Idlib droht das nächste Aleppo zu werden

Nach dem Fall von Ost-Aleppo steht die nächste grosse Schlacht in Idlib an. Idlib ist die letzte bedeutende Hochburg der Rebellen.

In Syrien werden die Waffen noch lange nicht ruhen: Rebellenangriff auf die regimetreue Stadt Foua in der Provinz Idlib (6. Dezember 2016)

In Syrien werden die Waffen noch lange nicht ruhen: Rebellenangriff auf die regimetreue Stadt Foua in der Provinz Idlib (6. Dezember 2016) Bild: AFP

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Nach der Rückeroberung von Ost-Aleppo durch das Assad-Regime plädiert Russlands Präsident Wladimir Putin für einen nationalen Waffenstillstand. Als «nächster Schritt» müsse eine «vollständige Waffenruhe für ganz Syrien» erreicht werden, sagte Putin heute Freitag am Rande seines Staatsbesuchs in Japan. Auf Grund der bisherigen Erfahrungen in diesem rücksichtslos geführten Krieg müssen die Hoffnungen auf eine Waffenruhe als gering eingeschätzt werden. Erst vor wenigen Tagen machte der syrische Machthaber Bashar al-Assad klar, dass er die Gunst der Stunde nutzen will, um weitere Städte und Territorien zurückzuerobern. «Auch wenn wir in Aleppo fertig sind, werden wir den Krieg fortsetzen», liess Assad in einem Interview verlauten.

Praktisch alle Experten sind sich einig, dass mit dem Fall von Aleppo der Krieg noch lange nicht zu Ende ist. Was kommt nach Aleppo? «Die schnelle Antwort ist: Idlib», schreibt der frühere Nahost-Korrespondent der NZZ, Arnold Hottinger, in einer auf «Journal 21» veröffentlichten Analyse. Idlib liege gefährlich nahe bei Latakia, der Hafenstadt und der Provinz, die für das Regime von Damaskus von grosser Bedeutung sei. «Einst hatte Idlib Latakia bedroht», so Hottinger, «umso mehr ist das ein Grund, um energisch gegen Idlib vorzugehen.» Idlib werde fallen. Denn: «Nachschub aus der Türkei wird ausbleiben oder mindestens knapp werden, weil Präsident Erdogan heute mit Russland kooperiert. Und die Amerikaner werden Idlib nicht retten.»

Bombardierung von Idlib ist bereits in Gang

Auch andere Syrien-Kenner gehen davon aus, dass die nächste grosse Schlacht des Assad-Regimes gegen seine Gegner in Idlib stattfinden wird. Die Bombardierungen von Idlib durch russische Kampfjets begannen bereits während der Aleppo-Offensive.

Idlib, etwa 70 Kilometer südwestlich von Aleppo, war Anfang 2013 von Rebellen erobert worden. Die Stadt und die gleichnamige Provinz, die mehrheitlich von Sunniten bewohnt werden, bilden das letzte grosse zusammenhängende Rebellengebiet in Syrien. Die mit Abstand stärksten Oppositionskräfte sind allerdings zwei extremistische Gruppierungen. Dabei handelt es sich um die salafistische Ahrar al-Sham und Jabhat Fateh al-Sham, die früher Al-Nusra-Front hiess und der syrische Ableger des Terrornetzwerks al-Qaida war.

Assad-Gegner sind «ziemlich orientierungslos»

Nach der Niederlage in Aleppo seien Syriens Oppositionelle «ziemlich orientierungslos», sagte Usama Butt, Direktor des Instituts für Islamische Strategische Studien in London, dem deutschen Nachrichtensender n-TV. Die Gegner des Assad-Regimes hätten derzeit weder die militärischen Fähigkeiten noch eine Strategie, um im Bürgerkrieg wieder die Oberhand zu gewinnen. «Das Einzige, was sie derzeit tun können, ist, sich auf die nächste Offensive des Regimes in Idlib vorzubereiten.» Ihre Chancen stehen aber nicht gut.

Die unerbittliche Kriegsführung von Assad und seinen Verbündeten lässt ein ähnliches Horrorszenario wie in Aleppo berfürchten. In einem eindringlichen Appell forderte der UNO-Sondergesandte Staffan de Mistura sofortige Gespräche zwischen den Konfliktparteien. «Ohne eine politische Einigung auf eine Waffenruhe droht Idlib dasselbe Schicksal wie Aleppo», warnte de Mistura in Paris bei einer Medienkonferenz. Nach Idlib unterwegs sind derzeit bis zu 5000 Männer, die in Ost-Aleppo gegen die Regierungstruppen und ihre Verbündeten gekämpft hatten. Für das Assad-Regime ist es ganz praktikabel, die Rebellen möglichst an einem Ort zu haben.

IS ist weiterhin kein Hauptgegner von Assad

Der Islamische Staat scheint bisher nicht Assads Hauptgegner gewesen zu sein, obwohl das syrische Raqqa als IS-Hauptstadt gilt. Während sich Assad und Russland auf den Endkampf in Aleppo konzentriert hatten, eroberte die Terrormiliz am letzten Sonntag in einem Überraschungsangriff die Stadt Palmyra zurück. Ob Assad seine Truppen jetzt dorthin vorrücken lässt, ist unklar. Er könnte auch noch warten, um zu sehen, wie sich die Dinge in Washington nach Donald Trumps Amtsantritt im Januar entwickeln.

Artikel mit Material der Nachrichtenagenturen AFP und SDA. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2016, 20:13 Uhr

Idlib

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