Israel – zwischen Liebe und Finsternis

70 Jahre nach der Staatsgründung stellt sich die Frage, was Zionismus heute noch bedeutet. Eine Erkundung.

Im Dienste des einzigen Staates, in dem Juden eine Bevölkerungsmehrheit bilden: Zwei israelische Soldaten auf Wache. Foto: Keystone

Im Dienste des einzigen Staates, in dem Juden eine Bevölkerungsmehrheit bilden: Zwei israelische Soldaten auf Wache. Foto: Keystone

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Für Theodor Herzl, den Übervater des Zionismus, interessiert sich in Tel Aviv kaum noch jemand. Junge Israelis rollen die Augen, wenn man seinen Namen erwähnt: «Ach, Herzl, das ist lange her.» Den haben doch die Grosseltern verehrt: Herzl, der Wiener Journalist, der den Zionismus begründete und davon träumte, einen eigenen Staat zu erschaffen. Immerhin, über der Badewanne in der Gästewohnung eines Architektenfreundes hängt ein gerahmtes Porträt des Mannes. Oder ist das ironisch gemeint?

Vor siebzig Jahren, am 14. Mai 1948, rief David Ben-Gurion im Kunstmuseum am Rothschild Boulevard unter einem Bild Theodor Herzls den unabhängigen Staat Israel aus. An diesem Tag wurde aus einer Utopie Realität. Was aber bedeutet Zionismus heute, nach der Erfüllung von Herzls Traum, nachdem der Zionismus sozusagen in Zion angekommen ist?

Darüber wollen wir mit Anita Shapira reden, der angesehenen israelischen Historikerin. Shapira wurde 1940 in Warschau geboren, zur Zeit der deutschen Besatzung. Sie überlebte den Holocaust und immigrierte 1947 nach Israel. Shapira war lange Zeit Direktorin des Weizmann-Instituts für zionistische Studien; ihre Biografie des ersten Ministerpräsidenten David Ben-Gurion ist ein Standardwerk.

Wir sind drei Tage vor dem Termin mit Anita Shapira angereist. Es ist der Vorabend des Pessach-Festes, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnert. Wir stellen uns, vielleicht etwas idealistisch, vor: Es wird angesichts der nahenden Geburtstagsfeier interessant sein, mit jungen Israelis über Zionismus zu sprechen.

Leider sind grosse Fragen nicht zwingend solche, die auch viele interessieren. Jedenfalls nicht das junge Volk von Tel Aviv; diese auffallend energiegeladenen Menschen, die einen Abend nach Seder (so heisst der Auftakt zum Pessachfest) unter den Arkaden des Port Sa’id sitzen, neben der Grossen Synagoge. Sie essen, trinken, lachen und scherzen und setzen ihr massenhaft vorhandenes erotisches Kapital ein, wie es die Soziologin Catherine Hakim beschrieben hat, bei wem sie wollen. Sie leben diese typische Nun-ist-es-an-der-Zeit-Spass-zu-haben-Attitüde junger Menschen, die Geist haben und Stil und wenig Zeit zu verlieren. Über Zionismus reden?

«Wieso das denn?», fragt die Dichterin Tahel Frosh, die wir nachts an der Allenby Street treffen. «Das wichtigere Thema ist der Hyperkapitalismus, der diese Gesellschaft zerstört hat», sagt sie, «und natürlich die Okkupation.» Von ihr profitierten die Waffenindustrie und der militärisch-industrielle Komplex, der eng mit der gegenwärtigen Regierung verflochten sei.

Herzls Vision wird real: David Ben-Gurion verkündet als erster israelischer Premierminister 1948 die Unabhängigkeit. Foto: Getty Images

Wir fahren am nächsten Morgen auf den Herzlberg, mehr Hügel als Berg, zum Grab des grossen Mannes vor den Toren Jerusalems. Manchmal hilft die Nähe von Toten, um die Lebenden besser zu verstehen. Theodor Herzl starb bereits im Sommer 1904, lange vor der Staatsgründung.

Von seiner Ruhestätte ist nichts zu sehen. Rundherum hat eine Kompanie der Armee eine Tribüne aufgebaut für die Geburtstagsfeier, die nach jüdischem Kalender am 17. April (nach unserem am 14. Mai) stattfinden wird. Eine Militärkapelle übt Märsche, Soldaten, Frauen und Männer in Uniformen, hocken im Schatten, die Gewehre lässig umgehängt. Die einen geben sich entspannt, andere sind aufgekratzt, alle tragen verspiegelte Pilotenbrillen.

An diesen jüdischen Kriegern hätte Herzl wohl seine Freude gehabt, nicht weil er Militarist war, im Gegenteil, aber diese blutjungen Menschen repräsentieren eine wehrhafte Nation. Das sind keine bleichen, schwachen Schtetljuden, die noch auf dem Weg in den Tod in der Thora lesen.

