In Gaza haben sie keine Träume mehr

Die Menschen im Gazastreifen leben wie in einem grossen Gefängnis. Darin hat die islamistische Hamas eine religiöse Herrschaft aufgezogen, unter der vor allem die Frauen leiden.

Die miserablen Lebensumstände im Gazastreifen arbeiten der Hamas direkt in die Hände und radikalisieren die Menschen. Foto: Mahmoud Issa (Getty Images)

Die miserablen Lebensumstände im Gazastreifen arbeiten der Hamas direkt in die Hände und radikalisieren die Menschen. Foto: Mahmoud Issa (Getty Images)

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«Wenn ich aufs Meer schaue, dann kann ich mir vorstellen, dass ich an der Côte d’Azur wäre. Aber ich darf nur geradeaus schauen.» Dalal Mohammed blinzelt in die Sonne. Die 23-Jährige hat den türkisfarbenen Plastikstuhl so gestellt, dass sie nur das Meer im Blick hat. Aber das Wasser ist nicht blau, sondern braun, und es stinkt wegen der ungeklärten Abwässer, die hineinfliessen. Das hier ist Gaza, nicht Nizza.

Seit die radikalislamistische Hamas vor elf Jahren an die Macht gekommen ist, hat es drei Kriege mit Israel gegeben. Die von der EU und den USA als Terrororganisation eingestufte Hamas hat sich als unfähig erwiesen, die Regierungsgeschäfte zu führen. Mitschuld an der ökonomischen Misere ist auch die Blockade durch Israel und Ägypten, der Gazastreifen ist durch einen drei Meter hohen Zaun hermetisch abgeriegelt. Die Menschen dürfen nicht reisen – nicht einmal ins Westjordanland, denn dazwischen liegen 90 Strassenkilometer über israelisches Territorium.

Überfüllter Küstenstreifen

Raus dürfen Palästinenser nur mit einer Erlaubnis der israelischen Behörden. Die Bearbeitung eines Antrags kann Monate dauern, manchmal auch Jahre. Und man muss triftige Gründe haben, etwa eine medizinische Behandlung oder die Einladung zu einem Studium im Ausland. Mit rund zwei Millionen Menschen ist der 365 Quadratkilometer kleine Küstenstreifen überfüllt. Viele haben das Gefühl, in einem Gefängnis zu leben. Durch die Abschottung hat sich der Einfluss der radikalislamischen Hamas erst so richtig entfalten können, und die Gesellschaft hat sich im vergangenen Jahrzehnt massiv verändert, ist konservativer, religiös geprägter und radikaler geworden. Darunter leiden vor allem die Frauen.


Bilder: Tote und Verletzte an Gaza-Grenze


Das durch einen Strohzaun abgetrennte Café al-Baqa mit seinem bunten Mobiliar im Sand ist das einzige Lokal am Strand und wirkt wie eine Oase, die nicht ins triste Bild von Gaza-Stadt passt. Das Strandcafé ist ein Zufluchtsort für Frauen wie Dalal Mohammed, die in einem abgetrennten Bereich sitzen. Hier können sie kleine Freiheiten geniessen, die ihnen anderswo, zum Teil auch zu Hause, verwehrt werden. Zum Beispiel Shisha rauchen: «Zu Beginn des Hamas-Regimes haben sie Frauen gesteinigt, wenn sie in der Öffentlichkeit geraucht haben. Ich hatte Angst davor, dass mir das auch passiert. Dann habe ich das nur noch zu Hause gemacht», erzählt Nesma Ali, die an einer Wasserpfeife zieht.

Auf der Strasse angepöbelt

Als die Hamas vor einem Jahr angekündigt hat, die Regierungsgeschäfte im Gazastreifen an die palästinensische Autonomiebehörde zu übergeben, waren die religiösen Eiferer nicht mehr so streng mit der Durchsetzung ihrer Vorstellungen. Aber das hat sich wieder geändert, genauso wie wieder auf das Alkoholverbot geachtet wird. «Manchmal kommen Hamas-Leute vorbei und verbieten uns zu rauchen. Aber normalerweise wird es hier toleriert.» Nesma Ali trägt eine schwarze Hose, einen braunen Pullover und keine Kopfbedeckung. «Dafür zahle ich einen hohen Preis. Ich werde angepöbelt auf der Strasse. Sie nennen mich alles Mögliche. Das kommt nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen.»

Man beschimpfe sie auf der Strasse, weil sie Hosen trage, sagt Nesma Ali.

Im südlichen Teil des Küstenstreifens tragen fast alle Frauen Gesichtsschleier, den Nikab, wenn sie ausser Haus gehen. In den Strassen von Gaza-Stadt sind rund die Hälfte der Frauen mit Gesichtsschleier zu sehen, niemand geht auf die Strasse ohne ein Kopftuch. Selbst zwölfjährige Mädchen tragen ein weisses Kopftuch in der Schule. Auch Dalal Mohammed trägt eins, eigentlich zwei. Ein enges schwarzes und darüber ein loses blaues, das farblich zu ihren Jeans passt. Dass sie überhaupt Hosen tragen darf, muss sie sich jedes Mal hart erkämpfen. Denn der Vater bestimmt, was die 23-Jährige anzieht. Ginge es nach ihrem Bruder, dürfte sie ohne Gesichtsschleier nicht ins Freie gehen. Seiner Ansicht nach dürfte sie nie ohne männliche Begleitung ausser Haus – wie seine Ehefrau, die Nikab tragen muss.

