Jede Impfung zählt

In Malawi ist das ganze Land auf den Beinen, um Kinder vor Masern und Röteln zu schützen. Impfgegner gibt es nicht. Die Menschen haben schon zu viele Tote gesehen.

Maserntote soll es in Malawi nicht mehr geben: Mütter bringen im Dorf Dedza ihre Kinder zu einer Impfstation. Foto: Karel Prinsloo (Gavi 2017)

Maserntote soll es in Malawi nicht mehr geben: Mütter bringen im Dorf Dedza ihre Kinder zu einer Impfstation. Foto: Karel Prinsloo (Gavi 2017)

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Ist das nun zum Lachen oder zum Weinen? Nelia Jere lässt die Tränen kullern, während sie lacht. Sie lacht, weil hier so viel mehr los ist als in ihrem kleinen Dorf, weil ihr fremde Leute Grimassen schneiden. Sie weint, weil sie schon merkt, dass da vorn etwas faul ist, dass die vielen anderen Kinder anfangen zu schreien, wenn sie am Ende der Schlange angekommen sind. Ein Jahr alt ist Nelia nun, sie sitzt in einem Tuch über der Brust ihrer Mutter, der die feinen Wasserperlen auf der Stirn stehen. «Ich hatte Angst, dass ich es nicht schaffen würde», sagt Liana Jere, 29 Jahre.

Also ist sie zeitig aufgebrochen und steht nun in der frühen Morgensonne vor der Gesundheitsstation in Chipoka, einem kleinen Dorf im Süden Malawis. Ein paar Meter noch sind es bis ins Innere der Station, die Ärmel der Kinder werden hochgeschoben, ein Stich und ein paar Tränen – dann ist Nelia Jere gegen Masern und Röteln geimpft. Sie macht nicht den Eindruck, als ob sie das als grossen Fortschritt betrachtet. Die kleinen Zöpfe wackeln, während sie schreit, ihre Mutter sagt, sie sei froh. «Ich kann mich noch gut erinnern, wie die Menschen gestorben sind, ich habe die Toten gesehen. Deshalb sind wir gekommen, um uns impfen zu lassen.»

Für all diejenigen, die sich nicht mehr an den letzten grossen Ausbruch der Masern in Malawi vor sieben Jahren erinnern, haben Regierung und Unicef Radiospots geschaltet, Zeitungsanzeigen platziert und die Chiefs aller Dörfer informiert. Jeder Stich zählt. 700 sind es an diesem Tag in Chipoka, fast 8 Millionen Kinder von 9 Monaten bis 14 Jahren in der ganzen Woche. Es ist eine der grössten Impfkampagnen der Geschichte. Das ganze Land ist unterwegs, in Bussen, in Autos, auf Fahrrädern und Booten.

Wenn man Leuten in Malawi sagt, dass sich manche Menschen in Europa nicht impfen lassen wollen, lachen sie laut.

In Europa sind kritische Bücher über das Impfen Bestseller, in Malawi wird ­gesungen und getanzt, wenn die Regierung 11'000 Impfstationen aufbauen lässt und den Impfstoff auf Motorrädern bis in den hintersten Winkel schickt. Wenn man Leute in Malawi fragt, ob sie wissen, dass es in Europa Menschen gibt, die sich nicht gegen Masern und Röteln impfen lassen wollen, obwohl sie es könnten, lachen sie laut.

Helfer gibt es mehr als genug

Weltweit starben 2015 etwa 130'000 Menschen an Masern, obwohl die Krankheit ohne grosse Probleme ausgerottet werden könnte. Wenn sich genügend Menschen impfen lassen würden. Viele Eltern meinen aber, dass ihre Kinder Krankheiten wie Masern einfach mal durchmachen müssten, für ihre Entwicklung. Vor allem in den Industrie­ländern denken viele so; auch in der Schweiz gibt es immer wieder Masernausbrüche.

«In der Politik hat man mit vielen Irrationalitäten zu tun», sagt Peter Kumpalume. Er trägt einen leicht glänzenden Anzug und lackierte Lederschuhe, mit einer langen Spitze, damit keiner merkt, wie klein die Füsse des Gesundheitsministers von Malawi sind. Kumpalume erscheint fast auf die Minute pünktlich auf dem Gang seines Ministeriums, um zu sagen, dass er gleich so weit sei. Er hat ein schönes Eckbüro mit Lamellenfenstern, die sich gut schliessen lassen, wenn wieder ein Müllhaufen angezündet wird im Garten, weil die Müllabfuhr nicht kommt.

