Im Wald gestrandet

Sie träumen vom Paradies und landen in der Hölle: Der Weg nach Europa endet für viele junge Afrikaner in Marokko. Wenn sie gewusst hätten, was sie dort erwartet, wären sie nie aufgebrochen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Unter ihm liegt das Paradies. Er kann es von seinem Berg aus sehen. Jeden Tag, auch bei Nebel und Regen. So nah ist es. Tausende Kilometer hat er zurückgelegt, seit er seine Familie in Gabun verlassen hat. Die grosse Wüste hat er durchquert und viele Grenzen überschritten. Nie war er seinem Ziel näher. Und nie war das gelobte Land so unerreichbar wie hier. «Ich mag nicht mehr. Ich bin müde», sagt Lapapy. Sein Blick geht ins Leere. Sein Gesicht zuckt.

Ob Lapapy sein wahrer Name ist, ob er wirklich aus Gabun stammt – es spielt keine Rolle. Im Wald von Gourougou hat weder das Gestern noch das Heute Bedeutung. Hier gibt es nur das Morgen. Morgen kann der Tag sein, den Gott für ihn und all die anderen hier vorgesehen hat. «Le jour de Dieu», wie sie sagen, der Tag Gottes, an dem sie es auf die andere Seite schaffen. Dieser Glaube allein hat verhindert, dass aus ihrer Hoffnung nicht längst Verzweiflung geworden ist.

Infrastruktur der Elenden

Der Wald von Gourougou auf einem Berg über der spanischen Exklave Melilla ist einer der Orte, wo sich die Hoffnungen Afrikas stauen. Nicht jene des aufstrebenden Afrika, sondern die Hoffnungen derer, die dachten, sie hätten nichts zu verlieren. Sie kommen zu Tausenden, seit Jahren. Geschickt von ihren Familien, deren Erwartungen sie mit sich tragen. Diese Erwartungen, die sie auch dann nicht begraben können, wenn ihre Hoffnung versiegt ist.

Vor Jahren kamen die Malier, dann folgten Zentralafrikaner, Tschader, Ivorer, Senegalesen, Nigerianer, Kameruner und Kongolesen. Keiner weiss mehr, wer die ersten Höhlen eingerichtet und die ersten Steinmäuerchen für Biwaks aufgeschichtet hat. Von wem die verrussten Blechtöpfe stammen, in denen sie das wenige kochen, das sie unten in Nador und in Beni Enzar erbetteln. Und niemand weiss, wie viele diese Infrastruktur der Elenden in Zukunft noch benutzen werden.

Wie viele im Wald von Gourougou leben, kann man nur ahnen. 4000 lautet die Schätzung, die ein Offizier der spanischen Guardia Civil im März der Zeitung «El Mundo» abgegeben hat. Eine Herde von Gestrandeten, bewirtschaftet von Schleppern und korrupten Grenzbeamten in einem verheerenden Kreislauf.

Je näher die jungen Männer aus allen Winkeln West- und Zentralafrikas an Europa kommen, desto gefährlicher wird es für sie. Ihr letztes Hindernis ist der Zaun, der die spanische Exklave in Afrika umgibt. Genauer: drei Zäune, bis zu sieben Meter hoch, mit allen technischen Schikanen – von Nato-Stacheldraht über Bewegungsmelder bis zu Pfefferspray-Selbstschussanlagen. 20 Millionen Euro teuer, markieren sie den ersten Aussenposten der Festung Europa.

Der Weg der letzten Hoffnung

Ob der Tag Gottes gekommen ist, offenbart sich erst unten am Zaun. Wenn sie zu Hunderten ausschwärmen, mit selbst gebastelten Leitern, bewaffnet mit Steinen und Stöcken. Manche nackt und mit den eigenen Exkrementen eingeschmiert, um die marokkanischen Forces Auxiliaires und die spanische Guardia Civil abzuschrecken. Die meisten werden trotz allem hängen bleiben am Bollwerk, das der Guardia-Civil-Offizier als «eigentlich unüberwindbar» bezeichnet. Aber ein paar schaffen es fast immer.

Der Weg über den Zaun ist der Weg der letzten Hoffnung. Der Weg jener, die ihre Fahrkarten für den Schlepper-Express bereits verspielt haben. Die Reiserouten durch Wüsten und über Grenzen in Marokkos Norden sind genauso organisiert wie die Anstürme auf den Grenzzaun. Je nach bezahltem Preis hat ein «Reisender» – so nennen sich die Flüchtlinge selbst – einen oder mehrere Versuche zugut. Fast jeden Tag finden die Grenzbeamten Afrikaner, versteckt in Kofferräumen von Autos oder doppelten Böden von Lieferwagen. Andere werden über das Wasser auf die letzte Meile zwischen Nador und Melilla geschickt. Viele Reisen enden hier, weil die Flüchtlinge in den präparierten Autos an Abgasen ersticken oder vor der Küste ertrinken.

