Interview

«Ich rannte nicht. Ich wusste, über mein Leben war entschieden»

Jürgen Todenhöfer reiste sein Leben lang in Kriegsgebiete. In Libyen erlebte er Schlimmes. Tagesanzeiger.ch/Newsnet erzählt er seine Geschichte.

«Was passierte, ist unbeschreiblich und schrecklich»: Jürgen Todenhöfer Sekunden, nachdem sein Fahrzeug von einer Rakete getroffen wurde.

«Was passierte, ist unbeschreiblich und schrecklich»: Jürgen Todenhöfer Sekunden, nachdem sein Fahrzeug von einer Rakete getroffen wurde. Bild: zvg

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Jürgen Todenhöfer ist ein Rastloser. Noch mit 70 Jahren reist der frühere Bundestagsabgeordnete und ehemalige Verlagsmanager in Krisengebiete. Es scheint, als könne er es nicht lassen. Der Drang dorthin zu reisen, wo Konflikte ausgetragen werden, begann vor 50 Jahren. Algerien, Tunesien (Bizerta), später der sowjetisch-afghanische Krieg, Irak und jetzt die Länder der arabischen Revolutionen. Über die Kriege in Afghanistan und Irak hat er Bücher geschrieben. «Wer weint schon um Abdul und Tanaya? Die Irrtümer des Kreuzzugs gegen den Terror», so ein Titel. Es liegt ihm daran, den Menschen, die für ihre Freiheit kämpfen, ein Gesicht zu geben. In seinen Büchern und bei öffentlichen Auftritten erklärt er immer wieder, dass diese Menschen nicht einfach als Verbrecher oder Terroristen bezeichnet werden dürfen. Noch bevor die westliche Anti-Ghadhafi-Koalition Libyen aus der Luft bombardierte, reiste Todenhöfer nach Libyen.

Herr Todenhöfer, mit welcher Motivation reisten Sie nach Libyen?
Ich wollte wissen, was die Menschen bewegt, die nun dort nach jahrzehntelangem Stillhalten gegen einen Tyrannen aufbegehren. Ich war zuvor in Ägypten, als Mubarak gestürzt wurde, und reiste später nach Marokko. Als die libyschen Sicherheitskräfte am 17. Februar einen friedlichen Trauermarsch in Benghazi beschossen, brach der Volksaufstand in Libyen aus. Ich entschied mich, nach Benghazi zu reisen, um mir ein authentisches Bild vom libyschen Freiheitskampf zu verschaffen.

Was haben Sie dort gesehen?
Ich habe viele Menschen getroffen, die mir glaubhaft erklären konnten, dass sie friedlich für einen Regierungswechsel arbeiten wollten. Ghadhafi hat ihnen aber einen Krieg aufgezwungen. Die Menschen haben genug von Ghadhafi und seiner Schreckensherrschaft. Ghadhafi hat versucht dieses Aufbegehren des Volkes gegen seine Herrschaft, brutal und mit grosser Gewalt im Keim zu ersticken. Trotz der angespannten Situation in der Hochburg der Aufständischen, wurde mir seitens der Libyer grösste Gastfreundschaft entgegengebracht. Die Menschen baten mich immer wieder, ich solle über die Lage in Libyen berichten. Ich müsse den Menschen ausserhalb Libyens sagen, was in diesem Land wirklich passiert.

Sechs Tage war Todenhöfer in Libyen. Er wollte nicht nur Benghazi sehen. Der Buchautor plante nach Brega zu reisen. Eine Hafenstadt, die erst vor zwei Tagen von Ghadhafis Truppen eingenommen worden war. Angeblich hatten die Freiheitskämpfer sie zurückerobert. Für die Reise nach Brega brauchte Todenhöfer vertrauenswürdige Begleiter und einen Fahrer. Beides fand er in seinem Freund und Gastgeber Abdul Latif al-Hadi, einem 54-jährigen Libyer.

Wie bewusst war Ihnen, dass Sie sich mit der Reise nach Brega in Gefahr bringen?
Ich hatte schon am Vorabend meiner deutschen Begleiterin, der Fotojournalistin und Filmemacherin Julia Leeb, verboten mitzukommen. Aber sie beharrte darauf, mich zu begleiten. Ich schätzte die Gefahr auf fünf Prozent, dass wir in ernsthafte Schwierigkeiten geraten würden. Ich habe schon gefährlichere und bedrückendere Situationen erlebt. In Afghanistan bin ich mehrfach beschossen worden. Gefahr lauerte überall. Auch in Benghazi. Dort war kurz zuvor ein Al-Jazeera-Journalist gezielt erschossen worden.

Sie zogen los, Abdul Latif und ein 23-jähriger Libyer, sowie die Fotojournalistin und eben Todenhöfer. Sie wurden von Fahrzeugen überholt, in denen winkende Menschen sassen. Auch sie glaubten, Brega sei befreit. Sie fuhren weiter durch die Wüste, bis sich ein erschütterndes Bild vor ihnen zeigte: Ausgebrannte Autos auf der Strasse, herumliegende Karosserieteile und Rauch aus den Autowracks.

