In Etappen zum Sieg

Russland sei Dank: Syriens Präsident Assad muss eine militärische Niederlage wohl nicht mehr fürchten.

Ein russischer Helikopter überfliegt syrische Regierungstruppen am Rand der Provinzhauptstadt Deir al-Zor. Foto: AFP

Ein russischer Helikopter überfliegt syrische Regierungstruppen am Rand der Provinzhauptstadt Deir al-Zor. Foto: AFP

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Es war ein General der syrischen Armee, der im Staatsfernsehen die Erfolgsmeldung verlas: Von einem «strategischen Wendepunkt im Kampf gegen den Terrorismus», sprach er mit Blick darauf, dass regimetreue Einheiten nach drei Jahren die Belagerung der Provinzhauptstadt Deir al-Zor im Osten Syriens durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) durchbrochen hatten. Dort waren in einer von der Regierung kontrollierten Enklave 97 000 Menschen eingeschlossen – und mit ihnen das 137. Regiment der syrischen Armee. Der Durchbruch zeige, dass die «syrische Armee und ihre Verbündeten in der Lage sind, die letzten Hochburgen des IS zu zerstören und alle Verschwörungen zur Teilung des Landes zu beenden», sagte der General weiter.

Tatsächlich waren es vor allem die Verbündeten, denen Präsident Bashar al-Assad diesen wichtigen militärischen Erfolg zu verdanken hat. Mehrere Tausend schiitische Söldner aus dem Irak, befehligt von Offizieren der iranischen Revolutionsgarden, stellen den Grossteil der Einheiten, die sich mehrere Monate entlang der Wüstenstrasse von Homs und Palmyra vorkämpften. Unterstützung erhielten sie durch Soldaten von syrischen Armee-Spezialeinheiten, mehr noch aber von russischen Kampfjets, Helikoptern, Marschflugkörpern.

Bislang ist es ihnen gelungen, einen Korridor in die Stadt zu öffnen, ein erster Konvoi mit 40 Lastwagen konnte laut Staatsmedien Hilfsgüter liefern; davor waren die Einwohner unregelmässig aus der Luft versorgt worden. Der Armee-Stützpunkt und die angrenzenden Stadtteile sind allerdings immer noch von drei Seiten vom IS umschlossen, eine zweite Regierungsenklave vollständig. Die Stadt freizukämpfen, dürfte Monate dauern, sagen westliche Geheimdienstler, ähnlich wie in der einstigen IS-Hauptstadt Raqqa, die 120 Kilometer nordwestlich im Tal des Euphrat liegt.

Dort kämpfen die von den USA unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) gegen den IS, ein Bündnis kurdischer, arabisch-sunnitischer und assyrischer Milizen. Der Vorstoss des Regimes Richtung irakischer Grenze hat, wie im Statement des Generals anklingt, auch damit zu tun: Das Regime und mehr noch die von Iran kontrollierten Kräfte wollen verhindern, dass von den Amerikanern unterstützte Rebellen aus dem Süden und die SDF ein geschlossenes Gebiet an der Grenze zum Irak kontrollieren, wenn der IS einmal aus dem Euphrattal vertrieben ist. Hier, schätzen westliche Geheimdienste, haben sich 6000 bis 8000 IS-Kämpfer und führende IS-Kader zurückgezogen. Würden von den USA unterstützte Milizen die Kontrolle dort übernehmen, würde das die Landbrücke vom Iran über den Irak nach Syrien blockieren – Teherans geopolitisches Ziel, das der Hizbollah im Libanon strategische Tiefe und neue Versorgungsrouten verschaffen soll. Schiitische Milizen waren daher zuvor schon weiter südlich durch die Wüste an die Grenze vorgestossen und versuchen im Irak, sich südlich von Mossul einen Korridor zu sichern.