Für Dalal Mohammed ist das Strandcafé ein Zufluchtsort, ein paar Stunden weg von zu Hause. Sie kann nur alle zwei Wochen, manchmal auch nur einmal im Monat hierherkommen. «Wenn mir eine gute Ausrede einfällt, eine Lüge. Denn ich darf nicht jeden Tag raus, ich benötige von meinem Vater eine Erlaubnis.» Dabei hat sie ein Studium der Informationstechnologie hier in Gaza-Stadt absolviert. Schon vor Sonnenuntergang muss sie zu Hause sein, das ist im Winter um 16 Uhr. «Ich kann nicht einfach sagen, ich gehe hierher, um Freundinnen zu treffen. Ich muss lügen und sagen, ich gehe zu einem Bewerbungsgespräch oder habe noch einmal einen Termin an der Uni.» Die Mutter weiss meistens Bescheid und deckt sie. Aber ihrem Vater dürfte sie nie die Wahrheit sagen.

«Schlag sie! Schlag sie!»

Nesma Ali ist 30 Jahre alt. Auch sie muss heute bei Sonnenuntergang im Elternhaus sein. Am Vortag traf sie erst um 22 Uhr ein, da gab es Streit. «Mein Vater schlägt mich wenigstens nicht. In unserer Kultur ist ein guter Mann, wer Frauen und Kinder schlägt. Schlag sie! Schlag sie! Man muss immer aufpassen, was die Nachbarn sagen. Es geht um den guten Ruf.» Was die Leute über sie reden, weiss Nesma Ali: «Ich bin eine Schande. Ich bin geschieden und daher ein Problem für meine Familie. Aber wenigstens hat sie mich wieder aufgenommen.» Auch in ihrem Teilzeitjob als Universitätsassistentin für Medienkunde, für den sie drei, manchmal vier Monate später bezahlt wird, lasse man sie ihr «Stigma» spüren. «Man ruft mir wüste Wörter nach. Eine Scheidung ist wie ein Verbrechen. Aber nur für die Frau.»

Für Dalal Mohammed kommt eine Heirat als Ausweg nicht infrage, darüber nachgedacht hat sie aber. «Das Risiko ist, dass der Mann noch konservativer sein kann als mein Vater oder mein Bruder. Es ist nicht üblich, sich zu verlieben und dass dann der Mann fragt, ob er mich heiraten kann.» Dalal Mohammed ist die Zweitjüngste und die einzige unter fünf Schwestern, die noch ledig ist.

Der Vater bestimmt, was seine Tochter Dalal Mohammed anzieht.

Mit ihren Freundinnen diskutiert sie immer wieder, ob es leichter sei, einen guten Mann oder einen guten Job zu bekommen. «Viele wollen heiraten, um den Einschränkungen in der Familie zu entkommen. Aber es kann schlimmer werden. Ich möchte lieber einen Job, denn das würde mir eine Perspektive geben.» Aber die Chancen sind gering: Nur rund 19,3 Prozent der Frauen in den palästinensischen Gebieten haben einen geregelten Job – einer der niedrigsten Werte weltweit. Die Arbeitslosenquote im Gazastreifen liegt bei den unter 24-Jährigen offiziell bei 61,4 Prozent.

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Ob sie Hoffnung habe, dass sich etwas ändern würde, wenn endlich eine politische Lösung für die Palästinenser gefunden würde? «Nein, ich habe keine Hoffnung mehr.» Auch Nesma Ali meint, es gebe höchstens Veränderungen in der Politik. «Aber das erreicht uns unten nicht. Wir merken es nicht auf der Strasse. Es gibt nicht mehr Jobs, es gibt keine anderen Männer. All das ändert sich nicht von heute auf morgen.»

Wenn eine Friedenslösung gefunden würde für die Palästinenser, die Blockade des Gazastreifens aufgehoben würde und sie sich frei bewegen könnten, wohin würde ihre erste Reise gehen? «Alle träumen davon, rauszugehen. Es gibt keine Träume in Gaza», meint Nesma Ali. «Aber ich würde nicht rausgehen, weil meine Mutter und mein Vater alt sind. Später vielleicht einmal.» Dalal Mohammed zuckt mit den Schultern: «Auch wenn die Grenzen offen wären, dann würde mir meine Familie nicht erlauben zu reisen. Ich stelle mir zwar vor, wie es ist, an der Côte d’Azur zu sein. Aber eigentlich habe ich gar keine Träume mehr, auch das habe ich schon aufgegeben.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 21.09.2018, 20:20 Uhr

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