Interview

«Iran könnte genau eine Atombombe bauen»

Aufgrund der Veröffentlichung des IAEA-Berichts zum Atomprogramm des Irans ist der Druck auf das Land gestiegen. Nahost-Experte Roland Popp sagt, wie die Gerüchte um den Atombombenbau einzuschätzen sind.

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Herr Popp, der Bericht der Internationalen Atomenergie-Behörde IAEA sorgte bereits vor der Veröffentlichung für Wirbel. Wie realistisch sind die Gerüchte, dass der Iran kurz vor der Erstellung einer Atombombe steht?
Der Iran steht nicht kurz vor der Produktion einer Atombombe. In den vergangenen zehn Jahren konnte das Land eine begrenzte Menge – insgesamt etwa viereinhalb Tonnen – schwachangereichertes Uran produzieren. Damit könnte der Iran genau eine, vielleicht zwei Atombomben bauen. Es würde strategisch keinerlei Sinn machen, die nukleare Schwelle mit einer solch begrenzten Kapazität zu übertreten. Vielmehr ist zu vermuten, dass der Iran versucht, sich eine nukleare Option für die Zukunft offen zu halten. Das heisst, das Land möchte seine nuklearen Kenntnisse erweitern, um für den Notfall schnell gerüstet zu sein.

Wie gross ist das Know-how des Irans, was den Bau einer Atomwaffe angeht?
Wir wissen nicht, ob der Iran überhaupt das vollständige Know-how für die Erstellung einer Atombombe besitzt. Zumindest ist man in der Lage den Brennstoffkreislauf zu meistern, das ist eine wichtige Grundlage. Andere Länder verfügen aber sicherlich über viel mehr Kenntnisse als der Iran. Deutschland oder Japan würden beispielsweise ohne Probleme innert weniger Monate eine Atombombe bauen. Die Möglichkeit eine solche Fähigkeit zu erlangen wird vielen Staaten der dritten Welt vom Westen bewusst verwehrt – aus offenkundigen Gründen.

Wie lässt sich überhaupt beweisen, dass ein Land seine Atomeinrichtungen ausschliesslich für zivile und nicht für militärische Ziele nutzt?
Durch die ständige Beobachtung würde sehr schnell bemerkt, wenn die IAEA-Sicherungsabkommen verletzt werden. Iran könnte im geheimen Uran anreichern, abseits der IAEA-Kontrollen, doch ist die Gefahr einer Entdeckung durch westliche Geheimdienste sehr gross.

Ein Wissenschaftler aus der Ex-Sowjetunion soll dem Iran laut Medienberichten entscheidendes Know-how vermittelt haben. Wie plausibel sind solche Vermutungen?
Nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion haben viele Experten ihr Nuklearwissen dargeboten. Es kann natürlich sein, dass es sich bei dem besagten Wissenschaftler um einen solchen Informanten handelt. Anscheinend wird in dem Bericht aber ein Mann namentlich genannt, der in der industriellen Diamantenproduktion tätig war. Die Verbindungen zum Nuklearen scheint mir da etwas schleierhaft. Es bleibt abzuwarten, was genau im Bericht steht.

Wie gut informiert kann die Atomaufsicht überhaupt sein? Waren ihre Experten überhaupt jemals im Iran?
Die Experten der IAEA sind immer wieder vor Ort. Das Atomprogramm des Irans wird streng kontrolliert. In den Anlagen gibt es Kameras, durch die man sofort feststellen könnte, wenn die Iraner Teile des Urans für andere Zwecke abzwacken würden. Trotzdem ist es denkbar, dass das Land in versteckten Bunkern illegal am Atomprogramm arbeitet.

Gibt es noch andere Quellen, auf die sich die Atomwächter stützen können?
Ich denke, dass die Geheimdienste ihre Finger im Spiel haben. Man kann davon ausgehen, dass da schon einmal ein Computer geknackt oder ein Telefon abgehört wird. Trotzdem sollte man diesen geheimdienstlichen Erkenntnissen gegenüber skeptisch sein. Die Fehler, die im Vorfeld des Irakkriegs 2003 mit den vermeintlichen Massenvernichtungswaffen gemacht wurden, darf man nicht vergessen.

Könnte der aktuelle Bericht der IAEA solche geheimdienstlichen Informationen beinhalten?
Man weiss, dass die USA der Atomenergie-Behörde Material des Geheimdiensts zugestellt hat. Stützt sie den Bericht vorwiegend auf diese, riskiert sie den Vorwurf sich politisieren zu lassen. Denn die IAEA ist zur Unparteilichkeit verpflichtet. Dies ist eine Gratwanderung.

Was könnten die Atomwächter überhaupt bewirken, würde der Iran die Sicherungsabkommen missachten?
Kann man die illegalen Handlungen verifizieren, wird die Angelegenheit sehr schnell beim UNO-Sicherheitsrat landen. Die Folge könnten eine weitere Isolierung des Irans oder sogar eine militärische Reaktion sein, wie sie nun bereits Israel unilateral androht.

Wie realistisch ist für Sie ein solcher Militärakt Israels?
Mit dem momentanen Säbelrasseln setzt Israel alle unter Druck und versucht in erster Linie, den Iran in der internationalen Gemeinschaft weiter zu isolieren. Trotzdem ist ein militärischer Akt letzten Endes nicht ausgeschlossen. Denn Israel hat in früheren Jahren bereits Atomanlagen in anderen Staaten angegriffen. 1981 im Irak und in 2007 in Syrien. Häufig übersehen wird, dass Israel selbst ausserhalb des Nichtverbreitungsregimes steht, wahrscheinlich bis zu 200 Atomwaffen besitzt und daher kaum das moralische Recht besitzt, Iran für eigene nukleare Ambitionen zu verurteilen.

Erstellt: 08.11.2011, 19:50 Uhr

Roland Popp ist Nahost- und Sicherheitsexperte am Center for Security Studies an der ETH Zürich. (Bild: zvg)

Steht der Iran kurz vor der Produktion einer Atombombe oder nicht? Laut US-Medienberichten gibt es Beweise dafür. (Video: Reuters)

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