Analyse

Israel macht Hamas salonfähig

Die arabischen Politiker geben sich in Gaza-Stadt die Klinke in die Hand. Die israelische Luftoffensive hat die Palästinenser militärisch geschwächt, politisch aber gestärkt.

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Der arabische Frühling ist in Palästina angekommen. Nicht, wie erwartet, mit einem Volksaufstand gegen die korrupte PLO-Vetternwirtschaft unter dem machtlosen Präsidenten Mahmoud Abbas, dem besten Freund der Israelis und des Westens. Auch nicht mit Schmährufen gegen die Hamas, die den Menschen im Gazastreifen nichts gebracht hat ausser Krieg, Tod und Zerstörung. Nein, der arabische Frühling kam in einer schwarzen Limousine in den Gazastreifen vorgefahren: Ägyptens Premier stieg aus, liess sich ein blutendes Kind in die Arme legen, versicherte die Menschen unter Tränen seiner Solidarität. «Was in Gaza geschieht, ist ein Angriff auf die Menschlichkeit», sekundierte aus Kairo Präsident Mohammed Mursi.

1,7 Millionen im Gefängnis

Kaum war der Ägypter abgereist, kam der tunesische Aussenminister. Und Anfang der Woche wird der Chef der Arabischen Liga Gaza die Ehre geben. Glanzvoller könnte die Anerkennung der Hamas als Vertreter der Palästinenser in der neuen arabischen Welt nicht sein: Mit seiner Luftoffensive hat Israel die Hamas militärisch geschwächt, politisch aber salonfähig gemacht.

Seit einer Woche bombardieren die Israelis den Küstenstreifen, der ein 350-Quadratkilometer-Gefängnis für 1,7 Millionen Palästinenser ist. Die Regierung von Premier Benjamin Netanyahu nennt den bekannten Grund: Die seit Monaten anhaltenden Raketenangriffe aus Gaza «sind für keinen Staat hinnehmbar», Geschosse fliegen bis Tel Aviv und Jerusalem, Israelis sterben.

Ebenso starben in den vergangenen Monaten, während die palästinensischen Raketen detonierten, bei israelischen Luftangriffen auf Gaza Zivilisten und Kinder. Seit 60 Jahren kann weder das Leid der einen noch das Unglück der anderen die kranke Logik des Palästina-Konflikts durchbrechen. Terror oder Krieg – aus Sicht der Opfer läuft beides auf dasselbe hinaus – sind im unheiligen Land angeblich die einzigen Mittel, politische Ziele zu erreichen.

Palästinafrage neu gestellt

Das Auftreten der Kontrahenten ist pathologisch, Palästinenser und Israelis haben die Gewalt verinnerlicht. Die Radikalen unter den Arabern wollen Gesamtpalästina zurückerobern und bestreiten das Existenzrecht des Judenstaats. Die Israelis antworten, man müsse die Feuerkraft des Gegners alle paar Jahre dezimieren, sie sehen sich belagert. Dieser Irrsinn hätte noch 50 Jahre weitergehen können. Der arabische Aufstand aber hat die Ausgangslage dramatisch verändert: Nach der Arabellion muss die Palästinafrage neu gestellt werden.

Säkulare arabische Führer wie Gamal Abdel Nasser oder Hafez al-Assad hatten erfolglos versucht, das Problem «allarabisch» zu lösen. Ihre Chimäre arabischer Einheit endete mit den Kriegen von 1967 und 1973. Seitdem standen die Palästinenser alleine da, arabische Solidarität blieb Lippenbekenntnis, korrupte Regime tolerierten auf Druck des Westens Israels Politik der Härte. Jetzt, wo Islamisten die Nachfolge der Diktatoren antreten – und der arabische Aufstand ist noch lange nicht beendet –, können die Religiösen sich Palästina verschreiben. Das fällt ihnen leicht: In der Hamas finden sie eine der Ihren.

Nagelprobe

Ägypten ist das Beispiel. Kairo hat einen Friedensvertrag mit dem Judenstaat, er wurde vom Volk nie akzeptiert. Präsident und Muslimbruder Mursi mag seine internationalen Verpflichtungen kennen. Er will aber auch seine Wähler zufriedenstellen. Palästinafrage und Camp-David-Vertrag könnten zur Nagelprobe werden, trotz der weit drängenderen sozialen Probleme am Nil. Es wird mit jedem Land so sein, dessen Regime unter der Arabellion fällt.

Es gilt sogar für die Staaten, denen die Revolte bisher erspart blieb: Der Emir von Katar steht mit dem Checkbuch bereit, um Gaza aufzubauen. Die Saudis lassen sich nicht lumpen, die Türken geben sich als Freunde der Hamas. Auch international verschieben sich die Konstanten. Die Vereinigten Staaten oder die Europäer suchen Wege, mit der neuen arabischen Welt Gemeinsamkeit zu finden: Bedingungslose Solidarität mit dem Judenstaat ist nicht mehr garantiert.

Wieder die alte Front

Ja, Israel kann es noch einmal versuchen, eine Position der Stärke einzunehmen. Es kann die Menschen in noch grössere Radikalität bomben und mit seinem Siedlungsbau Verhandlungslösungen boykottieren: Das Palästinaproblem wird vom erwachenden arabischen Selbstbewusstsein umso mehr ideologisch aufgeladen. Nicht panarabisch, sondern islamisch, und Israel wird noch mehr der nützliche Feind.

Noch erwächst daraus keine schlagkräftige Front. Es ist aber nur eine Frage der Zeit. Dann steht Israel wieder jenem Block gegenüber, der es seit der Staatsgründung begleitet und der mit dem Camp-David-Vertrag zerbrach. Dieser Kreislauf könnte von vorne beginnen, wenn die Beteiligten ihre historische Stunde verpassen. Die Lösungen sind bekannt: Sicherheit für Israel, Menschenwürde und Staat für die Palästinenser, Druck auf die Kontrahenten von aussen. Die alten Ausreden jedenfalls tragen nicht mehr weit.

Erstellt: 19.11.2012, 07:26 Uhr

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