In den Achtziger- und Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts machte man diese Wehrlosen für alle Übel dieser Welt verantwortlich; man hasste und diskriminierte sie. Vor allem in Russland und Osteuropa, wo ein auf ethnischen Vorurteilen gründender Antisemitismus den religiösen noch um eine zusätzliche Dimension erweitert hatte. Pogrome (das Wort stammt aus dem Russischen und bedeutet «Zerstörung», «Verwüstung») fanden dort ständig statt; in Frankreich und England waren Juden zwar assimiliert, doch behandelt wurden sie als Bürger zweiter Klasse. Das war die Situation der Juden zu Herzls Lebzeiten, und keiner sah das so klar wie Herzl selber.

Was die Nazis nicht geschafft haben, wollten die vereinigten Armeen gemeinsam vollbringen.

Aber ist das nicht wirklich alles lange her? Wo ist der Bezug zu heute? Beinahe alle europäischen Länder beklagen heute eine Zunahme antisemitischer Vorfälle: In Paris wurde im Februar eine Holocaust-Überlebende in ihrer Wohnung ermordet – weil sie Jüdin war. Nach Deutschland eingewanderte Fanatiker aus muslimischen Ländern brüllen auf der Strasse «Jude, Jude, feiges Schwein». Das in Sachen Antisemitismus traditionsreiche Volk der Ungarn hat die offen antijüdische Jobbik-Partei zur zweitstärksten politischen Macht des Landes gemacht. Und die Rapper Kollegah und Farid Bang begeistern ein grosses Publikum mit antisemitischen Parolen.

Eins steht fest: Das zionistische Projekt hat den Antisemitismus nicht bekämpfen können.

Die Gräber auf dem Herzlberg erzählen die Geschichte aller Kriege Israels. Wiederholt war das Land Opfer arabischer Aggression. Israel ist ein jüdischer Nationalstaat inmitten der arabischen Welt. Deshalb sollten Israel und alle Juden vernichtet werden – der ägyptische Staatspräsident Gamal Abdel Nasser sprach im Mai 1967 davon, die Juden ins Meer zu treiben. Was die Nazis nicht geschafft haben, wollten die vereinigten Armeen von drei arabischen Ländern gemeinsam vollbringen.

Tatsache ist aber auch: Nur eine Woche nach dem durch einen Präventivschlag gewonnenen Sechstagekrieg von 1967 eroberte Israel die von Arabern bewohnten Gebiete des Westjordanlandes und des Gazastreifens – und hat diese bis heute nicht zurückgegeben.

Es ist ein nüchterner Ort, dieser Friedhof auf dem Herzlberg, der auch einen Soldatenfriedhof umfasst. Kleine Steintafeln markieren, wo jene liegen, die den höchsten Preis bezahlt haben. Es herrscht die Ästhetik der Kriegerkaste eines Staates, dessen Existenz ohne den Zionismus, die jüdische Nationalbewegung, schwer denkbar ist.

Mit der Waffe im Sand: Ein junger israelischer Soldat. Foto: Getty Images

Theodor Herzl war ein Pragmatiker. Die sogenannte Judenfrage war für ihn in erster Linie eine soziale Frage: Die Assimilation hatte nicht funktioniert, es war ein Handicap, Jude zu sein. Durch Massentaufen sollten deshalb die Kinder österreichischer Juden katholisch gemacht werden. Nur so lasse sich der Nachteil, Jude zu sein, für immer beseitigen. Warum er diese Idee nicht weiter verfolgte, ist unklar.

Sicher ist: Im Dezember 1894 war Herzl, der für die «Neue Freie Presse» als Korrespondent in Paris arbeitete, beim Prozess gegen Hauptmann Alfred Dreyfus dabei. Am 5. Januar 1895 wurde der jüdische Offizier der französischen Armee wegen angeblichen Landesverrats degradiert, des Landes verwiesen und zu lebenslanger Festungshaft auf der Teufelsinsel verurteilt. Die Menge schrie: «Tod den Juden!»

Herzl wurde klar, dass weder «Gott noch Ghetto» die Juden beschützen könnte, so formuliert es der israelische Autor Ari Shavit in seiner Geschichte Israels «Mein gelobtes Land». Ihre Nähe zu Gott und das Getrenntsein von der sie umgebenden nichtjüdischen Welt habe es den Juden ermöglicht, ihre Kultur zu bewahren. Niemand schütze sie, kein König und kein Kaiser; was sie als Volk zusammengehalten habe, seien ihre religiöse Praxis und ihre Erzähltradition.

Unter dem Eindruck der Ereignisse um Dreyfus wurde für Herzl die Schaffung eines Staates für Juden notwendig: Die Juden brauchen einen Ort auf der Welt, an dem sie sicher leben können, das ist der Kern der zionistischen Idee. 1896 schrieb er das prophetische Manifest «Der Judenstaat». Die schmale Schrift ist der detaillierte Entwurf für einen Musterstaat, welcher der Welt als Vorbild dienen sollte.