Für Assad ist die Region strategisch bedeutend, weil dort Öl- und Gasreserven liegen. Diese sind international betrachtet unbedeutend, nicht aber für Syriens Staatshaushalt. Das Land kann sich damit weitgehend selbst versorgen, wenn die Anlagen wieder hergerichtet sind. Den Kurden kommt der Vorstoss des Regimes nicht ungelegen – sie wollten von sich aus ohnehin nicht Hunderte Kilometer tief in sunnitisches Stammesgebiet vordringen, hätten dies nur auf Druck der USA getan. Aus dem Pentagon gibt es Zusicherungen, man werde die Verbündeten der SDF nicht im Stich lassen. Für die Amerikaner aber ist unter Präsident Donald Trump die Bekämpfung des IS das einzige Ziel; Vorstellungen davon, wie eine Nachkriegsordnung in Syrien aussehen könnte, haben sie noch keine vorgelegt, wie europäische Diplomaten klagen. Das könnte sich für die Kurden bald rächen.

Präsident Assad muss eine militärische Niederlage nicht mehr fürchten. Innert zwei Monaten hat das Regime Gebiete zurückgewonnen, die zweimal so gross sind wie die Fläche, die es im Herbst 2015 vor Moskaus Intervention kontrollierte. Viel davon ist Wüste, aber die Dynamik ist klar. Der UNO-Sondergesandte Staffan de Mistura formulierte es so: Die Opposition müsse akzeptieren, dass sie den Krieg gegen Assad nicht gewinnen werde.

Saudiarabiens Aussenminister Adel al-Jubeir, der vor wenigen Monaten noch Assads Ende als Fakt bezeichnete, unterbreitete in Riad Oppositionsvertretern am 21. August, sie müssten sich von ihrer Forderung verabschieden, der politische Übergangsprozess müsse mit dem Abgang des Präsidenten beginnen. Dafür gebe es international keinen Rückhalt mehr. De Mistura sagte, Assad habe den Krieg zwar militärisch nicht gewonnen. Für die Opposition sei aber die Zeit gekommen, «den Frieden zu gewinnen». Die Alternative zu einem politischen Übergang sei eine Reihe von Guerillakonflikten für die nächsten zehn Jahre. Und «sie werden keinen Wiederaufbau sehen», warnte er.

Hoffen auf Russland

Aus Diplomatenkreisen heisst es, bei der UNO hege man die Hoffnung, dass Russland Druck auf das Regime machen werde, wenn es sich in Deir al-Zor stabilisiert habe. Allerdings hoffte man das auch schon nach dem Fall Aleppos. Zumindest verhandelt Moskau mit der Türkei darüber, den Konflikt in Idlib einzufrieren; dort kämpften allerdings zuletzt vor allem die mit der al-Qaida verbundene Hayat Tahrir al-Sham gegen andere islamistische Rebellen – und kaum mehr gegen das Regime.

Saudiarabien versucht nun, eine möglichst breite politische Vertretung der Opposition zu schmieden. Neben dem Hohen Verhandlungskomitee sollen ihr die Kairoer und Moskauer Gruppe angehören. Letztere gilt vielen syrischen Revolutionären als Feigenblatt des Regimes. Zugleich versucht Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine neue Syrien-Kontaktgruppe aufzustellen, die zur UNO-Generalversammlung nächste Woche arbeitsfähig sein soll. Die Europäer und die Golfstaaten wollen eine politische Lösung in Syrien herbeiführen, bei der Assad am Ende einer längeren Übergangsphase abtritt. Ohne Geld aus der EU und vom Golf werde es in Syrien einen Wiederaufbau nicht geben.

Assad freilich verkündet weiter, er werde jeden Quadratzentimeter Syriens zurückerobern. Solange er volle Unterstützung aus Russland und dem Iran geniesst, hat er keinen Grund, bei den Gesprächen in Genf Zugeständnisse zu machen. Diese sollen womöglich schon im Oktober wieder aufgenommen werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2017, 21:56 Uhr

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