Iraner bedrängen britischen Tanker im Nadelöhr der Welt

Die Strasse von Hormuz ist seit Jahrhunderten eine der wichtigsten Wasserstrassen. Nun haben iranische Militärschiffe versucht, einen Öltanker zu stoppen. Bis die Royal Navy eingriff.

Konfrontation in der Strasse von Hormuz: Die Fregatte Montrose hat den britischen Öltanker beschützt. Foto: DPA

Konfrontation in der Strasse von Hormuz: Die Fregatte Montrose hat den britischen Öltanker beschützt. Foto: DPA

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Immer, wenn die Spannungen am Golf zunehmen, ist rasch die Rede von der Strasse von Hormuz. Tanker transportieren durch die Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman knapp ein Drittel des weltweit verschifften Öls, wie die US-Energieinformationsbehörde (EIA) schreibt. Es ist einer der am höchsten frequentieren Schiffswege der Welt. Für die Anrainer ist die Strasse von Hormuz der einzige Zugang zum offenen Meer. Und von den Erdölexporten Saudiarabiens, des Irak, Kuweits, Katars, Bahrains, der Vereinigte Arabische Emirate, aber auch des Iran ist die Weltwirtschaft abhängig. Das macht das maritime Nadelöhr zum strategischen Hotspot.

Zur jüngsten Konfrontation ist es am Mittwoch gekommen. Iranische Boote, die vermutlich dem Elitverband der Revolutionären Garden angehören, hätten einen britischen Öltanker aufgebracht, meldete zunächst der US-Nachrichtensender CNN und berief sich dabei auf einen ranghohen Vertreter des Pentagon. Der Tanker sei aufgefordert worden, in den nahe gelegenen iranischen Hoheitsgewässern zu stoppen. «Entgegen internationalem Recht versuchten drei iranische Schiffe, die Durchfahrt eines Handelsschiffes, der British Heritage, in der Strasse von Hormuz zu behindern», bestätigte ein Sprecher der Regierung in London den Zwischenfall.

Die britische Fregatte HMS Montrose, die den Tanker eskortierte, habe sich darauf zwischen die drei iranischen Boote und das Handelsschiff geschoben, wie die BBC berichtet. Als die Montrose ihre Kanonen auf die drei Militärschiffe richtete und sie per Funk zum Rückzug aufforderte, entfernten sich die iranischen Schnellboote. «Wir sind über diese Aktion beunruhigt und fordern die iranischen Behörden weiterhin dringend auf, die Situation in der Region zu deeskalieren», hiess es im britischen Verteidigungsministerium.

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Der Iran hat unterdessen den Zwischenfall dementiert. «Das Ziel solcher wertlosen Unterstellungen ist lediglich, Spannungen zu provozieren», sagte Aussenminister Mohamed Jawad Sarif am Donnerstag der Nachrichtenagentur Fars. Auch die Revolutionsgarden bestritten den Vorfall.

Angesichts der gegenwärtigen Krise zwischen dem Iran und den USA wollen die Amerikaner eine internationale Militärkoalition bilden, um die Öltanker zu schützen. Das Regime in Teheran droht regelmässig, die Strasse von Hormuz zu blockieren. US-Präsident Donald Trump besteht darauf, dass die USA nicht allein die Kosten für die Offenhaltung der Meerenge tragen. Jene Länder, die von weltweiten Schiffsrouten profitieren, sollten diese auch schützen.

US-Ausenminister Mike Pompeo hofft, dass sich 20 Länder an einer internationalen Koalition beteiligen, um den Schiffsverkehr zu sichern. Kriegsschiffe sollen demnach die Handelsschiffe eskortieren, die unter der gleichen Flagge fahren, so wie das die britische Fregatte HMS Montrose offenbar bereits macht. Die USA wären dafür zuständig, die patrouillierenden Schiffe der Koalition mit Überwachungsdaten zu unterstützen.

Handel mit Gewürzen

Die Strasse von Hormuz ist seit der Antike eine wichtige Handelsroute. Bis ins 16. Jahrhundert mussten die Händler auf dem Weg von Europa nach Indien hier vorbei. Sie machten am Ostufer der Meerenge in der befestigten Hafenstadt Hormuz halt. Wichtig war vor allem der Handel mit Gewürzen, die aus Fernost nach Europa importiert wurden. Der Weg über Hormuz war jedoch weit, beschwerlich und teuer.

