Jeden Tag eine neue Grausamkeit

Staatliche Willkür, Polizeigewalt und Mangel machen das Leben in Zimbabwe zur Hölle. Selbst Lehrer kämpfen ums Überleben.

Zimbabwe selbst produziert kaum noch etwas – ausser Verzweiflung. Foto: Robin Hammond (Panos Pictures)

Zimbabwe selbst produziert kaum noch etwas – ausser Verzweiflung. Foto: Robin Hammond (Panos Pictures)

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Es ist ein schöner Morgen Ende September, an dem Obert Masaraure das Jahr in Zahlen zusammenfasst. Es war für ihn so schlecht wie für das ganze Land Zimbabwe. «Ich wurde sechsmal verhaftet und zweimal entführt», sagt Masaraure. Er sitzt im kleinen Vorgarten eines Bungalows, der Rasen ist gemäht, die Garage geschlossen. Er zieht die Hosen­beine hoch, zeigt Narben und Beulen. «Die letzte Entführung ist erst ein paar Tage her. Sie haben mich sechs Stunden lang festgehalten, mit dem Kolben eines AK-47 Sturmgewehrs gegen meine Knöchel geschlagen und mich am ganzen Körper geprügelt.» Dann haben sie ihn wieder freigelassen, auf die Strasse geworfen und ihm gesagt, er solle künftig die Klappe halten.

Masaraure ist Vorsitzender einer Lehrergewerkschaft, die immer wieder gegen die Zustände an den Schulen protestiert, einmal die Woche unterrichtet er auch noch selbst. Wenn ihn die Schergen des Regimes ins Gefängnis geworfen oder entführt haben, hat der Staat ihm diese Zeit vom Gehalt abgezogen, weil er ja nicht zur Arbeit erschienen sei. «Wir rechnen in diesem Land jeden Tag mit einer neuen Grausamkeit», sagt er.

Die Hölle nach der Euphorie

Vor zwei Jahren stand er mit Hundert-tausenden auf den Strassen von Harare und rechnete fest damit, dass sich die Dinge von jetzt an zum Besseren wenden würden. Das Militär hatte gerade den greisen Diktator Robert Mugabe aus dem Amt verjagt, das Land war euphorisch, alle glaubten, endlich sagen zu dürfen, was sie denken.

Das war im November 2017, Frühlingsbeginn in Harare. So fühlte es sich an – wie der Beginn einer neuen Zeit, für ein Land, das Jahrzehnte in den Klauen der weissen Rassisten war und dessen Bewohner dann zusehen mussten, wie der Befreier Robert Mugabe den Kolonial­­isten immer ähnlicher wurde, die er einst bekämpfte. Menschen rissen die Strassenschilder an der «Robert Mugabe Avenue» herunter. So war das damals, im November 2017.

«Sein Nachfolger Emmerson Mnangagwa hat seitdem eine neue Hölle geschaffen, die wir nicht für möglich gehalten haben», sagt Masaraure. Das Regime scheint noch brutaler und willkürlicher geworden zu sein, Hunderte Menschen wurden entführt, Dutzende erschossen. Immer mehr Lehrer geben ihren Beruf auf, weil er sie nicht ernähren kann. 50 US-Dollar zahlt der Staat im Monat, wenn er überhaupt zahlt. Das reicht nicht mal für die Miete.

Lehrer war früher ein angesehener Beruf – der im September verstorbene Robert Mugabe war ja selber einer. Er liess Schulen bauen und Lehrer ausbilden, sie sollten das Fundament eines neuen Landes sein. Heute sind sie das Symbol des Niedergangs. Viele können sich die Schulgebühren für die eigenen Kinder nicht mehr leisten.

Fünf Stunden Strom pro Tag

In den 80er-Jahren konnte man sich als Lehrer ein kleines Häuschen leisten und ein Auto. Heute verkaufen Lehrer erst ihre Häuser und Autos, dann ihre Handys und Anzüge. Sie müssen zurück zu den Eltern ziehen oder zu Verwandten. Für Benzin muss man in Harare im Moment zwischen zwei und fünf Stunden anstehen, ähnlich lang für Wasser, das es aber nicht immer gibt, Strom gibt es nur noch fünf Stunden am Tag. Einst war Zimbabwe die Kornkammer Afrikas, derzeit muss die UNO wieder Lebensmittel liefern, damit die Menschen nicht verhungern.

Obert Masaraure ist 35 Jahre alt und auf dem Land aufgewachsen, als eines von sieben Kindern. Die Eltern sagten: «Du sollst es einmal besser haben.» Die Zeiten waren gut, das Land gerade ein paar Jahre unabhängig. Er war fleissig in der Schule, studierte Chemie. Als er fertig war, ging es bergab mit Zimbabwe. Es gab keine Jobs, er wurde Lehrer in einem Internat, das gemeinsam von Kirche und Staat betrieben wurde. Mit den Jahren wurden die Klassen immer grösser und der Lohn immer kleiner. Viele seiner Kollegen gaben auf. Andere traten in die Partei ein, in der Hoffnung, ein Stückchen abzubekommen vom Kuchen, den die korrupte Elite unter sich aufteilte.

Um was für Geschäfte es sich genau handeln sollte, wollte niemand wissen. Die Welt sah darüber hinweg, dass Mnangagwa als treuer Scherge Mugabes für viele Massaker mitverantwortlich war.

