«In Mosul drohen Konflikte unter den Befreiern»

Auch nach der Vertreibung des IS aus Mosul werde der Irak nicht zur Ruhe kommen, sagt der irakische Menschenrechtler William Warda. Für Christen und Jesiden sieht er schwarz.

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«Ich hoffe, dass ich mich irre», sagt William Warda. Der irakische Menschenrechtler befürchtet, dass die Gewalt auch nach der Rückeroberung der IS-Hochburg Mosul andauern wird. Es gebe keinen politischen Plan für die Zukunft von Mosul nach der Vertreibung des IS. «Wenn weder die irakische Regierung noch die Supermacht USA Sicherheit garantieren, drohen Machtkämpfe zwischen den Befreiern», erklärt Warda. «Möglich ist sogar ein offener Krieg zwischen den Befreiern», da diese unterschiedliche Interessen verfolgten. Zudem geht Warda davon aus, dass der IS auch nach der Vertreibung aus Mosul nicht aus dem Irak verschwinden wird. «Der IS wird in den Untergrund gehen, Zellen bilden und Terroranschläge verüben», sagt Warda, der 1961 in Mosul geboren wurde und dort einen Uni-Abschluss als Bauingenieur machte.

Mosul befindet sich seit Juni 2014 unter der Kontrolle des Terrorkalifats. In der sunnitischen Millionenstadt konnten die Fanatiker des IS leicht Fuss fassen, wie Warda erzählt. Das lag an der IS-nahen Mentalität grosser Teile der Mosuler Bevölkerung sowie an der Aversion gegen die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad. «Aber jetzt wollen die Mosuler befreit werden», meint Warda. «Sie hatten nicht erwartet, dass der IS eine Schreckensherrschaft etabliert und alles kaputt macht.» Warda geht davon aus, dass das Anti-IS-Bündnis die nordirakische Stadt im Dezember zurückerobert.

«Ich sehe keine gute Zukunft für die Minderheiten im Irak.»William Warda, Menschenrechtler

Bei der letzten Befreiung von Mosul war Warda selber an der Front gewesen. Er hatte im amerikanischen Krieg gegen Saddam Hussein (2003) mitgekämpft. Bei der damaligen Offensive auf Mosul war Warda Kommandant von christlichen Einheiten unter Führung von US-General David Petraeus. Danach wirkte er als Chef eines assyrischen TV-Senders. Heute ist Warda Vorsitzender der Allianz der irakischen Minderheiten und Repräsentant der Hammurabi-Menschenrechtsorganisation.

Keine Rückkehr der Vertriebenen ohne Schutz

Warda hat seine Zweifel, dass die Rückeroberung Mosuls eine echte Befreiung für alle sein wird. Wie er im Gespräch erklärt, dominieren im Kampf um Mosul die Interessen von Sunniten, Schiiten und Kurden. Die Schwächsten in diesem Konflikt seien die religiösen Minderheiten – Christen, Jesiden oder auch Shabak und Turkmenen. Deren Interessen würden nicht berücksichtigt, sagt Warda. Dabei erinnert er auch an das Schicksal der Hunderttausenden Vertriebenen, die einer religiösen Minderheit angehören. Es sei nicht vorstellbar, dass Christen unter sunnitischer Herrschaft leben wollten. «Ohne garantierten Schutz werden die Vertriebenen nicht zurückkehren», sagt Warda. Das zeige das Beispiel von Sinjar, wo die meisten Jesiden gelebt hätten. «In Sinjar wurde der IS vor einem Jahr vertrieben. Bisher sind knapp 5 Prozent der Jesiden zurückgekommen.» Eine ähnliche Entwicklung erwartet Warda für Mosul und den Rest der Ninive-Provinz. «Niemand möchte Opfer von neuen Konflikten werden.»

Seit zwei Wochen läuft die Aktion zur Befreiung von Mosul: Schiitische Milizen feuern Raketen gegen IS-Stellungen ab. Foto: Keystone

Warda wünscht sich von der internationalen Gemeinschaft ein stärkeres Engagement zugunsten der religiösen Minderheiten. «Sie brauchen Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit. Sonst werden die Christen und andere Minderheiten im Irak verschwinden», gibt der Menschenrechtler zu bedenken. Die Zahl der Christen im Irak ist seit dem Fall des Saddam-Regimes vor 13 Jahren und dem Erstarken sunnitischer Extremisten dramatisch zurückgegangen. Vor allem der IS-Terror beschleunigte den Exodus. 2003 lebten noch rund 1,5 Millionen Christen im Irak. Heute sind es noch knapp 300'000, in Kurdistan und in Bagdad. Der Irak hat 36 Millionen Bewohner. 97 Prozent sind Muslime, mehrheitlich Schiiten. Die Zentralregierung wird von Schiiten dominiert.

Gouvernement für Christen und Jesiden

Nach Ansicht von Warda können die Minderheiten nur in einer föderalistischen säkularen Demokratie überleben. So sollten sie lokale Autonomie erhalten sowie ein Vetorecht, wenn es um ihre vitalen Interessen geht, etwa bei der Verteilung von Land oder beim Bau einer Moschee in christlichen Gebieten. Es müsse verhindert werden, dass die demografischen Verhältnisse zulasten der Minderheiten geändert werden. «Christliche Orte dürfen nicht muslimisch werden. Denn das gibt nur Probleme.»

Eine gute Lösung wäre laut Warda die Schaffung eines Gouvernements für Christen und Jesiden. Als Nichtmuslime seien ihre Lebensweisen verträglich. Christen und Jesiden hätten auch historisch gesehen keine Probleme miteinander. Bei einer solchen Lösung würden zahlreiche Christen aus der Diaspora zurückkommen und investieren. «Die mehrheitlich gut ausgebildeten Christen sind nützlich für den Irak», erklärt Warda. Weil sie keine Unabhängigkeit verlangten, gebe es keine verfassungsrechtlichen Probleme. «Die Regierung müsste eigentlich einer solchen Lösung zustimmen.»

2003 lebten rund 1,5 Millionen Christen im Irak. Heute sind es noch knapp 300'000.

Die irakische Politik geht aber in eine andere Richtung, wie Warda einräumen muss. Ein kleines, aber doch typisches Beispiel für die Geringschätzung der Minderheiten bot kürzlich das Parlament: Es verabschiedete ein Alkoholverbot, das die Christen trifft. Denn der Alkoholhandel sei traditionellerweise in christlicher Hand, erklärt Warda. «Regierung und Parlament wollen die Minderheiten dominieren, kontrollieren und einschränken – oder gleich ganz auslöschen.» Warda zieht ein düsteres Fazit: «Leider sehe ich keine gute Zukunft für die Minderheiten.» Dennoch sei es seine Pflicht, Hoffnung zu verbreiten. «Sonst verschwinden die Minderheiten noch viel früher.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.11.2016, 17:46 Uhr

William Warda ist Vorsitzender der Allianz der irakischen Minderheiten und Kommunikationsverantwortlicher der Hammurabi-Menschenrechtsorganisation in Bagdad. Der Menschenrechtler, der der christlichen Minderheit angehört, weilte kürzlich auf Einladung von Christian Solidarity International (CSI) in der Schweiz. Er referierte in Zürich im Rahmen der CSI-Vortragsreihe «Die Zukunft der religiösen Minderheiten im Nahen Osten» (siehe Video unten).

Video

Referat von William Warda in Zürich. (Video: Youtube/Christian Solidarity International)

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