«Mein Land hält ein anderes Volk besetzt.»Shaul Setter, Kunstkritiker

Wir fahren zurück in den «Staat Tel Aviv» – das ist ein Ausdruck Anita Shapiras, die wir später treffen werden. Tel Aviv ist tatsächlich ein Staat, ein alternativer Staat sogar, eine alternative israelische Realität, eine Alternative gegen den Wahnsinn der Politik in dem Land. Es ist, als ob einem die Stadt ins Ohr brüllen würde: Vergiss den Nahostkonflikt, die Okkupation, die orthodoxen Arschlöcher und die Arschlöcher von der Hamas!

Die Tel Aviver sitzen in liebevoll eingerichteten Cafés, futtern veganes Shakshuka und hacken Codes in ihre Laptops. Das Abendlicht fällt in seidigen Bahnen in die weisse Stadt. Pärchen in allerlei Konstellationen führen ihre Hunde aus, vorbei an den Architektursünden der Strandpromenade; messianisch aussehende Jünglinge zurren ihre Longboards am Elektrofahrrad fest. Genau in diesen Stunden erschiesst die israelische Armee – das werden wir später erfahren – unbewaffnete protestierende Palästinenser am Zaun zu Gaza, wo knapp zwei Millionen Menschen von Israel und Ägypten in einem Käfig gehalten werden, in dem noch dazu eine islamistische Terrorgruppe regiert.

Wir treffen Shaul Setter, Kunstkritiker der bedeutenden Zeitung «Haaretz». «Shaul, können wir über Zionismus reden?» Shaul hat in Berkeley studiert, sein Kopf ist voller Theorien und Denkfiguren, voll Foucault und Derrida und Benjamin – jener Philosophen eben, die jeder gelesen haben muss, der halbwegs klug über die Welt reden will. Auch über Zionismus?

700'000 Araber flüchteten in den Libanon, nachdem der Staat Israel 1948 ausgerufen wurde. Foto: Keystone

Er schaut uns an, als ob wir ihn um ein Gespräch über die Geschichte der Kirchenorgel gebeten hätten. «Nun ja», sagt er etwas gezwungen, «das ist an sich interessant» – aber für ihn sei die Idee eigentlich tot. Jeder, der in Israel lebt, sei zwangsläufig ein Zionist, er selbst hänge sich das Label trotzdem ungern um den Hals: Zionisten hätten den palästinensischen Arabern das Land gestohlen, und im Namen des Zionismus werde eine ganze Bevölkerungsgruppe in Haft gehalten. «Mein Land hält ein anderes Volk besetzt», sagt er, «darüber kann ich nicht hinwegsehen.» Die Folgen für die eigene Bevölkerung seien ebenso katastrophal, das Militär verändere die Psyche jedes Israeli, und dies nicht zum Besten. «Wer jahrelang nachts in fremde Häuser eindringt und Leute aus dem Bett reisst, wer dafür gelobt wird, wenn er an einem Checkpoint Menschen schikaniert, der ist danach nicht mehr derselbe.»

Das könne er einfach nicht ausblenden, wenn er das Wort Zionismus höre, denn genau das bedeute Zionismus. «Ich möchte eigentlich kein Zionist sein», sagt Setter. Wäre es aus seiner Sicht besser gewesen, Israel wäre gar nicht gegründet worden? «Ich bin für den Staat Israel», sagt er, «aber er hätte unter anderen Bedingungen entstehen sollen.» Es ist ein bisschen so, als ob einer zwar gern lebt, aber dennoch der Meinung ist, die eigenen Eltern hätten sich niemals paaren sollen. Konsequenterweise hat Setter auch schon – wie viele andere – darüber nachgedacht, Israel zu verlassen.

Am nächsten Morgen wandern wir durch das Judäische Bergland, entlang der Burma Road, der historischen Behelfsstrasse, über die das belagerte Jerusalem im Unabhängigkeitskrieg versorgt wurde.

Israel ist ein karges, ein heisses Land. Kein Mensch ist zu sehen, am Himmel kreisen Raubvögel. Warum streitet man sich um ein Land, das aus Gesteinsbrocken, Dornen und hässlichen Feigenkakteen besteht? Die Zionisten der ersten Stunde jedenfalls hatten keine Vorstellung von Palästina. Sie sehnten sich nach einem biblisch-pastoralen Idyll, nach dem angeblich ruhigen und friedlichen Leben ihrer Vorfahren auf diesem Stück Erde.

Linken gefiel die Vorstellung, dass Juden nun in Palästina eine sozialistische Utopie verwirklichten.

Je länger man jedoch durch diese Landschaft geht, desto reizvoller wird sie. Zerfurchte Hügelkämme und sanfte grüne Hänge wechseln sich ab: Das Licht ist geradezu verschwenderisch. Es ist kaum möglich, durch dieses Land zu gehen, ohne dass sich die Bilder der Kibbuzbewegung vor das geistige Auge schieben: Fantasiebilder von archetypischen Kommunen, in denen gut aussehende, braun gebrannte Männer und Frauen durch die Felder streifen, mit hochgekrempelten Ärmeln auf Traktoren sitzen, abends mit glühenden Augen um ein Lagerfeuer tanzen, um sich anschliessend, eng umschlungen, in ihre einfachen Unterkünfte zurückzuziehen. Es ist ein Mythos, der tief verankert ist in der kollektiven Psyche der älteren Israelis.