Was ging Ihnen in dem Moment durch den Kopf?
Ich wollte sehen, was passiert war. Deshalb stieg ich aus. Ich wollte die Grausamkeit, mit der Ghadhafi gegen sein Volk vorgeht, dokumentieren.

Was Todenhöfer sah, war ein schlimmer Anblick. In den ausgebrannten Fahrzeugen lag die Asche der Menschen, die ihm eine halbe Stunde zuvor noch zugewinkt hatten. Während er die Situation auf der Strasse inspizierte, vernahm er einen zischenden Laut. Bruchteile von Sekunden später kam es hinter seinem Rücken zu einer gewaltigen Detonation. Todenhöfer wollte zurück zum getroffenen Auto, aber die anderen hielten ihn zurück.

In dem Moment ergriff Sie Todesangst?
Die beiden schrien mir zu, ich könne nicht mehr zum Wagen zurück. Abdul Latif sei tot. Sie rannten in Richtung der nächsten Düne. Ich rannte nicht, ich wusste, über mein Leben war entschieden.

Was religiös wirkt, wurde in Tat und Wahrheit zum Überlebenskampf in der Wüste. Hinter einer Düne verschanzt, harrten die drei rund zweieinhalb Stunden aus. Ständig unter Beschuss. Sie haben in dieser Zeit viel über den Tod gesprochen. Todenhöfer kann sich nicht erklären, was in den Köpfen der Angreifer vorging. Diese hätten doch eindeutig gesehen, dass es sich bei ihnen nicht um Kämpfer handelte. Und dass sie nicht in feindlicher Absicht unterwegs waren.

Später liefen sie sieben Stunden lang durch die Dunkelheit der Wüste. Alle ausreichend genug voneinander entfernt, damit man sie nicht mit einem Schlag treffen konnte. Später wurden sie von einem Suchfahrzeug der Freiheitskämpfer aufgegriffen und zurück nach Benghazi gebracht. Todenhöfer hatte seinen «Freund» verloren.

Sie mussten sich Vorwürfe machen?
Was passierte, ist unbeschreiblich und schrecklich. Ich wollte mich bei den Brüdern meines Freundes Abdul Latif entschuldigen, für das, was passierte. Zu meinem Erstaunen entschuldigten sie sich bei mir, sie kondolierten mir. Für sie war es schlimm, dass Ausländer in ihrem Land so etwas erleben mussten. Sie bedankten sich dafür, dass wir im Ausland darüber berichten, was in Libyen passiert. Von Abdul Latifs Brüdern kamen keine Vorwürfe. Sie nahmen mich wie einen Bruder in die Arme.

In den letzten Tagen fielen immer wieder Journalisten in die Hände der Truppen Ghadhafis. Vier «New York Times»-Mitarbeiter wurden festgehalten, aber später wieder freigelassen. Später waren es Medienschaffende der Nachrichtenagentur AFP. Auch sie kamen wieder frei. Der Job zwischen den Fronten heisst auf gewisse Art auch Arbeit zwischen Leben und Tod.

Was denken Sie über die Kriegsberichterstattung?
Es ist wichtig, dass wir unabhängige Berichterstattung aus Krisengebieten haben. Für die Menschen, die da arbeiten, bedeutet das zwar ein hohes Risiko. Aber wir brauchen das, um zu sehen, was wirklich passiert. Es ist auch ein besserer Ansatz als dieser sogenannte eingebettete Journalismus, den wir im Irak-Krieg gesehen haben. Mit eingebettetem Journalismus ist keine unabhängige Berichterstattung möglich.

Inzwischen ist Todenhöfer wieder in Deutschland. Er berichtet vom Erlebten. Und er will, dass die Menschen erfahren, wie grausam der Krieg ist. Er sagt Sätze wie «Ghadhafi möchte ohne Zeugen morden.» Oder: «Abdul Latifs Landsleute kämpfen nicht nur um ihre Freiheit, sondern auch um ihre Würde, die ihnen der mordende Tyrann Ghadhafi geraubt hat.»