Wer auffliegt, wird zurückgeschickt an die Grenze mit Algerien und in der Wüste ausgesetzt. Doch die meisten stehen kurze Zeit später wieder in Nador und nehmen Plan B in Angriff: den Zaun.

Lapapy, seit zwei Jahren im Wald, war schon viermal unten. Einmal hat er es bis vor das Tor des «Campo» geschafft, des Auffanglagers auf spanischem Territorium, wo sie ihm laut Gesetz ein faires Verfahren inklusive Anwalt hätten gewähren müssen. Doch sie hätten ihn geschnappt und zurückgeschafft, sagt der 23-Jährige. Und er ist nicht der Einzige.

Spanier schmieren Marokkaner

«Wir glaubten, in Europa gelte das Gesetz noch etwas», sagt ein junger Ivorer. Glaubt man den Erzählungen der Männer von Gourougou, haben die spanischen Behörden die Regeln während des Spiels geändert. Europäischer Boden bedeutet nicht mehr automatisch Sicherheit. Die Marokkaner, so Lapapy, würden von den Spaniern in Euros geschmiert, damit sie die Zaunstürmer zurücknehmen.

Früher, in den 80er-Jahren, waren die Grenzen zu den Überbleibseln des europäischen Kolonialismus in Marokko relativ einfach zu passieren. Seit Mitte der 90er-Jahre aber hat Europa stetig aufgerüstet. Die vielen jungen Afrikaner, die seither den Tod gefunden haben am Zaun, im Wasser oder unter den Schlagstöcken der Grenzwächter, haben den Strom der afrikanischen Glücksritter allerdings nicht zum Versiegen gebracht.

Sporadisch nimmt die Öffentlichkeit in Europa davon Notiz, wie kürzlich, als ein beklemmendes Video der Guardia Civil die Runde machte. Oder als der Zaun von Melilla und jener von Ceuta, Spaniens zweiter Exklave, 2005 wiederholt überrannt wurden. Hunderte wurden damals verletzt, 14 starben. Doch fast tausend schafften es auf die andere Seite.

Aus Episoden wie dieser nährt sich der Mythos, der junge Afrikaner nach Norden lockt. Der Mythos vom offenen Weg ins Paradies, der sich in Marokko als höllische Sackgasse entpuppt. «Wenn ich gewusst hätte, was mich hier erwartet, wäre ich zu Hause geblieben», sagt Fofana Raphael aus Togo. Die anderen murmeln müde Zustimmung.

Die Männer in Gourougou haben ihre Länder nicht verlassen, weil sie dort verfolgt wurden. Daraus machen sie keinen Hehl. Was sie «Migration volontaire» nennen, heissen wir Wirtschaftsflüchtlinge: Menschen, die kein Recht auf Europa haben, weil sie nicht totgeschlagen werden, wo sie herkommen, sondern in einem wirtschaftlichen Vakuum langsam ersticken. Sie haben Schulabschlüsse, kennen sich mit Computern aus, sprechen oft eine Fremdsprache – aber es gibt für sie keine Chance in einem Afrika, das ausländische Konzerne Hand in Hand mit korrupten Regierungen ausbeuten. Die Männer von Gourougou sind nicht dumm, sie wissen Bescheid.

«Ihr Europäer seid für unsere Lage genauso verantwortlich wie unsere Regierungen», sagt Lapapy. Vor allem die Franzosen, darin ist man sich auf dem Berg einig, müssten ihre Afrikapolitik überdenken. «Paris kontrolliert die Politik von mindestens 15 afrikanischen Staaten», sagt ein aufgebrachter Kameruner. «An das Volk denken die zuletzt.»

1000 Euro für ein Leben

«Würdet ihr heimkehren, wenn man euch ein Flugticket und 300 Euro geben würde?», frage ich. Kopfschütteln. Bei 1000 Euro beginnen die Ersten zu nicken. Was die jungen Schwarzafrikaner in Marokko erleiden, haben die Ärzte ohne Grenzen dokumentiert. Je länger die Menschen auf dem Weg nach Europa stecken bleiben, desto verletzlicher werden sie, so ein Fazit. Die Bedingungen unter freiem Himmel oder in den Armenvierteln von Rabat und Casablanca sind prekär. Die Migranten werden zusammengeschlagen, ausgeraubt, vergewaltigt – nicht nur, aber vor allem von den marokkanischen Sicherheitskräften. Im Wald von Gourougou schaut die Polizei fast täglich vorbei.

Nicht nur Europas Grenzen beginnen in Afrika. Auch die Drecksarbeit haben die Europäer an die Nachbarn im Süden delegiert. Dass dabei Menschenrechte verletzt werden, wird in Kauf genommen. Einen wichtigen Partner wie Marokko im Kampf gegen die unerwünschte Migration hätschelt man lieber, als dass man ihn kritisiert.