Ohne den Idealismus dieser Kibbuz-Sozialisten wäre der Zionismus nie gediehen, schreibt Ari Shavit in seinem Buch. Die Kibbuzbewegung war die Lebensader der israelischen Existenz. Weil genau diese Bewegung es war, die dem entstehenden Staat Israel die moralische Legitimation gab. Auch war es diese Bewegung, die dem Zionismus so viel Sympathie der europäischen Linken zutrug. Linken gefiel die Vorstellung, dass Juden nun in Palästina eine sozialistische Utopie verwirklichten. Die Idee der Rückkehr aller Juden in ihr biblisches Heimatland war ihnen dabei bestimmt weniger wichtig.

1977 gewann die rechte Likud-Partei die Wahlen, es war der Beginn des Zerfalls der Arbeiterpartei. In den Achtzigerjahren entdeckten die Israelis dann den Individualismus, die Wirtschaft wurde dereguliert, der Kapitalismus brutalisierte, vom Geist der Kibbuzniks blieb kaum mehr übrig als leere Folklore. Das war auch das Ende der Liebe linker europäischer Intellektueller zu Israel; das unartige Kind gilt seither als Täterland.

Als Täterland betrachtet auch die Theaterautorin und Schauspielerin Einat Weizman ihr Land. Sie sitzt im Café Loveat und schaut uns skeptisch an. «Die Gründung des Staates war keine gute Idee», sagt sie. Die damalige Perspektive der europäischen Juden kümmert sie nicht, «die jüdische Immigration nach Palästina lief von Anfang an schief». Das sei auch der Grund, weshalb sie keine Lust hat, über Zionismus zu reden. «Alle Probleme des Landes haben ihren Grund in der Nakba.»

Entstehung einer Nation: Ein israelisches Paar begutachtet die neue Flagge. Foto: Getty Images

Weizman spielte eine prominente Rolle im Film «Rabin, the Last Day» von Amos Gitai über Yitzhak Rabins letzten Tag. Ihre Ansichten werden, je nach politischem Standpunkt, entweder als extrem, als naiv oder als dumm angesehen. Was ihr garantiert nicht fehlt, ist Mut. Sie hat ein Theaterstück geschrieben über die Zerstörung palästinensischer Häuser durch die israelische Armee. Hauptaussage: Die «Nakba», die Katastrophe von Flucht und Vertreibung, die 700 000 Palästinensern während des ersten arabisch-israelischen Krieges 1948 die Heimat kostete, ist ein Prozess, der nie aufgehört hat. Sie spricht auch von «Nakbe», der fortlaufenden Vertreibung.

Ihr jüngstes Stück, «Gefangene der Okkupation», wurde im vergangenen Jahr aus dem Programm des «Fringe Theater Festival Akko» gestrichen – nach einer Intervention der rechtsnationalen Kultur- und Sportministerin Miri Regev. In dem Stück werden Briefe von Palästinensern in israelischen Gefängnissen vorgelesen. Regev sagte öffentlich: «Weizman unterstützt Terroristen.» Die Angegriffene antwortete: «Viele der Inhaftierten organisierten bloss gewaltfreie Proteste, an den Händen israelischer Soldaten klebt mehr Blut.»

Seit der Attacke der Kulturministerin bekommt sie täglich Hassmails. Ihre Unterstützung von Balad, einer linken arabischen Nationalistenpartei, vergrössert ihren Freundeskreis in Israel kaum. Kein Theater traut sich noch, ihre Stücke zu spielen. Warum verlässt sie nicht das Land?

Sie hat ein Kind, aber der Vater des Kindes möchte in Israel bleiben. Was also tun? «Den Kampf gegen diesen militaristischen Staat weiterführen.»

Am dritten Pessachtag fahren wir der Küstenstrasse entlang in Richtung Haifa. Ausserhalb von Tel Aviv ist alles reizlos, alles konsumorientiert. Einkaufszentren und Tankstellen – die hässlichsten Gebäude der Welt scheinen hier in einer Reihe an der Küste zu stehen. An beinahe jedem Auto flattert eine israelische Fahne, aus Kleinbussen glotzen Kinderscharen, Zionismus ist hier dumpfer Nationalismus. Ein Typ mit einer vorn in den Hosenbund geschobenen Pistole führt am Strassenrand seine Familie spazieren – man kann es leider nicht anders sagen.

Wo ist die israelische Normalität geblieben?

Es sind diese Art von Leuten, welche die Politik in Israel heute bestimmen. Bereits am Flughafen sprach uns einer an. Erst zeigte er ein Foto eines gigantischen Sofas in seinem Siedlerfertighaus irgendwo in Galiläa. Dann sagte er uns, was er von Arabern hält.

Die neomarxistische Einat Weizman und diese jüdischen Fanatiker und Rassisten: Wo ist die israelische Normalität geblieben, vertreten durch die Menschen, die weder besonders konservativ noch besonders liberal noch besonders religiös sind?

