Revolutionäre sofort in Lager.
Das Problem mit Revolutionen ist: Sie sind sehr gut, um etwas zu beenden. Sie sind weniger gut, um Sachen aufzubauen. Ihre Sache ist das Zerstören des Alten, nicht der Aufbau des Neuen. Nach der Revolution legten sich die Islamisten mit der Armee ins Bett, bis die Armee sie wieder rausschmiss.

Nun hat das Militär eine neue ­eiserne Herrschaft installiert. Die Revolution ist Geschichte. Und Satiresendungen auch. Macht Sie das melancholisch?
Nein. Denn wer sagt, dass die Revolution vorbei ist? Ein Aufstand wie dieser ist nicht in einem Tag oder auch einem Jahr gegessen. Wenn die Mauer der Angst einmal eingerissen wurde, kannst du ­sehen, wie die Leute reden. Und das ­ändert alles. Sogar wenn die Diktatur anhält. Die jungen Leute stellen nun alles infrage. Und das ist nicht nur die Folge der Revolution. Es ist die Revolution. Die Revolution beginnt mit Fragen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2015, 23:31 Uhr

Bassem Youssef

Ex-Chirurg und Satiriker

Youssefs Showkarriere begann 2011 mit einem Studio in einer Wäschekammer. Nach der Revolution machte sich der damals 37-jährige Herzchirurg in einigen Youtube-Clips über das ägyptische Fernsehen lustig. Dieses porträtierte die Revolutionäre als drogennehmende, ultrareligiöse, orgienfeiernde CIA-Agenten. Innert Tagen hatte er Millionen Hits, ein paar Wochen später die erste satirische Sendung im arabischen Raum, eine Sensation, die 13 Millionen Zuschauer anzog. Plus einen Schwall an Prozessen wegen Islam- und Präsidenten­beleidigung durch die regierenden Islamisten. Beendet wurde die Sendung 2014, nach dem Militärputsch durch General Sisi. Seitdem arbeitet Youssef als TV-Produzent. (TA)

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