Wichtiger Umschlagplatz im Altertum. Hormuz auf einem Stich von Braun und Hogenberg, Civitates orbis terrarum, 1572. Foto: Wikipedia

Es war Vasco da Gama, der in der Renaissance das Handelsmonopol der Araber brach. Der portugiesische Seefahrer fand 1497 den Seeweg um das Kap der guten Hoffnung herum und erreichte 1498 Indien. Dies, obwohl arabische Kaufleute seine Weiterfahrt verhindern wollten, als er für einen Zwischenhalt an der ostafrikanischen Küste angelegt hatte.

Ein Jahr später kam Vasco da Gama nach Hause, sein Schiff war voll beladen mit exotischen Gewürzen. Der Empfang in Lissabon war triumphal. Das Königreich Hormuz, das die Meerenge kontrolliert und bewirtschaftet hatte, ging im 17. Jahrhundert unter. Bis zur Eröffnung des Suezkanals 1869 war Vasco da Gamas Route die wichtigste Verbindung zwischen Europa und Südasien.

Mit dem Erdöl wurde die Strasse zur Zapfsäule

Als während der Industrialisierung der Bedarf nach Leucht-, Brenn- und Schmierstoffen stieg, gewann auch die Strasse von Hormuz wieder an Bedeutung. In Saudiarabien wurde 1938 Erdöl entdeckt. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zeichnete sich ab, dass die riesigen Vorräte des Schwarzen Goldes in der Golfregion immer wichtiger werden. US-Präsident Franklin D. Roosevelt verbündete sich mit dem saudischen Königshaus, und die amerikanische Ölindustrie begann auf der arabischen Halbinsel zu investieren. Die Golfregion wurde zur Tankstelle der Weltwirtschaft, die Strasse von Hormuz zu ihrer Zapfsäule.

Die Meerenge ist 170 Kilometer lang, die Breite variiert zwischen 39 und 96 Kilometern. Und die Navigation ist anspruchsvoll, selbst ohne politische Krise. Es gibt zwei Fahrrinnen, die je knapp vier Kilometer breit sind und durch einen ebenso breiten Streifen getrennt sind, um Zusammenstösse zu vermeiden. Die Schiffe passieren iranische und omanische Hoheitsgewässer, wobei der Verkehr durch eine UNO-Vereinbarung geregelt ist, die auch die USA respektieren.

Angeblich verlassen jeden Tag circa 15 Tanker den Persischen Golf. 2016 wurden täglich fast 300 Millionen Liter Rohöl und Ölprodukte durch die Strasse von Hormuz transportiert. Anders als noch in den 1970er- oder 1980er-Jahren seien heute etwa 80 Prozent des Rohöls für Asien bestimmt, schätzt die US-Energieinformationsbehörde. Die grössten Abnehmer seien China, Japan, Indien, Südkorea und Singapur. Das sind zum Teil auch jene Staaten, die vom Iran Erdöl beziehen, obwohl ihnen die USA deswegen mit Sanktionen drohen. Würde das Regime in Teheran die Strasse von Hormuz blockieren, könnte also auch der Iran selbst zu den Leidtragenden zählen.

Operation Gottesanbeterin

Die USA haben sich bereits 1980 unter Präsident Jimmy Carter darauf festgelegt, den Zugang zum Persischen Golf offen zu halten, notfalls auch mit Waffengewalt. Im April 1988 wurde die Carter-Doktrin angewendet mit der Operation «Praying Mantis», deutsch «Gottesanbeterin»: Ein US-Kriegsschiff fuhr auf eine Seemine, die die USA dem Iran zuschrieben. Die amerikanischen Streitkräfte versenkten darauf eine iranische Fregatte, ein Kanonenboot und sechs bewaffnete Schnellboote. Ausserdem zerstörten sie zwei Ölplattformen, die die Iraner als Kommandozentrale genutzt hatten.

Die brennende iranische Fregatte Sahand nach dem US-Angriff. Foto: Wikipedia

Seeminen sind nach wie vor die wichtigste Waffe der iranischen Marine. Sie verfügen über verschiedene Typen, auch über Haftminen mit Zeitzündern, wie sie bei den Angriffen auf Tanker im Golf von Oman eingesetzt wurden. Ausserdem könnten auch Torpedos oder Raketen zum Einsatz kommen, die vom iranischen Festland aus abgefeuert werden. Einige brennende Tanker würden wohl ausreichen, um den Schiffsverkehr zum Erliegen zu bringen, vermutet die NZZ. Jedenfalls dürfte in einem solchen Fall die Reaktion der USA mindestens so heftig ausfallen wie 1988. Die Strasse von Hormuz ist als Wasserstrasse heute wichtiger denn je.

Erstellt: 10.07.2019, 17:35 Uhr

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