Das Grundproblem hat Ari Shavit in einem Satz elegant formuliert: «Jene, die politisch links sind, befassen sich mit der Besatzung, ignorieren aber die Bedrohung. Die vom rechten Lager hingegen ignorieren die Besetzung, betonen jedoch die Bedrohung.»

Es ist Zeit, dass Anita Shapira uns ihre Türe öffnet. Die Historikerin wohnt in einem Hochhaus im Norden Tel Avivs. Der Blick aus dem Panoramafenster ihrer Wohnung im 32. Stockwerk geht über Tel Aviv hinweg hinaus aufs Meer.

Frau Professorin Shapira, hat der 14. Mai 2018, der siebzigste Geburtstag Israels, eine besondere Bedeutung für Sie?
Natürlich. Er erinnert mich daran, dass die Gründung dieses Staates ein Wunder war. Selbst als Historikerin bin ich immer noch überrascht, wie relativ kurz der Prozess war, der zur Staatsgründung führte. Das ist für mich kein Einmal-im-Leben-Ereignis, sondern ein Einmal-in-der Geschichte-Ereignis.

Würde Israel ohne Theodor Herzl und seine Idee einer jüdischen Nationalbewegung existieren?
Herzl war die entscheidende Persönlichkeit. Aber man muss wissen, dass es den Willen von Juden, sich auf diesem Landstrich eine Existenz zu ermöglichen, schon vorher gab. In der Mitte des 19. Jahrhunderts lebten weniger als 50 000 Juden in Palästina. Die meisten waren mausarm. Ein paar Jahrzehnte später immigrierten russische Juden nach Palästina, das noch unter ottomanischer Herrschaft war. Nach der Ermordung von Zar Alexander II. begannen in Russland antijüdische Ausschreitungen, sie richteten sich gegen russische Juden, die nicht unbedingt Hebräisch oder Jiddisch sprachen, nicht mal religiös waren. Viele junge Frauen und Männer flüchteten nach Palästina und begannen dort ein neues Leben in der Landwirtschaft. Ich spreche von den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts; Herzl schrieb erst 1896 sein Buch «Der Judenstaat».

Sie leitete lange das Weizmann-Institut in Tel Aviv: Historikerin Anita Shapira.

Es gab also bereits eine zionistische Bewegung, bevor Herzl mit dem Begriff kam?
Es gab einen Nukleus in Palästina, so würde ich das sagen. Das Wort Zionismus stammt übrigens nicht von Herzl, sondern von einem anderen Wiener Juden, von Nathan Birnbaum, er hat das Wort erfunden. Davor sprach man von Nationalismus.

Was ist der Unterschied zwischen jüdischem Nationalismus und Zionismus? Manche sagen, Letzterer sei bloss eine harmloser klingende Version des ersten Begriffs.
Es gibt verschiedene Versionen von jüdischem Nationalismus. Die einen wollten einen Staat, aber der brauchte nicht notwendigerweise in Palästina zu sein. Dann gab es die «Bundisten». Andere waren jüdische Territorialisten, die Land wollten, aber nicht unbedingt in Palästina. Deshalb musste der Begriff Zionismus her, um einen Bezug zu schaffen zum Zionsberg in Jerusalem, der für viele Juden ein Symbol ist für das Land ihrer Urahnen.

Was ist ein Zionist?
Das ist jemand, der der Überzeugung ist, dass das Volk der Juden, wie jedes andere Volk der Welt, einen Ort braucht, an dem es sicher leben kann.

Sind Sie eine Zionistin?
Ja, das bin ich. Auch wenn man sich fragen muss, was das jetzt, da Israel existiert, noch bedeutet. Ich liebe mein Land, ich wünsche Israel nur das Beste, auch wenn ich sehr kritisch bin gegenüber der gegenwärtigen Politik.

«Herzl hat nicht von allen Juden gesprochen, er sprach nur von den verfolgten Juden.»

Muss man als Zionistin nicht mit dem Fakt leben können, dass die Gründung des Staates Israel eine Notwendigkeit war, aber mit grossem Unrecht verbunden ist: Man hat den Palästinensern Land weggenommen.
Ja, das ist so. Damit muss man leben. Viele Staatsgründungen sind mit grossem Unrecht verbunden.

Ist Herzls Traum eigentlich wahr geworden, obwohl heute nicht alle, sondern nur rund die Hälfte der 14 Millionen Juden weltweit in Israel leben?
Herzl hat nicht von allen Juden gesprochen, er sprach nur von den verfolgten Juden. Er dachte nie, dass die emanzipierten Juden Europas jemals Antisemitismus erleben würden. Für ihn war Zionismus ein Rettungsring, den aber, so glaubte er, niemals alle Juden brauchen würden. David Ben-Gurion war es dann, der von Israel als der künftigen Heimat aller Juden sprach. Diese Rhetorik hatte allerdings rein demografische Gründe: Er brauchte einfach mehr Juden in Israel.