«Marokko ist die Hölle», lautet das einstimmige Urteil auf dem Berg. Ans Umkehren denken dennoch die wenigsten. Seine Familie habe Geld in ihn und seine Reise investiert, sagt Fofana. Wenn er jetzt mit leeren Händen zurückkehre, sei das «ein Fuck-up. Das geht nicht. Wirklich. Ich muss nach Europa.»

Zu Hause, in Kamerun, Nigeria oder wo auch immer, kennt niemand die Wahrheit. Die Männer erzählen ihren Angehörigen nicht vom Dahinvegetieren in Höhlen und Steinverschlägen, von Hunger und Hieben, von Narben und Zäunen. In den seltenen Telefongesprächen mit Eltern und Geschwistern beteuern sie, alles sei in Ordnung, das Ziel bald erreicht. Ihre Facebook-Profile gaukeln Normalität vor. In der virtuellen Realität leben sie in Casablanca oder Rabat, posten Witze und religiöse Sprüche.

«Ich will nicht, dass sich meine Familie Sorgen macht», sagt Fofana. Ausserdem würde ihnen ohnehin niemand glauben, was sie hier erlebten. «Wenn ich scheitere, heisst das nicht, dass es mein Bruder nicht schafft», sagt Lapapy. «Im Gegenteil, es fordert ihn heraus.»

Jene, die etwas Distanz gewonnen haben, sehen die grösseren Zusammenhänge. William aus Kamerun ist mit 23 bereits ein Veteran. Ohne seinen Schutz und seine Vermittlung hätten wir uns auf dem Berg nicht blicken lassen können. Er machte uns eine Liste mit Dingen, mit denen wir uns den Zugang erkaufen konnten: Brot, Konserven, Verbandsmaterial, Zigaretten.

Die reine Wahrheit

Auch William lebte fast zwei Jahre im Wald, auch er war mehrmals am Zaun. Bis er nach seinem vorerst letzten Versuch auf der Flucht über eine Klippe stürzte. Schwer verletzt kam er nach Rabat, wo sich die Caritas und eine Flüchtlingsorganisation um ihn kümmerten. Sein Ziel ist noch immer Europa, «aber ich habe keine Eile», sagt er.

Mit anderen schwarzafrikanischen Migranten hat er sich zusammengeschlossen zur Vereinigung, um die klandestine Migration in Marokko öffentlich zu machen, kurz Alecma. Ihr Ziel: den Menschen in ihrer Heimat den Traum von Europa auszutreiben. Auf ihrem Blog machen die Alecma-Aktivisten auf die Gefahren der Reise nach Norden aufmerksam. «Wir müssen endlich damit beginnen, die Wahrheit zu sagen», meint William. Die Wahrheit und 1000 Euro nützen vielleicht mehr als immer höhere Zäune und immer härtere Repression. Vielleicht sollten all die Experten und Politiker einmal eine Reise in den Wald von Gourougou machen und das Paradies von der Hölle aus betrachten. Dort, wo einem jede Asylgesetzrevision wie ein müder Witz vorkommen muss.

Die Männer dort werden es versuchen. Wieder und wieder. Bis sie drüben sind oder tot. Der Tag, den Gott für sie ausgewählt hat, wird kommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2013, 07:28 Uhr

Die spanische Exlave Melilla grenzt and die Provinz Nador. (Bild: TA-Grafik)

Artikel zum Thema

EU will an Flüchtlingspolitik festhalten

Nach dem Unglück vor der Insel Lampedusa gründet die EU eine Taskforce. Brüssel will die Politik aber nicht grundlegend verändern. Das zeigte sich am Treffen der EU-Innenminister. Mehr...

Die Flüchtlingswelle als perfide Waffe

Italienische Anti-Mafia-Staatsanwälte ermitteln gegen den gestürzten libyschen Diktator Ghadhafi. Er könnte schuld am Tod Dutzender Bootsflüchtlinge sein, die Richtung Lampedusa fuhren. Mehr...

Farbstifte gegen das Grauen

Die Tragödie von Lampedusa aus Sicht von Kindern: In italienischen Schulen versuchen die Lehrer, die Ereignisse mit den Schülern aufzuarbeiten. Was die Kleinen auf Papier bringen, spricht Bände. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Apokalyptische Szenen in Melilla. Quelle: Youtube

Paid Post

Es gibt Besseres als Escorts

Echte Erotik und richtigen Sex, bei dem beide Lust aufeinander haben, findet man nicht bei Escorts. Aber dafür beim Casual-Dating im Internet.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Nacktbaden: TeilnehmerInnen des Dark Mofo Sommersonnenwenden Nackschwimmens stürzen sich in den Fluss Derwent im australischen Hobart. (22.Juni 2018)
(Bild: Rob Blakers/EPA) Mehr...