Kumpalume lächelt milde, als wolle er sagen, tja, so ist das hier. Er lächelt milde, wenn man ihn auf die Impfverweigerer in Europa anspricht. «Ich kenne den Vorwurf, dass das alles nur ein Geschäft der Pharmakonzerne sei.» Kumpalume hat in Europa Chemie studiert, in England gelebt, wo es sehr viele Migranten aus Malawi gibt. Er hat im britischen Gesundheitssystem gearbeitet und anschliessend bei GlaxoSmithKline (GSK), einem jener Pharmariesen, dem Impfgegner alles zutrauen.

In Afrika sieht man sie jeden Tag, die Humpelnden, die ein paar Tropfen hätten retten können vor Polio.

«Ich habe für GSK gearbeitet, dafür schäme ich mich nicht. Es ist eine grossartige Firma. Dass Impfen nur Geschäft ist, das ist ein Vorwurf, den man nur machen kann, wenn man das Geschäft nicht kennt. Das Geschäft heisst: Leben retten.» Das vergesse man leicht, wenn man die Opfer nicht mehr sehe. In Afrika sieht man sie jeden Tag, die Humpelnden, die ein paar Tropfen hätten retten können vor Polio.

Auch in Malawi hatte man die Erfolge der Impfungen vergessen, war nachlässig geworden. Die Menschen brachten ihre Kinder nicht mehr zum Impfen – wird schon nichts schiefgehen. Die Impfung gegen Masern aber funktioniert nur, wenn alle mitmachen, wenn mindestens 95 Prozent der Kinder geimpft wurden. Wenn 19 Menschen immun sind, schützen sie den zwanzigsten automatisch mit. Es gibt viele, die denken, der Zwanzigste zu sein. Wird schon nichts passieren, dachten sich viele einst auch in Malawi, aber es passierte doch. Fast von einem Tag auf den anderen brachen 2010 in Malawi die Masern aus, 120'000 Fälle, fast 300 Tote. «Das hätte nicht passieren dürfen», sagt der Gesundheitsminister. Das hätte nicht passieren dürfen, sagten die Helfer.

Viele Freiwillige

Von ihnen gibt es mehr als genug in Malawi, allein im Gesundheitssektor drängen sich Geberländer und vor allem Nichtregierungsorganisationen, die helfen wollen. Am Flughafen sieht man Menschen in der Schlange vor dem Visumschalter, die ein Buch von Bono in der Hand halten: «Das Ende der Armut». In den Restaurants trifft man Missionare und Praktikanten von Hilfsorganisationen, die sich in Trinkflaschen ihr eigenes Wasser mitgebracht haben – sicher ist sicher. Man traut dem Land nichts zu und alles zugleich.

Der erste Präsident von Malawi, Hastings Kamuzu Banda, hat in den 26 Jahren seiner Amtszeit massgeblich daran mitgewirkt, dass das Land einen schwierigen Ruf genoss. Er entliess seine aus Schwarzen bestehende Leibgarde, nachdem ihm eine Fliegenklatsche gestohlen worden war. Vom südafrikanischen Apartheid-Regime liess er sich einen Palast bauen. Das Lied «Cecilia» von Simon and Garfunkel liess er verbieten, weil er Liebeskummer hatte wegen einer seiner Gespielinnen mit diesem Namen.

Heute leistet sich das Land nur noch kleine Extravaganzen, alle paar Jahre wird die Flagge verändert, die ursprünglich eine halbe Sonne zeigte, über ein paar bunten Streifen. Warum eine halbe Sonne, wenn man eine ganze haben kann, sagte sich die nächste Regierung und liess sie zum Himmel steigen. Dort stand sie ein paar Jahre, bis sich die Konterrevolution formierte, und die Sonne wieder halbierte. Ob sie sinkt oder aufgeht, wird in Malawi je nach Tagesform beantwortet. Derzeit wirkt die Sonne über Malawi unentschieden.

Halbierte Kindersterblichkeit

Die Wirtschaft wächst, aber sie wächst langsamer als die Bevölkerung, was jeden Fortschritt auffrisst. Die Regierung ist nicht so korrupt wie manch andere, zumindest steht derzeit nur etwa die Hälfte der Minister unter Verdacht, in die eigene Tasche zu wirtschaften. Oft verschwinden Medikamente und Impfstoffe und tauchen in Nachbarländern wieder auf. Immer wieder legten die Geberländer Hilfe auf Eis oder verschärften die Bedingungen.

Gesundheitsminister Kumpalume steht im Ruf, eher einer der Guten zu sein, und sagt, es habe in der Vergangenheit viele Unregelmässigkeiten gegeben, die er nun bekämpfen wolle. «Es passiert, solange die Leute glauben, damit davonzukommen, aber wir kriegen sie.» Der Minister will alle Medikamente, die ins Land kommen, mit einem Code versehen. Jeder soll immer wissen, wo die teuren Mittel sind.

