Hunderte plündern Geschäfte von Arabern in Timbuktu

Die Freude über die Eroberung von Timbuktu durch französische und malische Truppen währte nur kurz: In der Wüstenstadt wurden Dutzende Araber-Geschäfte geplündert. Ein Mann wurde sogar fast gelyncht.

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Hunderte Einwohner plünderten in Timbuktu Geschäfte und Unterkünfte, die «Arabern» oder «Algeriern» gehört haben sollen – angeblichen Unterstützern jener Islamisten, die aus der Stadt geflohen sind. Nur mit Müh' und Not konnten malische Soldaten verhindern, dass ein Mann gelyncht wurde.

Doch während in Timbuktu nun arabischstämmige Menschen um ihr Leben fürchten, geht auf dem Land bereits wieder die Angst vor einer Rückkehr der Islamisten um. «Er ist nicht von hier!», schrien hunderte Männer und Frauen in Timbuktu, die einen bärtigen, etwa 40-jährigen Mann im bisherigen «Zentrum für die Empfehlung des Schicklichen und des Verbots des Tadelnswerten» der Islamisten aufgespürt hatten. «Er ist ein Terrorist!» Malische Soldaten mussten ihre Waffen drohend auf die wütende Menge richten, um zu verhindern, dass die teils mit Stöcken bewaffneten Menschen den mutmasslichen Islamisten auf der Stelle töten.

Munition und Militärradios entdeckt

Auch bei den Plünderungen gaben die Einwohner vor, gegen «Terroristen» und «Araber» vorzugehen. Tatsächlich wurden in manchen Geschäften auch Munition und Militärradios entdeckt. Doch die meisten der sehr ärmlich gekleideten Menschen schleppten einfach alles aus den Läden, dessen sie habhaft werden konnten: Fernseher, Möbel, Geschirr, Teppiche, Nahrung. Binnen weniger Minuten waren die Verkaufsbuden völlig ausgeräumt. Einige Menschen kämpften nach den Beobachtungen von AFP-Journalisten sogar untereinander um geplünderte Sachen.

Nach dem Einmarsch der französischen und malischen Truppen am Montagnachmittag hatten zunächst Szenen der Freude die staubigen Strassen von Timbuktu im Norden Malis beherrscht. «Das ist die neue Unabhängigkeit! Wir waren zehn Monate lang Geiseln», jubelte der 53-jährige Hama Cissé. «Mali, Frankreich!» oder «Danke!» riefen andere, sobald sie einen Weissen sahen. Auch Frauen trauten sich in der Oasenstadt, in der die Islamisten ein brutales Scharia-Regime installiert hatten, wieder unverschleiert auf die Strasse.

«Wir gehen rein, aber wir bleiben nicht»

Seit April 2012 kontrollierten islamistische Gruppen mit Verbindung zum Terrornetzwerk Al-Qaida in Nordafrika (AQMI) die Stadt. Vor ihrem endgültigen Abzug am Sonntag schossen die Islamisten noch wild um sich, plünderten laut Einwohnern unter anderem das Bürgermeisteramt und steckten eine Bibliothek mit alten Schriften von unschätzbarem Wert in Brand.

Nun patrouillieren malische Soldaten in der Stadt, die Franzosen zogen sich bereits am Montagabend in die Vorstädte zurück. «Wir gehen rein, aber wir bleiben nicht, die Malier nehmen den Kontakt zur Bevölkerung auf», erläuterte ein französischer Offizier. Der malische Leutnant Dramane Dambélé, der mit seinen Soldaten Häuser in Timbuktu durchsuchte, berichtete: «Wir suchen nach Leuten mit Verbindungen zu den Islamisten, aber wir haben noch keine gefunden.»

Angst vor den Islamisten

An der Strasse nach Timbuktu ist indes über hunderte von Kilometern kein einziger Soldat zu sehen. «Wir haben Angst, dass die Islamisten zurückkommen», gesteht Mohammar Traoré in der Kleinstadt Niafounké an der Achse zwischen dem zentralmalischen Niono und Timbuktu. Auch dort herrschten die Islamisten monatelang. Aber nun «ist hier niemand, kein Bürgermeister, keine Soldaten», stellt Traoré düster fest. «Wir sind hier allein.»

