In Syrien kommt die Stunde der Wahrheit

Es ist nun an den Garantiemächten Russland und Türkei, in Idlib ein Massaker und eine Massenflucht abzuwenden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was sich gut anhört, ist es nicht: Das Wort Deeskalationszone ist einer der übelsten Euphemismen des Krieges in Syrien. Es klingt nach einer Reduzierung der Gewalt, war aber nichts anderes als eine vom Kreml erdachte Strategie, die es der Armee von Präsident Bashar al-Assad ermöglichen sollte, ihre Kräfte jeweils an einem Schauplatz zusammenzuziehen. Mithilfe schiitischer Milizen, die von iranischen Revolutionsgardisten befehligt werden, und der Feuerkraft der russischen Luftwaffe wurden diese Zonen dann eine nach der anderen so lange bombardiert, bis die Rebellen kapitulierten.

Drei der vier Zonen hat das Regime so zurückerobert. Anfang des Jahres fiel Ost-Ghouta, danach fielen die Gebiete um Daraa und eine Rebellen-Enklave zwischen Homs und Hama. Rücksicht auf Zivilisten nahmen dabei weder Assads Truppen noch seine Unterstützer und oft auch nicht die Rebellen. Das Mass an Gewalt übertraf in Ghouta ­den Sturm auf Aleppo, die Zivilbevölkerung wurde Opfer systematischen Beschusses ihrer Wohngebiete. Rebellenkämpfer und Zivilisten, die nicht unter Assads Herrschaft leben wollten, schickte Russland nach Idlib.

Die Stadt ist nun die letzte der Deeskalationszonen. Das Schicksal der Menschen dort scheint besiegelt zu sein. Assad, der jeden Quadratzentimeter syrischen Bodens militärisch zurückerobern will, rüstet zur Grossoffensive. Tatsächlich werden auch diese Gebiete im Norden des Landes unweigerlich wieder unter die Kontrolle des Regimes kommen. Es ist allerdings nicht zwingend, dass dies nach demselben Muster geschieht wie in Aleppo oder Ghouta – das ist nicht einmal möglich.

Problem bislang auf die lange Bank geschoben

Denn es gibt kein zweites Idlib, in das Rebellen oder Zivilisten ausweichen könnten. Auswegloser macht die Lage noch, dass die militärisch dominierende Kraft dort Hayat Tahrir al-Sham ist, Nachfolgeorganisation des Ablegers des Terrornetzwerks al-Qaida in Syrien. Wenn es zur Schlacht kommt, wird sie brutal wie nichts zuvor. Es ist an den Garantiemächten Russland und der Türkei, ein Massaker und eine Massenflucht ungekannten Ausmasses abzuwenden.

Russland müsste dafür seinen Einfluss in Damaskus einsetzen: seine Luftunterstützung. Die Türkei müsste zugleich die einst in die Vereinbarungen mit Moskau einbezogenen Rebellen dazu bringen, eine Rückkehr des Regimes nach Idlib zu akzeptieren. Gemeinsam müssten sie gegen Hayat Tahrir al-Sham kämpfen. Das für Freitag geplante Gipfeltreffen von Russland und der Türkei mit dem Iran, der dritten Garantiemacht, bietet Gelegenheit zu solchen Vereinbarungen.

Russland hat ein Interesse daran, dass sich der Krieg nicht noch Jahre zieht und ein weiteres Massaker eine Aussöhnung ebenso unmöglich macht wie Unterstützung für den Wiederaufbau Syriens durch europäische Staaten. Die Türkei hat ein Interesse daran, einen neuen Ansturm von Flüchtlingen auf ihre Grenze zu vermeiden. Bislang aber haben Ankara und Moskau das Problem Idlib zugunsten taktischer Kooperation auf die lange Bank geschoben. Jetzt kommt die Stunde der Wahrheit. Und sie wird ein Omen sein für die Zukunft Syriens.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2018, 21:45 Uhr

Artikel zum Thema

Washington droht Assad mit Konsequenzen

Sollte Syrien bei einem Angriff auf die Rebellenhochburg Idlib Chemiewaffen einsetzen, würden die USA und ihre Verbündeten «in angemessener Weise» reagieren. Mehr...

Assad plant Sturm auf Rebellenhochburg

Das syrische Regime will Idlib zurückerobern. Fast drei Millionen Zivilisten leben dort – ihnen droht eine Katastrophe. Mehr...

IS-Terroristen töten mit Schweizer Handgranaten

Mitten in der Debatte über die Lockerung der Kriegsmaterialverordnung tauchen brisante Fotos aus Syrien auf. Mehr...

Trump warnt vor «menschlicher Tragödie»

US-Präsident Donald Trump hat die Regierung in Damaskus und ihre Verbündeten vor einem «rücksichtslosen Angriff» auf die syrische Region Idlib mit «Hunderttausenden Toten» gewarnt. Der Iran und Russland begingen einen schweren humanitären Fehler, wenn sie an dieser potenziellen menschlichen Tragödie teilnähmen, twitterte Trump am Montag. Russland wies die Mahnung zurück. Idlib sei «ein Nest von Terroristen». Nach Angaben aus regierungsnahen Kreisen in Damaskus wird derzeit ein Angriff auf Idlib vorbereitet. Die Vereinten Nationen warnen vor einer neuen Fluchtwelle. (Reuters)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...