Was auch ein grosser Wunsch der Geber ist, die sich die Kampagne 10 Millionen Dollar kosten lassen. Das Geld stammt vor allem von Gavi, der globalen Impfallianz aus WHO, Unicef, Weltbank, vielen Nichtregierungsorganisationen, Geberländern und Impfstoffherstellern, die von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung ins Leben gerufen wurde. Mehr als 1 Milliarde Dollar hat das Ehepaar Gates dafür schon gespendet, etwa 600 Millionen Kinder wurden geimpft. Gegen Masern, Röteln, Gelbfieber, Pneumokokken und vieles mehr. Man habe 8 Millionen Kindern das Leben gerettet, verkündet Gavi.

Die 10 Millionen Dollar für die Kampagne stammen vor allem von Gavi, der Impfallianz der Gates-Stiftung.

Massenimpfungen wie in Malawi könnten auch Teil einer Zeitenwende sein in der Entwicklungshilfe, ihre Privatisierung beschleunigen. In den Gesundheitszentren des Landes hängen noch die Plakate von USAID, der staatlichen US-Agentur, der Präsident Donald Trump die Mittel zusammenstreichen will. Eine Katastrophe wäre das, sagen sie in Malawi, wo das Budget zu etwa 40 Prozent vom Ausland finanziert wird.

Microsoft stand lange unter Verdacht, seine Marktmacht zu missbrauchen. Aus Sicht seiner Kritiker wiederholt Gates nun als Helfer die alten Muster, auf neuem Terrain. Die Befürworter von Gavi sagen, das Gegenteil sei der Fall. Weil die Pharmakonzerne lange die Preise für die Impfstoffe diktierten, investiert Gates in Pharmafirmen, um die Konkurrenz zu beleben. Durch Gavi seien die Preise für Impfstoffe gesunken.

In Malawi ist von der Kritik ohnehin nichts zu hören. Das Gesundheitswesen hat in den vergangenen Jahren grosse Fortschritte gemacht. Die Kindersterblichkeit wurde halbiert, über das ganze Land wurde ein Netz von Gesundheitsstationen gelegt. Selbst in Dörfer kommen einmal im Monat Gesundheitshelfer und stellen unter dem Baum am Dorfplatz ihre Tische zur Sprechstunde auf. Wer in Malawi Medizin studiert hat, geht oft ins Ausland, wo es mehr zu verdienen gibt. Wer aber in Malawi bleibt und in die Dörfer fährt zu den Sprechstunden, hat in einer dreijährigen Ausbildung das Nötigste gelernt. Und bekommt manchmal ein eigenes Motorrad.

Erste Versuche gegen Malaria

Zum Beispiel eine weisse Yamaha DT: «DT steht für Dangerous Traffic», sagt Chikondi Chagoma (23). Er muss dabei nicht mal zu lachen anfangen, weil er ja eh die meiste Zeit lacht. «Liebe» bedeutet sein Vorname übersetzt, und davon hat er immer genug dabei, wenn er als Gesundheitshelfer über die Dörfer fährt, die Kühlbox mit den Impfstoffen auf dem Gepäckträger. Chikondi Chagoma ist so schmal, dass man nicht sicher sagen kann, ob er das Motorrad fährt oder doch umgekehrt.

Es steht nun unter einem Baum in Chipoka, ungefähr 70 Kinder machen grosse Augen. Sie tragen fast alle Trikots der grossen Fussballvereine aus Europa, manche sind noch ganz frisch, manche eher in der Nachspielzeit. Auf den Fingernägeln haben die Kinder die Farbe der Lackstifte, die man bekommt, wenn man den Stich der Nadel hinter sich hat. «Es sind fast alle gekommen», sagt Chagoma.

Sogar Heiler rufen zur Impfung auf

Auch die traditionellen Heiler hätten in den allermeisten Fällen ihren Frieden mit der Wissenschaft gemacht und zur Impfung aufgerufen. Unter dem Baum werden die Nadeln eingepackt. Chagoma läuft mit den Kindern zum Strand des Malawisees. Die Kinder rennen ins Wasser, der Strand ist endlos und weiss, so, als habe er den See mit dem Meer verwechselt. Der See ist Segen und Fluch zugleich. Er liefert den Fisch für viele Menschen. Und er ist Brutstätte für viele Krankheiten. Nach den Überschwemmungen steigt die Gefahr der Cholera, in den sumpfigen Gebieten brüten die Malaria-Mücken.

Gegen die Cholera wird schon geimpft, gegen Malaria beginnen 2018 die ersten Testversuche, es könnte der Durchbruch sein gegen eine Seuche, die jedes Jahr Millionen Menschenleben kostet. «Wir freuen uns darauf», sagt Chagoma.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 20.07.2017, 20:37 Uhr

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