Eine verbreitete Meinung, gerade in Europa: Gäbe es Israel nicht, dann gäbe es all die Probleme in der Region nicht. Oder aber: Ich habe nichts gegen Juden, aber sie sollten nicht auf einem Land leben, das ihnen nicht gehört. Diese Leute nennen sich Antizionisten.
Die Gründung des Staates Israel war eine Notwendigkeit: Sie gab Juden – nach zwei Jahrtausenden Exil, in denen sie geächtet, verfolgt und ermordet wurden – zum ersten Mal das Gefühl, Herren zu sein über ihr Schicksal, sicher zu sein. Ich glaube, für viele ist es immer noch nicht nachvollziehbar, wie sie sich fühlten, staatenlos, stets angewiesen auf die Gnade und den guten Willen anderer. Stets unter dem Zwang, besonders freundlich sein zu müssen, weil man nur geduldet ist. Das war das vorherrschende Gefühl der Juden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach Palästina konnten sie nicht mehr, weil die britische Mandatsmacht ihre Zuwanderung stark beschränkte. Deutschland, Polen, Frankreich, überall wütete der Antisemitismus. Gleichzeitig war offensichtlich: Kein Land wollte die Juden.

Der Saal, in dem Ben-Gurion die Unabhängigkeit Israels erklärte, sieht noch immer gleich aus: Soldaten studieren den UNO-Teilungsplan von 1948. Foto: Keystone

Aber es gab ja noch die USA als Zufluchtsort.
Eben nicht. 1924 unterschrieb US-Präsident Calvin Coolidge den sogenannten Immigration Act, der die Zuwanderung in die USA extrem beschränkte.

Wieso das?
Die Stimmung der Zeit war eindeutig antisemitisch. Die USA wollten ein angelsächsisches, weisses und protestantisches Land bleiben. Man wollte nicht mehr Juden und auch keine Katholiken, daher liess man auch keine Italiener mehr ins Land. Die Juden in Europa sassen in einer Falle – es war klar, dass sie einen Zufluchtsort brauchten. Ich kann nicht verstehen, wieso es so schwer ist, ihre Seelenlage nachzuempfinden!

Kann es sein, dass viele, die sich als Antizionisten bezeichnen, in WahrheitAntisemiten sind – auch wenn sie das vielleicht nicht so sehen wollen?
Das glaube ich in der Tat.

Beim sechsten Zionistenkongress 1903 in Basel wurde ernsthaft über Uganda als Heimstätte für die Juden diskutiert.
Es gab eine sogenannte Territorialbewegung innerhalb des Zionismus, schon vor der Balfour-Deklaration von 1917, die ja eine offizielle Deklaration der britischen Regierung war: dass die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina unterstützt werden würde. Der Uganda-Plan wurde dann aber fallen gelassen, weil klar wurde, dass die britischen Siedler in dem ostafrikanischen Land die Juden nicht dulden würden.

«Palästina bedeutete Selbstbestimmung und Selbstverteidigung.»

Lassen Sie uns nochmals über die Anfänge der Besiedlung Palästinas durch Juden sprechen. Ari Shavit beschreibt in seinem Buch «Mein gelobtes Land», wie eine erste Delegation britischer Juden 1897 unter Leitung von Lord Bentwich Palästina erkundete. Sie sahen nur die Schönheit des kaum besiedelten Landes, das damals 100 000 Quadrat-kilometer gross war und das heutige Königreich Jordanien umfasste, und ignorierten die halbe Million Araber, Drusen und Beduinen, die dort in Dörfern lebten.
Zur Zeit des britischen Mandats, zwanzig Jahre später, nach dem Ersten Weltkrieg, lebten 700 000 arabische Palästinenser in dem Landstrich, nur 10 Prozent der Bevölkerung war jüdisch. Anfangs war die jüdische Immigration eine langsame Sache. Vor der Balfour-Deklaration und dem Ersten Weltkrieg gab es weltweit 18 Millionen Juden, davon etwa 10 Millionen in Russland und Polen. Die damals in Palästina lebenden Juden stellten sich vor, man sei in der Mehrheit, wenn die jüdische Bevölkerung auf eine Million anwüchse. Es war allerdings reichlich naiv zu glauben, dass die arabische Bevölkerung auf mirakulöse Weise nicht mitwachsen würde.

Aber bleibt nicht dennoch richtig: Man hat die Palästinenser nicht wahrgenommen, weil man so fixiert war auf die Idee eines eigenen Staates?
Es ist immer schwierig, im Nachhinein Urteile zu fällen über die Wahrnehmung vorhergehender Generationen. Was ich sagen kann: Man war überzeugt, dass Juden in Europa und Russland keine Zukunft mehr haben, dass das Gehasstwerden niemals aufhören würde. Jüdische Gemeinden wurden angegriffen, Polizei und Staat taten kaum etwas dagegen. Damals machte ein Gedicht von Chaim Bialik die Runde: «In der Stadt des Tötens» handelt von einem Pogrom gegen Juden in der russischen Stadt Kishinev. Der Dichter stellt darin die Frage, weshalb die Juden sich denn nicht wehrten. Das rüttelte viele Juden auf. Man wollte deshalb den «neuen Juden» in einem neuen Staat erfinden: den Juden mit der Spitzharke über der Schulter und einem Gewehr in der Hand. In Palästina sollte der «alte Jude» nicht mehr präsent sein. Palästina bedeutete Selbstbestimmung und Selbstverteidigung, auch das ist eine Auslegung von Zionismus.

