In der Hölle von al-Ghouta

Seit Montag werden die Menschen in Vororten von Damaskus pausenlos bombardiert. Viele dachten, der Krieg sei schon fast vorbei. Drei Gespräche mit Menschen in der einst blühenden Oase.

Unablässiger Beschuss: Ein Mann trägt ein verletztes Kind über die Trümmer demolierter Gebäude in al-Ghouta. Foto: Bassam Khabieh (Reuters)

Unablässiger Beschuss: Ein Mann trägt ein verletztes Kind über die Trümmer demolierter Gebäude in al-Ghouta. Foto: Bassam Khabieh (Reuters)

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Amer al-Mohibany pustet ins Telefon, erst leise, dann lauter, «pffffffff». So klingt die Rakete, die sich nähert – und dann krachend einschlägt. Sind gerade Menschen gestorben? Er weiss es nicht, es ist zu gefährlich, auf die Strasse zu gehen. Seit 48 Stunden hört der 29-Jährige ständig dieses «Pfffffff», und dann wartet er, wo die Rakete diesmal einschlagen wird. Sein Herz klopft wieder so stark, dass er das Gefühl hat, sein Brustkorb werde gleich explodieren. Sekunden, die sich jedes Mal so anfühlen, als wären es die letzten seines Lebens. Ist er diesmal dran? Wird er gleich in seinem eigenen Haus von herunterfallenden Trümmern begraben? Wird er eines der Opfer sein?

Eigentlich müsste Amer al-Mohibany gar nicht ins Telefon pusten. Wenn man mit ihm über einen der Internetmessengerdienste spricht, die noch eine Verbindung ermöglichen, hört man die Luftangriffe im Hintergrund. Sogar der Muezzin, der zum Abendgebet ruft, wird von bombenden Jets unterbrochen. Kaum jemand wagt es mehr, das Haus zu verlassen. Nur Krankenwagen fahren draussen noch. So etwas habe er in den fünf Jahren Belagerung noch nie erlebt, sagt Amer al-Mohibany. «Wir haben das Gefühl, uns stundenlang einen amerikanischen Katastrophenfilm reinzuziehen. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass wir jederzeit zu Opfern werden können. Das menschliche Gehirn kann diesen Wahnsinn nicht verarbeiten.»


Video: Die Lage in Syrien spitzt sich weiter zu

In Ost-Ghuta sollen bereits über 300 Menschen gestorben sein. Video: Reuters


Vergangene Woche starben laut UNO in Syrien 230 Zivilisten durch Kämpfe. Es war eine der schlimmsten Wochen seit Beginn des Bürgerkriegs im März 2011. Doch in den 48 Stunden bis zum Mittwochmorgen wurden 250 Menschen alleine in Ost-al-Ghouta getötet, einem Gebiet mit aus Beton hochgezo­genen Vorstädten bei Damaskus. Einst lagen sie idyllisch zwischen Gemüsefeldern und Obstgärten, in einer der grössten Bewässerungsoasen im Nahen Osten. Arbin, Douma, Ain Tarma, Samalka – Orte, die kaum jemand kennt. Heute stehen sie für die Schrecken dieses Krieges, wie sonst nur Aleppo oder Homs.

«Ich weiss, dass die Welt uns im Stich gelassen hat, aber ich weiss auch, dass Gott uns nicht im Stich lassen wird.»Amer al-Mohibany, Fotograf

400'000 Menschen sind nach UNO-Angaben in al-Ghouta eingeschlossen, belagert von Truppen der Regierung von Präsident Bashar al-Assad. Es ist eine der letzten Enklaven, die noch von Rebellen kontrolliert werden. Seit Tagen werden sie bombardiert, pausenlos. Aus der Luft werfen russische und syrische Jets ihre Bomben ab, am Boden feuert die syrische Artillerie Raketen und Granaten – obwohl Ost-al-Ghouta eine der vier «Deeskalationszonen» ist, die Russland, der Iran und die Türkei mit den Rebellen vereinbart haben. Zonen, die eigentlich den Weg zu einer politischen Lösung ebnen sollten, zu einem Frieden.

Assad kann zuschauen

Doch der scheint nach einer Phase relativer Ruhe Ende vergangenen Jahres wieder unerreichbar zu sein: Im Nordwesten des Landes sind türkische Truppen einmarschiert; Präsident Recep Tayyip Erdogan will in Afrin die kurdischen YPG-Milizen auslöschen. Den Kurden springen regimetreue Milizen bei, unterstützt von iranischen Beratern und Hizbollah-Kämpfern aus dem Libanon. Die Lage ist kaum mehr zu überblicken. Die Kurden, die im Nordwesten auf Assads Hilfe setzen, stehen im Nordosten an der Seite der Amerikaner – gegen das Regime. Erdogan droht dem Nato-Partner USA, und russische Söldner attackieren gemeinsam mit iranischen Milizionären einen Stützpunkt der Kurden, auf dem auch Amerikaner stationiert sind.

