«Ich habe den Tod so nah vor mir gesehen»

Shahrukh Khan sah ein paar schwarze Stiefel auf sich zukommen, dann schossen ihm Taliban in beide Beine. Jetzt äussert er sich – und mit ihm Präsidenten und auch eine Friedensnobelpreisträgerin.

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Shahrukh Khan liegt im Lady-Reading-Krankenhaus im pakistanischen Peshawar in blutigen Laken. Der 16-Jährige hat Schusswunden an beiden Beinen, jeweils knapp unter dem Knie. Den Angriff radikalislamischer Taliban auf seine Schule in der nordwestlichen Stadt überlebte der Jugendliche nur, weil er sich unter grössten Schmerzen tot stellte. Um ihn herum wurden mindestens 130 Menschen getötet, grossteils Mitschüler. «Ich habe den Tod so nah vor mir gesehen», sagt Khan.

Er habe sich mit vielen anderen Schülern zusammen in der Aula der vom pakistanischen Militär betriebenen Schule befunden, als vier Bewaffnete den Raum gestürmt hätten, erzählt Khan der Nachrichtenagentur AFP. «Allahu akbar» (Gott ist der grösste), hätten sie dabei immer wieder gerufen. «Jemand hat geschrien, wir sollten in Deckung gehen und uns unter den Tischen verstecken». Doch dies habe nicht nicht viel genutzt.

Krawatte in den Mund, um nicht zu schreien

«Da sind viele Kinder unter den Tischen, geht und holt sie euch», rief nach Khans Angaben einer der Angreifer bald. «Und ich sah ein Paar grose schwarze Stiefel auf mich zukommen», erinnert sich Khan. Kurz darauf sei ihm in die Beine geschossen worden. Trotz der brennenden Schmerzen habe er sich tot gestellt. «Ich habe meine Krawatte zusammengeknüllt und in meinen Mund gestopft, um nicht zu schreien.»

«Der Mann mit den grossen Stiefeln hielt weiter nach Schülern Ausschau und schoss auf sie, ich habe so still wie möglich gelegen, meine Augen geschlossen gehalten und darauf gewartet, erneut getroffen zu werden», sagt Khan. «Mein ganzer Körper hat geschlottert, und ich werde diese schwarzen Stiefel niemals vergessen - es wirkte auf mich, als ob der Tod direkt auf mich zu liefe.»

Körper der Schulsekretärin in Flammen

Nach einiger Zeit verliessen die Männer dem Schüler zufolge dann die Aula. Er selbst sei noch einige Minuten an seinem Platz liegen geblieben. «Dann habe ich versucht aufzustehen, bin aber wegen meiner Wunden wieder hingefallen», sagt Khan. «Als ich in den Nachbarraum robbte, sah ich den brennenden Leichnam unserer Schulsekretärin, die sass auf einem Stuhl, Blut tropfte herunter, ihr Körper stand in Flammen.»

Auch an einem getöteten Soldaten, der in der Schule gearbeitet habe, sei er auf seinem Weg vorbeigekommen, sagt Khan. In der Schule werden Jungen und Mädchen von Armeeangehörigen und aus der Zivilgesellschaft gemeinsam unterrichtet. Weiter erinnert sich Khan nur noch daran, dass er hinter eine Tür gekrochen und dort bewusstlos geworden sei. «Als ich aufwachte, lag ich im Krankenhausbett.»

Friedensnobelpreisträgerin bestürzt

Beim Angriff radikalislamischer Taliban sind in einer Militärschule in Peshawar mindestens 141 Menschen getötet worden. 132 der Opfer seien Kinder und Jugendliche, sagte ein Militärsprecher. Die Taliban bezeichneten den Angriff als Racheakt für die Tötung ihrer Kämpfer durch die Armee. Es ist der schlimmste Angriff in Pakistan seit mehr als einem Jahr.

Der schlimmste Angriff seit über einem Jahr. (Video: Reuters)

Die pakistanische Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai hat sich vom Überfall der Taliban auf eine Schule in ihrer Heimat mit über 140 Toten erschüttert gezeigt. Der «sinnlose und kaltblütige Terrorakt» in Peshawar breche ihr das Herz, sagte die 17-Jährige. «Ich verurteile diese grauenhaften und feigen Taten», sagte die Nobelpreisträgerin. Die Reaktion von Regierung und Armee in Pakistan sei bislang vorbildlich. «Zusammen mit Millionen anderen auf der ganzen Welt trauere ich um diese Kinder, meine Brüder und Schwestern. Aber wir werden niemals besiegt werden.»

Malala wurde bekannt, weil sie sich schon als Elfjährige für das Recht von Mädchen auf Schulbildung einsetzte. Sie stellte sich damit gegen die im pakistanischen Swat-Tal herrschenden Taliban.

Anteilnahme des Erzfeindes

Auch der Premierminister des Erzfeindes Indien seinen Amtskollegen in Pakistan angerufen. «Habe mit Premierminister Nawaz Sharif telefoniert. Habe ihm Angesichts der niederträchtigen Terrorattacke in Peshawar mein tiefstes Beileid ausgedrückt», teilte Narendra Modi im Kurznachrichtendienst Twitter mit.

Gespräche zwischen den Regierungschefs der beiden verfeindeten Atommächte sind äusserst selten. Jüngst auf einem Gipfel in Nepal hatten sie sich noch demonstrativ ignoriert. Nun schreibt Modi: «Indien steht im Kampf gegen den Terror entschieden hinter Pakistan. Ich habe Premier Sharif mitgeteilt, dass wir bereit sind, in dieser Stunde der Trauer alle mögliche Hilfe zu leisten.» Alle Schulen in Indien sollten am Mittwoch zwei Schweigeminuten einlegen.

(rar/AFP/sda)

Erstellt: 16.12.2014, 22:01 Uhr

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