Obert Masaraure ging in die Gewerkschaft – und damit in den Widerstand. Am Anfang wusste er nicht, was das für sein Leben bedeuten würde. Mittlerweile hat er Kameras und Gitter installiert in seinem Haus im Stadtteil Waterfalls, in dem er mit seiner Frau wohnt und den zwei Kindern. Die Schergen des Sicherheitsdienstes sind trotzdem vor ein paar Tagen wieder gekommen, um ihn zu holen. «Es ging ihnen gar nicht um Informationen, es geht ihnen nur darum, mich einzuschüchtern, mich zu brechen.» Wenig später ist Masaraure ausgezogen. Er wohnt jetzt an einem geheimen Ort. Ein Exil im eigenen Land.

Als Präsident Mnangagwa vor zwei Jahren an die Macht kam, versprach er, Zimbabwe zu alter Blüte zurückzuführen. Dann flog er im für mehrere Hunderttausend Dollar gemieteten Privatjet zum Weltwirtschaftsforum nach Davos und hängte sich einen Schal in den Farben des Landes um. «Zimbabwe is open for business», war seine Botschaft. Um was für Geschäfte es sich genau handeln sollte, wollte niemand so genau wissen. Die Welt sah darüber hinweg, dass Mnangagwa als treuer Scherge Mugabes für viele Massaker mit Zehntausenden Toten mitverantwortlich war.

Das letzte Flugzeug gepfändet

Europas Diplomaten tourten mit Wirtschaftsdelegationen durchs Land, Menschenrechte spielten keine Rolle, der Handel sollte dem Wandel vorangehen. Aber nicht einmal das funktionierte. Das Land ist so pleite, dass vor kurzem das letzte Flugzeug der staatlichen Fluggesellschaft Air Zimbabwe am Flughafen von Johannesburg gepfändet wurde, weil die Airline ihre Landegebühren nicht bezahlt hatte.

Zimbabwe selbst produziert kaum noch etwas – ausser Verzweiflung. Selbst dem Regime bleibt nichts mehr, was es noch plündern kann. 6 Millionen Dollar für Schulbücher und Materialien seien kürzlich verschwunden, sagt Masaraure. Jetzt sollen ein paar Dutzend Elefanten exportiert werden, um an ­Devisen zu kommen.

Der Philosoph Frantz Fanon hatte prophezeit, dass neue Eliten die Ungerechtigkeiten der Kolonialsysteme nicht abschaffen, sondern für sich nutzen würden.

Mnangagwa hatte zu Beginn seiner Amtszeit angekündigt, härter gegen den Filz und den Diebstahl vorgehen zu wollen – ausgerechnet er, der selbst durch Filz und Diebstahl zu einem der reichsten Männer des Landes geworden war. Dutzende Farmen und Industriebetriebe soll er sich angeeignet haben. In den Schulbüchern des Landes nimmt der ruhmreiche Kampf gegen die weissen Rassisten viele Seiten ein, Lehrer Masaraure kennt sie auswendig, die Geschichten, die die Grausamkeiten und die Gier der Weissen beschreiben. Er sieht, wie sich alles wiederholt.

Das ist der Schmerz so vieler Afrikaner, dass «unsere Leute» eben auch nicht viel besser sind als «die anderen». Dass es so vielen früheren sogenannten Befreiungsbewegungen nie um die Befreiung ging, sondern nur darum, endlich selbst an die Fleischtöpfe zu kommen. So ist es in Zimbabwe, in Angola, in Mocambique.

Der Philosoph Frantz Fanon sagte, noch bevor die ersten afrikanischen Länder in die Unabhängigkeit entlassen wurden: Die neue Elite in der postkolonialen Zeit hätte überhaupt kein Interesse an Demokratie oder einer sozialen Entwicklung, die allen zugute kommr, sondern wolle «die unfairen Vorteile des kolonialen Systems einfach in die Hände der Einheimischen bringen».

Nach Südafrika geflohen

Die Kultur staatlicher Gewalt steht in einem erstaunlichen Kontrast zu dem, was man als Besucher Zimbabwes erlebt: Es ist eines der freundlichsten und angenehmsten Länder Afrikas. Man spürt nur selten, dass die Armut die Menschen zu Konkurrenten um das wenige macht, das noch da ist.

Etwa ein Viertel der Bevölkerung ist in den vergangenen Jahren aus der Diktatur geflohen, die meisten ins benachbarte Südafrika. Ohne die billigen Arbeitskräfte würde der Dienstleistungssektor in Kapstadt zusammenbrechen. Auf der A4, der Strasse von der südafrikanischen Grenze nach Harare, rasen die Busse über Schlaglöcher, bringen die Heimaturlauber aus Südafrika zu ihren Familien. Hintendran hängen riesige Anhänger mit Kühlschränken und Fensterrahmen – mit allem, was es in Zimbabwe nicht mehr gibt.

Seine Frau hätte gern, dass er für ein paar Monate ins Ausland gehe, in Sicherheit, sagt Masaraure. Für ihn gibt es aber kein Zurück mehr. Er wird weiter Streiks organisieren und den Protest gegen die Regierung. Er wird in seinem Versteck warten, bis die Schergen des Regimes kommen, um ihn zu holen. «Ich mache weiter, weil ich ein gutes Gefühl habe, es bewegt sich etwas, der Protest wird organisierter.» Man werde das Land von den einstigen Befreiern befreien. Seine Worte sind jetzt voller Hoffnung. Sein ernstes Gesicht erzählt eine andere Geschichte.

Erstellt: 05.12.2019, 10:48 Uhr

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Das WFP plane deshalb, ab Januar 4,1 Millionen Menschen vor allem auf dem Land mit Nahrungsmitteln aus dem Ausland zu versorgen. Bis Juni 2020 seien dafür 293 Millionen Dollar nötig – zwei Drittel der Mittel fehlten noch, um die Bewohner Zimbabwes vor Hunger zu bewahren. (sda)

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