Todenhöfer fordert, die Freiheitskämpfer mit Defensivwaffen zu beliefern. Er ruft UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon auf, unverzüglich nach Benghazi und Tripolis zu reisen, um weiteres Blutvergiessen zu vermeiden. Die Flugverbotszone empfindet er als «armseliges Feigenblatt westlicher Politik, die den Tyrannen Ghadhafi jahrelang hofiert und Geschäfte mit ihm gemacht hat». Er wirft den westlichen Staaten auch vor, Ghadhafi mit Waffen ausgestattet zu haben, die er heute gegen das für seine Freiheit kämpfende libysche Volk einsetzt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.03.2011, 16:56 Uhr

Jürgen Todenhöfer (70) war von 1972 bis 1989 Mitglied des Deutschen Bundestages. Im Parlament politisierte er als CDU-Mitglied. Später verabschiedete er sich aus der Politik und hielt einen hohen Posten beim Burda-Verlag inne. Aus seinen Reisen in die Krisengebiete dieser Welt entstanden mehrere Bücher. Darunter: «Wer weint schon um Abdul und Tanaya? Die Irrtümer des Kreuzzugs gegen den Terror» (2003) und «Andy und Marwa. Zwei Kinder und der Krieg» (2005). Todenhöfer ist auch Autor des Bestsellers «Teile dein Glück» (2010/Bertelsmann-Verlag).
(Bild: zvg)

Todenhöfer zusammen mit Mustafa Abdul Jaleel. (Bild: zvg)

EXKLUSIV: Hilferuf aus Benghazi

Bei seinem Aufenthalt in Benghazi traf sich Todenhöfer am 12. März 2011 mit dem Vorsitzenden des libyschen Übergangsrates, Mustafa Abdul Jaleel. Der frühere Justizminister Ghadhafis hat sich auf die Seite der Aufständischen geschlagen. Obwohl der Inhalt des Gesprächs teilweise von der Aktualität überholt wurde, stellt es ein wichtiges Zeitdokument dar. Der Autor hat das Gespräch aufgezeichnet. Tagesanzeiger.ch/Newsnet publiziert das Dokument exklusiv.

Mustafa Abdul Jaleel: «Vielen Dank für Ihr Kommen. Sie haben damit Menschlichkeit gezeigt. Danke!

Wie kann ich Ihnen weiterhelfen und was möchten Sie wissen?

Nur Allah weiss, wann Ghadhafi stürzen wird, aber der Tag wird bald kommen. Unsere Situation ist anders als in Ägypten, denn wir haben keine Armee, die das Volk schützt. Diese Armee verteidigt nur Ghadhafi. Als unsere Jugend friedlich demonstrierte, wurde sie sofort mit scharfer Munition beschossen, von Soldaten und Söldnern Ghadhafis. Aber nun ist es so weit, dass wir für unsere Rechte kämpfen. Wir fordern von der Internationalen Weltgemeinschaft Folgendes:

Hier findet keine Konfrontation zwischen zwei Armeen statt. Die Freiheitskämpfer haben nur einfache Waffen, die sie in den Kasernen erbeutet haben, aber sie werden von Flugzeugen und von Panzern beschossen. Wir fordern die Einrichtung einer See- und Flugblockade. Die Logistikblockade muss auch das Meer abdecken. Zurzeit ist ein Schiff mit Fahrzeugen und Waffen aus Latakia in Syrien unterwegs zu Ghadhafi. Er wird diese Waffen zum Bombardement von Zivilisten einsetzen.

In der Stadt al-Zawiya werden mittlerweile auch Moscheen bombardiert. Bislang haben wir 15'000 Tote zu beklagen. Laut UNO-Charta hat der Schutz von Zivilisten höchste Priorität. Die Weltgemeinschaft hat auch in Kosovo und in Ruanda interveniert, wo viele Zivilisten getötet worden sind. Dort wurde eingegriffen, ohne gross die Legitimität der Intervention zu hinterfragen. Militärische Stützpunkte der Serben wurden im Kosovokonflikt zerstört.


Ghadhafi ist aufgrund seiner Brutalität für Libyen inakzeptabel. Wir wollen keine Bodentruppen in Libyen, doch eine Luft- und Seeblockade schränkt Ghadhafis Macht ein, so dass wir andere Städte des Landes befreien können, wie z.B. Tripolis. Ghadhafi nimmt die libysche Zivilbevölkerung gezielt unter Beschuss. Wir sind für die Zerstörung der Militärbasen dieses Terroristen. Erinnern Sie sich noch an den Terroranschlag auf die «La belle»-Diskothek in Berlin?

70 % des Landes sind befreit. Ghadhafi hat begrenzte Erfolge in Ras Lanuf aufgrund seiner ständigen Bombardements aus der Luft und von der See.
Ghadhafi kann nur dann die Kontrolle über das Land wieder erlangen, wenn er die Mehrheit der Menschen des Landes getötet hat. Die Menschen von Ras Lanuf und al-Zawiya benötigen dringend humanitäre Hilfe.

Unsere Jugend verlangt nur ihre Rechte. Libyen ist ein reiches Land, doch Ghadhafi hat den Reichtum Libyens nur für den Terrorismus und seine Familie verschwendet.

Wir wollen eine zivile Gesellschaft, die auf Respekt für die Menschenrechte und guten internationalen Beziehungen mit allen Nationen der Welt basiert. Wir sind keine Extremisten. Wir kämpfen um unsere Freiheit und unsere Würde. Bitte sagen Sie der Welt, dass wir ganz normale Menschen sind - anders als Ghadhafi.»

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