Ähnlich sieht es in fast allen Orten und kleinen Städten entlang der Strasse aus, die durch Militär nicht gesichert ist, weshalb auch malische Offiziere befürchten, dass die Islamisten zurückkehren könnten. Das nur rund 50 Kilometer entfernte Mauretanien gilt als deren Rückzugsgebiet. Im Dorf Léré leben einige wenige Menschen in ihren ärmlichen Häusern aus getrocknetem Lehm. Kein Strom, kein Telefon. «Wir haben Angst, weil man keine Soldaten sieht», sagt dort Ousmane Diallo. «Die Islamisten dürfen nicht zurückkommen.»

Kidal erobert

Die islamistischen Aufständischen in Mali geraten derweil immer stärker in Bedrängnis. Während französische und malische Truppen von Süden in die Herrschaftsgebiete der Rebellen vorstossen, eroberten Kämpfer vom Volk der Tuareg nach eigenen Angaben die strategisch wichtige Stadt Kidal im Norden.

Neben Kidal hätten die Tuareg-Krieger sieben weitere Ortschaften in der Region unter ihre Kontrolle gebracht, hiess es in einer im Internet veröffentlichten Erklärung der Nationalen Bewegung für die Befreiung von Azawad. Die Angaben konnten zunächst nicht unabhängig bestätigt werden. Die Gruppe teilte weiter mit, sie fühle sich dem «Kampf gegen Terrororganisationen» verpflichtet und wolle mit den französischen Interventionstruppen zusammenarbeiten. Einen Einmarsch der malischen Streitkräfte in den Norden des Landes lehnte sie unter Verweis auf mutmassliche Menschenrechtsverletzungen seitens des Militärs allerdings ab.

Tuareg hatten Einfluss im Norden verloren

Zu Beginn des Aufstands im Norden Malis hatten auch die Tuareg grosse Geländegewinne erzielt und sogar einen eigenen Staat proklamiert. Später waren sie allerdings von der dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestehenden Islamistengruppe Ansar Dine verdrängt worden.

Sollten sich die Berichte über die Eroberung von Kidal bestätigen, hätten die Islamisten die Kontrolle über alle Provinzhauptstädte im Norden des Landes verloren. Am Montag waren französische Soldaten in Timbuktu eingezogen. Auf Fotos der französischen Streitkräfte waren Bewohner zu sehen, die den einrückenden Soldaten zujubelten.

Auch Flüchtlinge in anderen Landesteilen begrüssten den Vormarsch der Franzosen. «Für die Herzen der Menschen von Nordmali ist das eine Erleichterung», sagte Cheick Sormoye, der vor der Islamisten in die Hauptstadt Bamako geflohen war. Die dritte Provinzhauptstadt Gao hatten französische und malische Truppen bereits am Wochenende erobert. (wid/bru/AFP/sda/dapd)

Erstellt: 29.01.2013, 13:38 Uhr

455 Millionen Dollar für Mali

Bei der internationalen Geberkonferenz für Mali sind nach Angaben der Afrikanischen Union (AU) 455,53 Millionen Dollar zugesagt worden. Das Geld solle für militärische und humanitäre Zwecke verwendet werden, sagte der AU-Kommissar für Frieden und Sicherheit, Ramtane Lamamra, in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Hinzu kämen «umfangreiche Beiträge» an materieller Unterstützung, etwa militärische Ausrüstung und Ausbildung. Diese liessen sich noch nicht genau beziffern, sagte Lamamra zum Abschluss des Treffens. Deutschland sagte bei der Konferenz nach Angaben des Auswärtigen Amtes 20 Millionen Dollar zu. Diese seien für einen UNO-Fonds zugunsten der malischen Streitkräfte und der Unterstützungsmission der westafrikanischen Staatengemeinschaft Ecowas bestimmt. Zu dem Hilfsangebot zählt demnach auch die Lieferung von Ausrüstung für die malische Armee, darunter Lastwagen, Splitterschutzwesten und ein Feldlazarett. Das Bundesverteidigungsministerium erklärte, Deutschland entsende eine dritte Bundeswehr-Transportmaschine des Typs Transall für den Mali-Einsatz.

Zu der Geberkonferenz in Addis Abeba waren Vertreter afrikanischer Staaten sowie von UNO, EU, Frankreich, Grossbritannien, den USA, Japan und Deutschland angereist. Der unter afrikanischer Führung stehende Militäreinsatz Misma wird nach AU-Angaben allein 460 Millionen Dollar kosten. Davon will die AU rund zehn Prozent aufbringen. Afrikanische Länder haben die Entsendung mehrerer Tausend Soldaten zugesagt, doch der Einsatz kommt nur schleppend voran. Bisher kämpfen in Mali vor allem französische Soldaten gegen die Islamisten. (AFP)

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