Israel und Hamas verbünden sich heimlich

Nichts treibt stärker zusammen als ein gemeinsamer Feind: Das zeigt die ungewöhnliche Allianz gegen Jihadisten im Nahen Osten.

Auf Patrouille: Bewaffnete Kämpfer der Hamas überwachen die Grenze zu Israel.

Auf Patrouille: Bewaffnete Kämpfer der Hamas überwachen die Grenze zu Israel. Bild: AP/Khalil Hamra

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Seit gut 30 Jahren sind Israel und die Hamas erbitterte Erzfeinde. Doch nun bilden sie – stillschweigend – eine Achse. Ihr gemeinsamer Gegner sind Jihadisten mit Sympathien für die Terrormiliz Islamischer Staat. Die Extremisten bedrohen die gespannte Ruhe, die nach der Feuerpause im vergangenen August eingekehrt ist.

Zuletzt hatten Jihadisten von einem schwer bewachten Grenzgebiet im Gazastreifen aus Raketen auf Israel abgeschossen. Ihr Ziel sei, die Autorität der Hamas zu untergraben und ein militärisches Vorgehen Israels gegen sie zu provozieren, sagt Mkhaimar Abusada, Politologe an der Al-Aschar-Universität in Gaza-Stadt. «Jede Konfrontation würde den Sicherheitsdruck lockern, den die Hamas auf die Salafisten ausübt», fügt er hinzu.

Die kleine, aber stetig wachsende Zahl von Jihadisten träumt zudem davon, den Gazastreifen in den IS-Herrschaftsbereich in Syrien und im Irak einzugliedern. Sie halten die Einstellung der Hamas-Regierung gegenüber Israel für zu weich.

Um sich den IS-Sympathisanten zu erwehren, sind Israel und die Hamas nun notgedrungen ein inoffizielles Bündnis eingegangen. Nirgendwo ist dies augenscheinlicher als in der Stadt Chan Junis im Süden des Gazastreifens. Dort betreut die Hamas Einsatzkräfte, die entlang des östlichen Grenzzauns zu Israel eine Strasse bauen. Die Patrouillen der Gruppe haben für etwas Ruhe in einer Region gesorgt, die früher als Raketenrampe genutzt wurde.

Mahmud Sahar, ein Hamas-Führer, sagt, durch die Massnahmen sei es sicherer geworfen. Denn durch die Strassenpatrouillen würden Palästinenser daran gehindert, in israelisches Gebiet einzudringen. Zudem würden «Grundstücke israelischer Bürger» geschützt. Die Strasse werde örtlichen Farmern überdies Zugang zu Land verschaffen, das nach dem Gaza-Krieg nicht so einfach zugänglich sei, erklärt Sahar weiter.

Keine Eskalation

Die Baustelle befindet sich bis zu 150 Meter von der Grenze entfernt in einer Gegend, die Israel in der Vergangenheit noch zum Sperrgebiet erklärt hatte. Inzwischen spielen sich dort Szenen ab, die noch vor einem Jahr niemand für möglich gehalten hätte: Anfang Juni drangen vier israelische Militärbulldozer in eine Pufferzone ein, um entlang des Grenzzauns Unterholz zu entfernen. Hamas-Kämpfer in Uniform näherten sich, schritten allerdings nicht ein.

In der Pufferzone: Ein Jugendlicher beobachtet israelische Militärbulldozer. (Foto: AP/Khalil Hamra)

«Ganz sicher gibt es eine stillschweigende, indirekte Übereinkunft zwischen den Seiten, sich nicht gegenseitig anzugreifen», bestätigt Ibrahim al-Madhun, ein im Gazastreifen ansässiger Experte mit engen Verbindungen zur Hamas. «Die Strasse ist eine Botschaft, dass es bei der Hamas im Gazastreifen eine flexible politische Gesinnung gibt, die auf regionale oder internationale Veränderungen vernünftig reagiert.»

Hamas jagt IS-Sympathisanten

Zusätzlich zu den Grenzpatrouillen macht die Hamas gezielt Jagd auf IS-Sympathisanten. Dutzende salafistische Aktivisten wurden in den vergangenen Monaten festgenommen. In Brennpunkten wurden eigens Kontrollposten errichtet, um Verdächtigen auf die Spur zu kommen.

Wie steht Israel zur ungewohnten Schützenhilfe aus dem Gazastreifen? Zwar hat Ministerpräsident Benjamin Netanyahu klargemacht, dass er die Hamas für jede Attacke aus dem Gebiet verantwortlich macht und mit einer kraftstrotzenden Reaktion gedroht. Doch bisher beschränkten sich Israels Vergeltungsschläge für den jüngsten Raketenbeschuss auf verlassene Übungsgelände. Auf keiner Seite gab es deswegen bislang Opfer. Israelische Armeevertreter liessen durchblicken, dass sie sich der Bemühungen der Hamas bewusst seien.

Auch von Eigennutz getrieben

Die Gruppe sende eine versöhnliche Botschaft an Israel, findet Alon Ben-David, ein führender Militärkorrespondent beim israelischen TV-Sender Channel 10. «Was sie mit diesen Patrouillen kundtun, ist: ‹Wir verhindern Spannungen mit euch (Israel)›», sagt er.

Ganz uneigennützig sei das Engagement der Hamas aber auch nicht. Bei ihren Patrouillen sammle sie auch Geheimdienstinformationen über Stellungen des israelischen Militärs und dessen Soldaten. «All dies könnte sich also binnen einer Sekunde wieder umkehren und in ein militärisches Offensivmanöver münden», fügt Ben-David hinzu. «Doch fürs erste verfolgen sie das Gegenteil.»

Erstellt: 22.06.2015, 21:15 Uhr

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