Der UNO-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, zog am Wochenende auf der Sicherheitskonferenz in München ein A4-Blatt aus der Innentasche seines Anzugs. «Zählen Sie bitte die Farben», sagte er und hielt eine Karte von Syrien in die Kamera. «Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs», zählte die Moderatorin. Es waren die Einflussgebiete der unterschiedlichen Mächte. So komplex ist die Lage nach bald sieben Jahren Krieg, dass auch Experten und Diplomaten kaum noch durchblicken. Die Friedensgespräche in Genf schleppen sich seit Jahren dahin, ein «Kongress der syrischen Völker», den Russland in Sotschi ausrichtete, brachte auch keine Fortschritte. Jetzt warnt de Mistura vor einem «zweiten Aleppo». Und nichts spricht dafür, dass er diesmal in Damaskus Gehör findet.

Bis zum letzten Quadratzentimeter

In al-Ghouta kennen sie das Gefühl, von der Welt im Stich gelassen zu werden. Im August 2013 waren dort in mehreren Orten mit Chemiewaffen bestückte Raketen eingeschlagen. Alles deutete darauf hin, dass es aus den Arsenalen der syrischen Armee stammte. Damals standen die USA und andere westliche Staaten kurz davor, militärisch einzugreifen und Assad gewaltsam zu stürzen. Heute ist Assad dabei, mithilfe der russischen Luftwaffe und vom Iran gesteuerten Milizen wahr zu machen, was er immer verkündet hat: Der Krieg werde erst enden, wenn die Armee die syrische Flagge wieder über dem letzten Quadratzentimeter syrischen Bodens gehisst habe. Von seinem Palast aus kann er die Bombeneinschläge hören und das Kreischen der Kampfjets am Himmel. Er hat riesige Panoramafenster und Balkone. Die Front ist sieben Kilometer Luftlinie entfernt. So nah liegen das entrückte Leben Assads und das Vegetieren zwischen Schutt und Ruinen im östlichen al-Ghouta beisammen.

Was macht das mit Menschen, wenn sie tagelang Todesangst haben? Man hat Suizidgedanken, sagt Amer al-Mohibany, man möchte dem Ganzen ein Ende bereiten. Nur sein Glaube hindert ihn daran. «Ich weiss, dass die Welt uns im Stich gelassen hat, aber ich weiss auch, dass Gott uns nicht im Stich lassen wird.» Mohibany arbeitet als Fotograf, am Dienstag wagte er sich nach draussen. Er wollte ins nahe Arbin fahren. Er wollte Fotos machen, der Welt das Leid zeigen, dem die Menschen täglich ausgesetzt sind.

Schulen in Kellern

Die Luftangriffe zwangen ihn schon nach wenigen Kilometern zur Rückkehr. Er wartete auf eine fünfminutige Feuerpause, doch er wartete drei Stunden vergeblich. Er war sich sicher, nicht wieder nach Hause zurückzukehren. Der Weg sah komplett anders aus als noch vor wenigen Stunden. Alles war zerbombt. Er verfluchte sich. «Die Welt hat uns vergessen, und ich gebe mein Leben dafür, sie aufzurütteln.»

Vor Weihnachten machte Amer al-Mohibany die Welt auf das drei Monate alte Baby Karim aufmerksam, das bei einem Granatenangriff des Assad-Regimes ein Auge verloren hatte. Er hoffte, das Baby damit aus der belagerten Stadt herauszubekommen. Doch es passierte nichts, wie so oft. Im Gegenteil, am 25. Dezember startete das Regime eine neue Grossoffensive. «Was aber ist das für eine Welt, die nicht mal einen Säugling aus der Hölle retten kann?»

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Die Menschen in al-Ghouta haben sich längst darauf eingestellt, ohne Hilfe zu leben, eingezwängt im Krieg zwischen dem Regime und radikalen Rebellen. Sie haben Schulen in Kellern eröffnet, 2013 schon, die Schutz vor den Granaten und Bomben bieten sollen. Sie haben diese Schulen auch gegründet, damit sich ihre Kinder nicht im religiösen Unterricht der Jihadisten indoktrinieren lassen müssen. 1800 Kinder werden hier an normalen Tagen unterrichtet. Der 29-jährige Zakwan Kahhala arbeitet in der Verwaltung einer Schule, auch er sitzt in einem der Kellerräume. Frauen und Kinder sitzen nebenan, sagt er am Telefon.

