Im Slum geboren, mit Aids infiziert, nie eine Schule besucht

Am Montag treffen sich die Staatschefs in New York, um über die Millenniumsziele zu beraten. Das Schicksal des achtjährigen Simon aus Johannesburg zeigt, was es heisst, wenn sie nicht erreicht werden.

Dass er noch lebt, grenzt an ein Wunder: Der achtjährige Simon.

Dass er noch lebt, grenzt an ein Wunder: Der achtjährige Simon.

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Man gab ihm noch drei Tage. Als Simon ins Johannesburger Kinder-Hospiz Spatzennest gebracht wurde, wog der Achtjährige elf Kilogramm: Er war zu schwach zum Laufen, seine Knochen drohten sich durch die trockene Haut zu bohren, ein lebendes Skelett. Simons Augen hätten den Ausdruck eines Sterbenden gehabt, erinnert sich Schwester Rosa: Dass der Junge überlebte, grenze an ein Wunder.

Simon wuchs in einem Slum knapp fünfzig Kilometer südwestlich von Johannesburg auf. Die Zenzele genannte Siedlung liegt genau auf der Goldader, der Südafrika seinen relativen Reichtum verdankt. Die meisten Slumbewohner sind arbeitslos oder halten sich mit am Rand der Minenindustrie anfallenden Gelegenheitsjobs über Wasser. Simon lebte mit seinen Grosseltern, drei Tanten (von denen eine Epileptikerin und schwerstbehindert war) sowie sieben Cousins und Cousinen in einer Bretterhütte, die nicht einmal zwanzig Quadratmeter gross war.

Mutter tot, Vater unbekannt

Keines der 13 Familienmitglieder hatte einen Job: Sie lebten von der staatlichen Rente der Grosseltern und dem Kindergeld. Strom gab es in der Hütte keinen, Wasser musste von einem mehrere Hundert Meter entfernten Hahn geholt werden, hinter der Hütte befand sich ein Plumpsklo. Simons Mutter war bereits Jahre zuvor an den Folgen von Aids gestorben, wer der Vater des Jungen ist, weiss keiner. Vermutlich wurde Simon bereits bei der Geburt von seiner Mutter mit dem HI-Virus infiziert: Der Junge ist ständig krank und wird viel zu langsam grösser.

Schule kommt für den schwächlichen Knaben nicht infrage: Es wäre auch gar kein Geld für die Schuluniform und die nötigen Bücher vorhanden gewesen. Als Simon schliesslich an Tuberkulose erkrankt und sich in nicht enden wollenden Hustenkrämpfen windet, trägt ihn eine seiner Tanten auf dem Rücken in die nächstgelegene Klinik: Dort werden ihm lediglich ein paar Päckchen Aufbaunahrung verabreicht – ein nicht ungewöhnliches Beispiel für den Zustand des öffentlichen Gesundheitswesens am Kap der Guten Hoffnung.

Eine Tierschützerin erbarmt sich Simon

Eine Tierschützerin, die durch Südafrikas Townships tourt, um vierbeinige Kreaturen zu retten, findet Simon schliesslich und bringt ihn ins Spatzennest. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Junge noch einen sogenannten CD-4-Wert, der die Anzahl der Immunkörperchen im Blut wiedergibt, von 40: Normal ist 2000. Ein Wert unter 200 gilt als lebensgefährlich.

Womit kaum jemand rechnete: Mit Aufbaunahrung, Tuberkulosemedikamenten und Medikamentencocktails gegen Aids behandelt, erholt sich Simon wieder. Der Husten hört auf, das lebende Skelett gewinnt an Gewicht, Simon beginnt wieder zu laufen. Als sich der Junge schliesslich sogar gelegentlich ein Lachen leistet, wird er von einer neuen Hiobsbotschaft aus der Heimat überrascht. In Zenzele kam es – wie regelmässig in Südafrikas Slums zur Winterszeit – zu einem Brand: Vermutlich griff ein zum Wärmen angezündetes Kohlefeuerchen auf die Holzwände der Familienhütte über. Simons Grossmutter, die behinderte Tante sowie zwei seiner Cousinen verbrennen.

Simon will Polizist werden

Seit wenigen Tagen geht der Achtjährige zur Schule, seine Lehrerin hält ihn für einen hellen Burschen. Wenn er gross ist, will Simon Polizist werden: Damit er all jene verhaften könne, die – wie so viele in Zenzele – zu viel Alkohol trinken würden.

Auch wenn es in dem mit Spendenmitteln finanzierten Spatzennest richtige Betten, einen Fussballplatz und regelmässig Hühnchenfleisch gibt, wäre er lieber zu Hause, sagt Simon leise: Denn unter den 240 Kindern des Heimes fühle er sich oft allein. Schwester Rose versteht das: «Natürlich wäre es am besten, wenn es uns gar nicht geben müsste.»

Erstellt: 19.09.2010, 12:49 Uhr

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