Wenn das immer noch stimmt: Braucht es dann noch Israel als Zufluchtsort für verfolgte Juden in aller Welt?
Ich denke, ja. Aber ich weiss, dass es seit jeher verschiedene Beweggründe gab, weshalb man nach Israel ziehen wollte. Mancher kam aus absoluter Notwendigkeit, weil er verfolgt wurde oder weil er an den Zionismus glaubte. Man kann und soll als Jude Israel kritisieren, aber ich glaube nicht, dass es Juden gibt, die nicht froh sind über Israel als guten Ort zum Leben.

Etwas wundert uns sehr: Wir haben hier in Tel Aviv mit jungen Israelis gesprochen. Viele halten gar nichts vom Zionismus. Die Generation der Kibbuzniks, der sozialistischen Garde, die im Krieg von 1967 kämpfte und später Peace Now gründete, die den Frieden mit den Palästinensern wollte, verachten sie. Oder sie sagen, die Generation habe versagt.
Was meinten sie denn mit «versagt»?

«Tel Aviv ist grundverschieden vom Rest des Landes: Das Leben ist frei, der Wohlstand relativ hoch.»

Dass die Gründergeneration die hohen Ideale der Staatsgründung nicht einlöste, keinen Frieden mit den Palästinensern schloss und die Grundlage geschaffen hat für die nunmehr fast zwanzig Jahre rechter Regierung.
Ja, die gemässigte Linke ist heute eine Minderheit, dazu noch eine, die an ihrem eigenen Perfektionismus krankt. Aber was kann man tun? Die Mehrheit der Bevölkerung ist entweder ultraorthodox, beteiligt sich also gar nicht an Wahlen, oder sie ist aus Ländern eingewandert, in denen es keine Tradition gibt, die Regierung in die Schranken zu weisen: Länder ohne demokratische Institutionen wie die ehemalige Sowjetunion oder viele Länder Afrikas. Die jetzige Regierung Israels bläut den Wählern gern ein, dass die Linke das Land verraten habe. Viele glauben das, weil sie nicht gewohnt sind, die Regierung infrage zu stellen.

Die Frustration der jungen Tel Aviver scheint uns tiefer zu gehen: als betrachteten sie die Okkupation als grosses Unrecht an den Palästinensern, zugleich als das zentrale Ereignis ihres eigenen Lebens. Deshalb fällt es ihnen schwer, sich mit ihrem Land zu identifizieren. Auch kritisieren sie, Israel sei wie die USA geworden, hyperkapitalistisch.
Diese neomarxistischen Intellektuellen sind eine kleine, gut ausgebildete Minderheit, zudem eine im Staat Tel Aviv. Tel Aviv aber ist grundverschieden vom Rest des Landes: Das Leben ist frei, der Wohlstand relativ hoch. Es ist eine Partystadt für junge Leute. Was diese Leute nicht verstehen, ist, wie abgekoppelt sie vom Rest des Landes leben. Die merken nicht mal, wie gross der Widerspruch ist zwischen ihren ideologischen Überzeugungen und ihrem Lebensstil. Aber ist das nicht das Problem der Wohlstandslinken weltweit?

Und doch hören wir immer wieder, dass die Gründung des Staates Israel ein grundlegender Fehler war: der Zionismus eine Irrlehre.
So was kann nur einer sagen, der absolut kein Geschichtsverständnis hat und in Wohlstand und Freiheit lebt. Aber auch wenn diese Leute Unsinn erzählen, bin ich froh, dass sie in einer Demokratie leben, wo diese Kritik möglich ist. Das ist doch schon mal eine grosse Leistung der Zionisten.

Die bekannte Regisseurin und Schauspielerin Einat Weizman ist der Meinung, viele Araber hassten die Juden bloss wegen Israel.
Das ist aus meiner Sicht eine komplett absurde und gefährliche Meinung. Ich war neulich in Polen, dort leben nur noch 12 000 Juden – weniger als in der Schweiz. In Polen grassiert der Antisemitismus. Es gibt ihn also auch, wenn nur wenige Juden im Land leben.

«Die Siedler in den besetzten Gebieten haben die Unterstützung des Staates und den Schutz der Armee.»

Vergessen in Israel lebende Juden vielleicht, wie alltäglich der Antisemitismus an vielen Orten der Welt noch ist?
Wenn man in Israel lebt, kann man das tatsächlich vergessen. Was ja eigentlich schön ist. Dennoch sollte man sich dessen bewusst sein.

