Israelis und Palästinenser stellen sich auf Eskalation ein

Nach einem heftigen Bombardement aus Gaza bereitet Israel eine Bodenoffensive vor und tötet wieder gezielt einzelne Hamas-Führer. Beide Seiten richten sich auf einen langen Schlagabtausch ein.

Alle paar Minuten Raketenalarm: Israelische Soldaten auf Panzern an der Grenze zum Gazastreifen. Foto: Ariel Schalit (Keystone)

Alle paar Minuten Raketenalarm: Israelische Soldaten auf Panzern an der Grenze zum Gazastreifen. Foto: Ariel Schalit (Keystone)

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Für Meir Damri ist es fast Routine. Montag früh packte der Rentner seine Kinder und Enkel ins Auto und floh Hals über Kopf aus seiner Heimatstadt Beer Sheva. «Vor wenigen Jahren schlug eine Rakete direkt neben unserem Haus ein und richtete grosse Schäden an», erzählt Damri. «Seither sind wir alle traumatisiert. Wenn die Luftschutzsirenen aufheulen, hauen wir ab.» Die kommenden Tage will Damri mit seiner Familie am See Genezareth verbringen, denn in Israels Süden gibt es inzwischen alle paar Minuten Raketenalarm. Bis kurz vor der Metropole Tel Aviv gilt jetzt der Ausnahmezustand: Bürger werden aufgefordert, sich in der Nähe von Bunkern aufzuhalten und grosse Veranstaltungen zu meiden. Thea­ter, Kinos und Universitäten schliessen, Menschen fliehen.

Rund um Gaza sprechen nach zwei Jahren relativer Ruhe wieder die Waffen. «Die Armee hat den Befehl erhalten, Ruhe für Israels Süden zu schaffen und das Raketenarsenal der Hamas zu dezimieren», erklärte Armeesprecher Peter Lerner. Laut israelischen Schätzungen verfügt die Hamas über mehr als 10 000 Ra­keten, die auch Tel Aviv erreichen können. Man lasse die Operation «Fester Felsen» langsam eskalieren, um den Druck auf die Hamas zu erhöhen, bis sie den Beschuss israelischer Ortschaften einstelle. «Wir haben sie in den vergangenen Tagen vor die Wahl gestellt: Entweder geben die Ruhe und kriegen Ruhe, oder wir schlagen zurück. Leider hat sie sich falsch entschieden.»

Mindestens elf Tote

Allein bis Dienstagnachmittag griff Is­raels Luftwaffe gemäss eigenen Angaben mehr als 100 Ziele im Landstrich an. «Seit zwei Wochen schläft hier niemand. Dauernd hört man Explosionen», sagte der palästinensische Menschenrechtler Raj Sourani in einem Gespräch aus Gaza: «Aber es war noch nie so schlimm wie jetzt. Das hier ist einer der am dichtesten besiedelten Orte der Welt. Alle haben Angst, von einer israelischen Bombe getroffen zu werden», so Sourani. Für ihn war es wenig Trost, dass Israels Angriffe bislang genau waren. Sie richteten sich hauptsächlich gegen leere militärische Einrichtungen der Hamas, deren Zerstörung als Warnung gedacht war. Doch als es weiterhin Raketen auf israelische Städte hagelte, ging die Armee zur gezielten Tötung von Hamas-Aktivisten über. Als Ersten traf es Muhammad Saaban, einen Befehlshaber in der Elite­einheit des Hamas-Marinekommandos. Eine Rakete traf sein Auto, als er an einem Rotlicht hielt. Insgesamt kamen gestern Dienstag mindestens 11 Menschen in Gaza ums Leben, mehr als 40 wurden verletzt.

Die Zeichen stehen auf Sturm. Denn auf beiden Seiten unterstützt die Bevölkerung vorerst eine Eskalation. «Wir haben Angst, aber wir haben nichts zu verlieren», sagt Sourani. «Hier sind alle arbeitslos, arm, es gibt nur sechs Stunden am Tag Strom. Es gibt keine Verhandlungen, wir sind hier eingesperrt. Es ist unser Recht, gegen Israel Widerstand zu leisten.»

Auf der anderen Seite forderten Israelis, den Beschuss der Hamas mit allen Mitteln zu stoppen. «So ist das kein Leben. Das muss endlich ein Ende haben», sagt der Rentner Damri.

Jerusalem kündigte die Mobilisierung von bis zu 40 000 Reservisten an, in Vorbereitung einer möglichen Bodenoffensive. «Wir machen so lange weiter, bis die Hamas versteht, dass der Beschuss Israels nicht in ihrem Interesse ist», sagte ein Sprecher von Regierungschef Benjamin Netanyahu. Dieser drohte: «Wir werden die Hamas fortan ohne Samthandschuhe anpacken.» Beide Seiten bereiten sich auf einen Krieg vor. Zum Zischen der Raketenmotoren in Gaza gesellt sich der dumpfe Donner israelischer Bombardemente.

Abu Ahmad, der Sprecher des «Islamischen Jihad», der die Verantwortung für einen grossen Teil der palästinensischen Angriffe übernommen hat, war nicht beeindruckt. Er drohte, der Dauerbeschuss sei «nur der Anfang. Wenn die Zio­nisten weitermachen, werden immer mehr Städte vom Krieg erfasst werden.» Israel nahm die Drohungen ernst: Auch Armeequellen rechneten damit, dass es «erst einmal viel schlimmer werden wird, bevor sich die Lage bessert».

Die Not der Hamas

Rund um den Gazastreifen verlegten Spitäler ihre Patienten in bomben­sichere Bunker und stockten ihre Blutbanken auf. Ein Ferienlager der Pfadfinder in einem Wald 40 Kilometer nördlich von Gaza wurde vorzeitig beendet. Städte eröffneten eine Hotline, in der Bewohner aus dem Süden mit Gastfamilien aus Nordisrael zusammengebracht wurden, um Kinder aus der Gefahrenzone zu bringen.

Die Hamas hat kaum etwas zu verlieren. Der arabische Frühling hat sie ihrer Verbündeten beraubt. Der Iran, Syrien und die libanesische Hizbollah haben eigene Probleme und sind angesichts der wachsenden Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten problematische Partner. Die Hoffnungen, die die Hamas auf die Muslimbrüder in Ägypten gesetzt hat, wurden nach dem Armeeputsch enttäuscht. Im Mai ging die Hamas bankrott und sah sich genötigt, den Bruderkrieg mit der pragmatischen Fatah von Präsident Abbas beizulegen und eine Einheitsregierung zu bilden. Doch die Früchte dieser Einigung blieben ihr vorenthalten: Die Fatah überwies kein Geld, die Not wurde grösser. Mehr als 40 000 Hamas-Beamte erhalten keine Löhne.

Die Eskalation schwächt aber auch die Position des palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas. Israelische Angriffe und der Anblick unschuldiger Opfer, die eine unweigerliche Folge einer Offensive sind, werden die Palästinenser vermutlich hinter den Hamas-Extremisten einen und Sympathie in der arabischen Welt erzeugen – der schnellste Weg aus der eigenen Isolation.

Erstellt: 09.07.2014, 07:39 Uhr

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