Je mehr Blut, desto besser

Gewalt ist die einzige Botschaft der islamistischen Extremisten. Bedroht wird aber nicht nur die islamische Welt.

Bild der Zerstörung: Ein Junge schaut nach einem Luftangriff auf ein von den Extremisten zerstörtes Haus in Mosul, Irak. (4. August 2014)

Bild der Zerstörung: Ein Junge schaut nach einem Luftangriff auf ein von den Extremisten zerstörtes Haus in Mosul, Irak. (4. August 2014) Bild: Keystone

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Dutzende, ja Hunderte Männer. Gefesselt, geschlagen, vorangetrieben wie Vieh. Am Ende liegen die einen in Gräben, die anderen stehen zitternd am Flussufer. Schüsse beenden ihr Martyrium. Das Massaker wird im Internet veröffentlicht, von den Mördern, es sind Kämpfer des Islamischen Staats (IS). Die Massenexekution geschah im Juli in Tikrit, dem Heimatort Saddam Husseins. Eine Todesfabrik 2014 im Irak – dem Land, dem die USA mit Panzern Freiheit und Demokratie bringen wollten.

Die Bilanz von 13 Jahren «Krieg gegen den Terror» ist niederschmetternd. Ob Irak oder Afghanistan: Nicht Demokratie und Rechtsstaat waren die Folge der Interventionen, sondern noch mehr Tod und Leid. Der IS kann sich heute mit der Exekution von 1500 Menschen brüsten. Der Arabische Frühling mit dem Sturz von Diktatoren hat ebenfalls wenig Positives geschaffen. Die Regierungen sind schwach, Terrorgruppen beherrschen ganze Landesteile. Der Islamische Staat ruft das Kalifat im Irak und in Syrien aus. Taliban und al-Qaida wüten am Hindukusch. Ansar al-Sharia und andere Milizen terrorisieren die Libyer. Und selbst in Ägypten, wo die Armee die gewählten Muslimbrüder gestürzt hat, wird der Sinai zum Jihadisten-Land.

Der islamische Pol Pot

Was Köpfe und Herzen betrifft, ist in der islamischen Welt das Gegenteil dessen erreicht worden, was erhofft wurde. Die Demokratie hat ihre Strahlkraft verloren, Diktatoren erscheinen wieder attraktiv. Andere setzen weiter auf die Religion. Doch anstelle halbwegs rationaler Islamisten, wie es die Muslimbrüder waren, schwingen sich weit Radikalere zu Wortführern der Sunniten auf. Gewalt ist die wesentliche, oft einzige Botschaft. Nach Osama Bin Laden predigt sie nun Kalif Ibrahim vom Islamischen Staat. Der selbst ernannte «Führer der Gläubigen» ist ein islamischer Pol Pot: ein Bilder­stürmer, der Heiligengräber sprengen und Denkmäler umstossen lässt.

So präsentiert sich der Islamismus des 21. Jahrhunderts als ultraradikaler Kalaschnikow-Islam, der Religion pervertiert. Dieser Jihadismus wird zur Geissel der muslimischen wie der nicht muslimischen Welt. Keiner wird dem blutigen Phänomen schnell Herr werden, weder mit Diktatur noch mit Drohnen oder Feldzügen. Die Staaten im Nahen Osten zerfallen.

Ägyptens Muslimbrüder mögen keine Demokraten sein. Aber sie folgen einer politischen Logik, erwägen Argumente. Der IS will und kann das nicht. Das Kalifat muss erkämpft werden, heute. Je mehr Blut, desto besser. Der Feind wird «geschlachtet». Selbst gewöhnliche Muslime kann es treffen, die ketzerischen Schiiten oder moderate Sunniten. Die Kalifats-Kämpfer ermorden Schiiten aus Überzeugung, schiessen auf weniger radikale Gotteskrieger, verjagen Christen: Ihr Pseudo-Islam lebt von Gewalt, grenzt sich ab wie eine Sekte.

Experten mögen darüber streiten, ob der Islamische Staat der al-Qaida den Rang abläuft als globaler Terror­- motor oder ob das Kalifat zusammenbrechen wird, weil die Sunniten- Stämme im Irak sich dagegen erheben. Doch das ist nicht entscheidend. Ibrahim kann Kalifat spielen, weil kein echter Staat mehr da ist im Irak. Ein Stammeskrieg kostet bestenfalls den Kalifen den Kopf. Er bringt aber den Staat nicht zurück. In den Freiraum stossen andere Kräfte. Auch al-Qaida, aufgestellt von Asien bis Nordafrika, hat sich längst als fast unzerstörbar erwiesen. Das Terrornetzwerk führt Krieg in Pakistan, Saudiarabien oder Algerien, weil dort der Staat nicht dem Bürger dient, sondern Futtertrog korrupter Politiker, Könige, Generäle und Landbesitzer bleibt.

Die Extremisten bedrohen auch die nicht islamische Welt. Nicht, weil der geistig im Mittelalter feststeckende Kalif kläfft, er werde «Rom erobern». Als ob die Kirche eine Rolle spielte im 21. Jahrhundert. Gefährlich ist er, weil Muslime aus Westeuropa in wachsender Zahl in Ibrahims Heiligen Krieg ziehen. Sie kehren zurück, im Kopf die Al-Qaida-Ideologie und das Isis-Kriegskino: Wer das Schlachten gesehen hat, vergisst das nie mehr. Einige werden sich dem Terror in Europa widmen. Andere könnten denen eine geistige Heimat bieten, die keine haben: jungen Muslimen, die sich als Aus- wuchs einer falsch aufgezäumten Integrationspolitik gegen die Gesellschaften ihrer neuen Heimat stellen.

Erstellt: 05.08.2014, 07:07 Uhr

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