Islamischer Jihad feuert Dutzende Raketen auf Israel

Nach der Tötung ihres Kommandanten Baha Abu al-Ata nimmt die Terrororganisation auch Tel Aviv ins Visier.

Die palästinensische Gruppe Islamischer Dschihad vor dem angegriffenen Haus in Gaza-Stadt. (12. November 2019) Foto: Mohammed Salem/Reuters

Die palästinensische Gruppe Islamischer Dschihad vor dem angegriffenen Haus in Gaza-Stadt. (12. November 2019) Foto: Mohammed Salem/Reuters

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Mehr als 50 Raketen wurden am Dienstagmorgen auf Orte rund um den Gazastreifen und den Zentralraum Israels abgefeuert. Nach Angaben der israelischen Armee wurden rund 20 Projektile vom Abwehrsystem «Iron Dome» (Eisenkuppel) abgefangen. Auch in Tel Aviv und den umliegenden Städten gab es Raketenalarm und es waren Explosionen zu hören. Bewohner suchten Bunker auf. Es wurde über Schäden an Fahrzeugen und einem Haus berichtet. In der Nähe von Beer Tuvia schlug eine Rakete auf einer Kreuzung einer mehrspurigen Schnellstrasse ein.

Alle Schulen zwischen dem Gazastreifen und Tel Aviv wurden angewiesen, dass sie keinen Unterricht abhalten dürfen, mehr als eine Million Schüler waren davon betroffen. Erstmals seit dem Ende des Gazakriegs 2014 wurden auch in der Dan-Region, zu der auch Tel Aviv gehört, Schulschliessungen angeordnet. Aufrufe der Behörde, dass man nicht zur Arbeit gehen soll, wurden für den Zentralraum am Vormittag aufgehoben. Wegen befürchteter Vergeltungsmassnahmen wurden rund um den Gazastreifen bereits in der Nacht die Schliessung von Strassen und Schulen verkündet.

Den Angriffen aus dem Gazastreifen war die gezielte Tötung einer der zentralen Führungsfiguren des Islamischen Jihad durch die israelische Armee vorausgegangen. Gegen vier Uhr früh wurde der Kommandant des Islamischen Jihad, Baha Abu al-Ata, getötet. Gemeinsam mit dem Geheimdienst Schin Bet hat das israelische Militär das Gebäude in Gaza-Stadt ausfindig gemacht, in dem sich al-Ata aufhielt. Nach palästinensischen Angaben soll auch seine Frau getötet worden sein. Am Vormittag begann die Beerdigungsprozession in Gaza-Stadt, Tausende Palästinenser nahmen teil.

Der Generalsekretär des Islamischen Jihad, Ziad al-Nakhala, schwor Rache. Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu habe «alle roten Linien überschritten» durch die Ermordung von al-Ata. «Wir werden in den Krieg ziehen», sagte er und kündigte eine «heftige Reaktion» an.

Armeesprecher Jonathan Conricus erklärte im Gespräch mit Journalisten, es handle sich um eine einzelne Aktion, Israel kehre nicht zur Politik der gezielten Tötungen zurück. Al-Ata sei «eine tickende Zeitbombe» gewesen, es hätten unmittelbare Angriffe bevorgestanden. Er sei vorab gewarnt worden. Eine Woche lang habe man auf den passenden Zeitpunkt gewartet.

Am späten Vormittag bestätigte die israelische Armee, dass sie zwei Anhänger des Islamischen Jihad, die Raketen abgefeuert haben sollen, aus der Luft angegriffen hat. jEin Mann soll dabei getötet worden sein. Auch in Damaskus soll Israel das Haus eines Anführers der Organisation Islamischer Jihad angegriffen und dabei zwei Menschen getötet haben. Zwei Raketen hätten am frühen Dienstagmorgen einen Wohnsitz von Akram Al-Adschuri getroffen, meldete die staatliche syrische Agentur Sana. Sein Sohn, seine Enkelin und ein weiterer Mann seien getötet worden. Ein israelischer Armeesprecher wollte diese Berichte nicht kommentieren.

Netanyahu erklärte am Dienstagmorgen, die Entscheidung zur Tötung von al-Ata sei am Sonntag vom Sicherheitskabinett getroffen worden. «Er ist verantwortlich für viele Terrorangriffe und das Abschiessen von Raketen auf Israel in den vergangenen Monaten. Und er hatte die Absicht, weitere Angriffe auszuführen.» Es war Netanjahus letzter Tag als Verteidigungsminister, der Likud-Politiker wollte das Amt an Naftali Bennett von der Partei Neue Rechte am Dienstagnachmittag übergeben.

Der von Iran massgeblich gesteuerte Islamische Jihad ist die zweitgrösste Gruppe im Gazastreifen, sie übte wiederholt Kritik am Waffenstillstand, den die regierende Hamas mit Israel nach Vermittlung Ägyptens und der Vereinten Nationen eingegangen ist. Die Hamas hat nicht mehr die vollständige Kontrolle über den Gazastreifen. Für jene vereinzelten Abschüsse von Raketen, die seit Mai abgefeuert wurden, soll der Islamische Jihad die Verantwortung tragen. Die israelische Armee macht den Islamischen Jihad unter anderem für die Tötung eines ihrer Soldaten bei den Protesten an der Grenze verantwortlich.

Wegen der Eskalation wurde ein Treffen des israelischen Sicherheitskabinetts einberufen. Die israelische Armee appellierte an die im Gazastreifen regierende Hamas, die Lage nicht eskalieren zu lassen. Gleichzeitig stellt sich das Militär auf mehrere «intensive Tage» ein. Mit Spannung wurde am Dienstagvormittag die Reaktion der Hamas erwartet. Ein Hamas-Sprecher sagte, die Ermordung von al-Ata könne nicht ohne Bestrafung bleiben. Auch im Gazastreifen blieben Schulen und Universitäten aus Furcht vor israelischen Gegenangriffen geschlossen.

Baha Abu al-Ata war eine der zentralen Führungsfiguren im Gazastreifen. Er ist Chef des Militärrats der Al-Kuds-Brigaden, des militärischen Arms des Islamischen Dschihads. Er war verantwortlich für die militärischen Aktionen im nördlichen Teil des Gazastreifens und hatte mehrere Hundert Kämpfer unter seinem Kommando, sowie ein Raketenarsenal zur Verfügung. Er soll 2012 bereits einmal einer israelischen Tötungsaktion entkommen sein. Das Gebäude, in dem er sich befand, wurde bombardiert, aber al-Ata überlebte. 2014 wurde sein Haus erneut angegriffen, aber er befand sich zu dem Zeitpunkt nicht in dem Gebäude.

Der israelische Präsident Reuven Rivlin rief die politischen Parteien auf, angesichts der angespannten Lage ihre Streitigkeiten zu beenden. «Das ist keine Zeit für Zank.» Benny Gantz, dessen blau-weisse Liste die Wahl gewonnen hat, verhandelt mit Netanyahu und dessen Likud-Partei über die Bildung einer grossen Koalition. Er hat bis 20. November Zeit, eine Koalition zustandezubringen. Netanyahu hatte zuvor keine Mehrheit hinter sich gebracht.

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Am Dienstag schlug auf einer israelischen Schnellstrasse eine Rakete ein und verfehlte nur knapp mehrere Autos. (Video: Tamedia)

Erstellt: 12.11.2019, 07:50 Uhr

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