«Wir wissen, bevor der Tiger kommt, wird er alles dem Erdboden gleichmachen», sagt er. Der Tiger, damit ist Brigadegeneral Suheil al-Hassan gemeint. Seine Elitetruppen bereiten laut regimetreuen Medien eine Bodenoffensive vor. Deshalb geht Kahhala immer wieder raus, beobachtet den Himmel und zählt die Jets. Er weiss, welche Flugzeugtypen zur russischen und zur syrischen Luftwaffe gehören. Er hat sechs Jahre Zeit gehabt, sich in die Welt der Kampfjets einzuarbeiten. In einer Stunde zählte er bis zu neun Flugzeuge. «Die brauchen da oben ja einen Verkehrspolizisten, um das zu managen», sagt er, noch im Scherz, dann bricht die Verbindung ab. Wenige Minuten später schreibt er, das Gebäude neben der Schule sei getroffen worden.

Was den Menschen in al-Ghouta noch bevorsteht, lassen die Belagerungen von Homs oder Aleppo erahnen. Die Infrastruktur wird zerbombt. Bäckereien und Märkte, mehrere Spitäler und medizinische Einrichtungen sind bei den Angriffen seit Montagnacht zerstört worden. Die Schmuggeltunnel, über die bis vergangenes Jahr manchmal Lebensmittel die Belagerten erreichten, sind gekappt. Hilfskonvois werden blockiert. Die Preise sind in den vergangenen Wochen ins Unermessliche gestiegen. Selbst Brot ist für viele Familien jetzt Luxus. Und das Bombardement geht weiter. Bis zur Kapitulation.

Die Drohung des Tigers

Im Internet kursiert ein Video des Kommandanten, des Tigers al-Hassan: «Ich verspreche, euch eine Lektion zu erteilen», droht er. «Ihr werdet keinen Retter finden, und wenn ihr einen findet, wird die Rettung Wasser sein, so heiss wie siedendes Öl. Ihr werdet mit Blut gerettet werden.» In Aleppo oder Homs stand am Ende der Belagerung die Evakuierung. Kämpfer und ihre Familien erhielten freies Geleit. Doch nun gibt es keinen Platz mehr, wohin sie aus al-Ghouta noch gehen könnten.

Idlib, jene Provinz im Nordwesten an der türkischen Grenze, die bislang Ziel der grünen Busse mit geschlagenen Assad-Gegnern war, kann niemanden mehr aufnehmen, Hunderttausende Vertriebene aus anderen Teilen Syriens drängen sich dort, und ihre Lage ist dramatisch. In den Lagern fehlt es an Medikamenten, sauberem Wasser, Lebensmitteln. Krankheiten sind ausgebrochen. Und auch auf Idlib fallen Bomben.

Ein drittes Telefonat, diesmal mit Anas al-Shamy in al-Ghouta, im Hintergrund hört man den Muezzin über die Lautsprechanlage rufen: «Die Kampfflugzeuge sind am Himmel.» Seit drei Tagen finden in der Moschee keine Gebete mehr statt, sie ist jetzt eine Katastrophenzentrale. Doch eigentlich sei das gar nicht nötig, sagt der 22-jährige Syrer. Die Angriffe hörten sowieso nicht auf.

«Wenn eine Rakete einschlägt, dann zittert mein Neffe am ganzen Körper.»Anas al-Shamy

Anas al-Shamy wohnt mit seinen ­Eltern, seinen zwei Schwestern, dem Bruder und deren Familien in einem dreistöckigen Haus. In den vergangenen 48 Stunden haben sie sich im Keller verschanzt. Dreimal wurde ihr Haus von Raketen getroffen, aber alle elf Personen haben überlebt. Seit dem letzten Luftangriff ist der dritte Stock des Hauses nicht mehr bewohnbar. Das Schlimmste sei die Panik in den Augen seiner Neffen und Nichten. «Wenn in der Nähe eine Rakete einschlägt, dann zittert mein Neffe Joud am ganzen Körper, und seine grossen blauen Augen füllen sich mit Tränen. Ich schwöre bei Gott, dieses Kind hat nichts verbrochen, um all das ertragen zu müssen.»

In den vergangenen Tagen habe sein Neffe eine neue Art zu schreien entwickelt, erzählt er am Telefon, die sei so durchdringend, dass er Angst habe, das Kind könne daran ersticken. «Wir sterben am Tag tausend Tode, aber das scheint niemanden zu interessieren», sagt Anas al-Shamy. Er hasse die Welt.

Vor kurzem brachte Anas al-Shamy seinen Neffen zur Apotheke, er ist ein Jahr und ein paar Monate alt, langsam beginnt er zu laufen, er sollte eine Spritze in die Beine bekommen, der Bub ist sehr schwach. Die ersten Schritte eines Kindes, das ist in normalen Zeiten ein besonderer Moment für jede Familie. In Zeiten des Krieges aber sind sie nur eine grosse Last für einen unterernährten Körper.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2018, 22:13 Uhr

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