Sehen Sie keinen Widerspruch darin, Zionistin zu sein, trotz der Okkupation, trotz der Erschiessung demonstrierender Palästinenser, der Käfighaltung von zwei Millionen Menschen in Gaza?
Es gibt zwischen diesen Dingen keinen Zusammenhang. Zionismus bedeutet im Kern, dass die Juden ein Land brauchen, das ihnen bei Verfolgung Zuflucht gewährt. All diese Probleme sehe ich auch, und ich will sie auch nicht kleinreden. Aber sie sind die Folgen einer falschen Politik. Das hat doch nichts mit der Frage zu tun, ob verfolgte Juden einen eigenen Staat brauchen.

Viele Siedler in den besetzten Gebieten sehen sich als Nachfolger der ersten Zionisten in Palästina um die Jahrhundertwende. Sie sagen, sie würden das zionistische Projekt lediglich weiterführen.
Das ist, was ich als die Erfindung eines falschen nationalen Narrativs bezeichne, Unsinn. Die Siedler in den besetzten Gebieten haben die Unterstützung des Staates und den Schutz der Armee. Interessant ist übrigens Folgendes: Vor 1967, also vor der Eroberung Jerusalems und der Westbank, waren die religiösen Zionisten gemässigte Leute. Sie kooperierten mit Labour. Aber als nach dem Krieg die biblischen Orte in der Westbank und Jerusalem unter israelische Herrschaft kamen, drehten sie durch. Da brach ihr messianischer Furor aus. Ein religiöser Zionist in der Regierung von 1967 sagte damals sehr weise: Lasst uns Jerusalem nicht betreten, weil wir es danach nie mehr verlassen können. Er verstand sehr genau, wie religiöser Fanatismus entsteht. Das ist die Tragödie unseres Landes.

Sie meinen, die Siedler in den besetzten Gebieten sind für diese Tragödie verantwortlich?
Heute leben etwa eine halbe Million Juden in den Siedlungen. Nicht wenige von ihnen wurden nicht mal in der israelischen Gesellschaft sozialisiert. Die fanatischsten kommen aus den USA, die schicken uns nur die Verrückten. Ich sitze oft mit rechten Siedlern auf Podien und frage sie dann immer: Was wollen Sie mit den Arabern machen? Wie soll ein Land mit einer so grossen Minderheit umgehen, die nicht zu diesem Land gehören möchte? Sie geben mir nie eine Antwort, weil sie keine haben.

Wie beunruhigend!
Natürlich ist es das.

«Ich fordere meine gebildeten, nicht religiösen Freunde auf, nach Israel zu kommen und das Land neu zu gestalten.»

War die zionistische Bewegung in ihren Anfängen in irgendeiner Form rassistisch gegenüber Arabern? Wurde die arabische Bevölkerung Palästinas als minderwertig betrachtet?
Nein, so kann man das nicht sagen. Trotzdem muss man klar sehen: Wie alle Europäer betrachteten auch die Zionisten Nichteuropäer zwar nicht unbedingt als minderwertig, auf jeden Fall aber als rückständig. Man war überzeugt, dass ihnen geholfen werden, dass man sie «zivilisieren» muss. Die jüdischen Einwanderer wollten die arabische Bevölkerung medizinisch versorgen und ihnen Bildung bringen. Man glaubte tatsächlich, dass man künftig Seite an Seite mit den Palästinensern in einem prosperierenden Staat leben würde.

Zionismus sei Kolonialismus, das ist ein häufiger Vorwurf.
Auch das ist Unsinn. Die zionistische Bewegung ist eine nationale Bewegung. Der Kolonialismus hatte das Ziel, andere Länder zugunsten eines Mutterlandes auszubeuten. Im Falle Israels gibt es ja gar kein Mutterland.

Erfüllt Sie Israels siebzigster Geburtstag mit Stolz?
Sie müssen wissen, ich kam im August 1947 mit meiner Familie aus Polen über Frankreich nach Israel. Als kleines Mädchen. Am 29. November desselben Jahres stimmte die UNO dem Teilungsplan zu. Meine Mutter weckte mich um Mitternacht, um mir zu sagen, dass der Weg offen sei für einen jüdischen Staat. Die Leute tanzten und sangen auf der Strasse. Dieser Tag war für mich bewegender als der 14. Mai 1948, als Ben-Gurion die Unabhängigkeitserklärung verlas. Denn wir befanden uns an diesem Tag schon mitten im Bürgerkrieg, der praktisch mit der Zustimmung der UNO zur Teilung begonnen hatte. Wir lebten in Tel Aviv in der Nähe eines Spitals, täglich sah ich Trauernde vom Spital zum Friedhof gehen. Dieses Bild verknüpfte sich für mich mit dem Begriff der Unabhängigkeit. Schon am nächsten Tag, am 15. Mai 1948 griffen die vier verbündeten Armeen von Syrien, Irak, Libanon und Ägypten Israel an.

Wie wird die Geschichte Israels nun weitergehen?
Ich habe wirklich keine Ahnung. Alles, was ich machen kann, ist, meine gebildeten, nicht religiösen Freunde in aller Welt aufzufordern, nach Israel zu kommen und das Land neu zu gestalten.

(Das Magazin)

Erstellt: 05.05.2018, 07:08 Uhr

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