Jeder vierte Einwohner ist ein syrischer Flüchtling

Die Nachbarländer haben fast 3 Millionen Vertriebene aus Syrien aufgenommen. Allein im mausarmen Libanon leben derzeit 1,2 Millionen Flüchtlinge.

Eigentliche Flüchtlingslager für Syrer gibt es im Libanon nicht: Die Menschen hausen etwa in Bretterverschlägen oder unter Plastikplanen wie hier in der Nähe der Hauptstadt Beirut.

Eigentliche Flüchtlingslager für Syrer gibt es im Libanon nicht: Die Menschen hausen etwa in Bretterverschlägen oder unter Plastikplanen wie hier in der Nähe der Hauptstadt Beirut. Bild: Jerome Delay (AP Photo)

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Die Zahlen übersteigen jede Vorstellungskraft, und die Kurve zeigt noch ­immer steil nach oben: Vor einem Jahr waren es 1,7 Millionen Menschen aus ­Syrien, die von den Nachbarländern Türkei, Irak, Jordanien und Libanon aufgenommen wurden. Heute sind es bereits 2,8 Millionen, und bis Ende Jahr dürften es laut Hilfswerken 3,6 Millionen sein. Die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder.

In Syrien selber leben laut dem UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) 6,5 Millionen Vertriebene. Der grösste Teil von ihnen ohne jede Unterstützung von aussen, denn der syrische Präsident Bashar al-Assad lässt ausländische Hilfswerke nicht ins Land. Die medizinische Hilfe ist blockiert, auch weil das Regime Ärzte und Rettungskräfte als Komplizen der Rebellen betrachtet und sogar auf sie schiessen lässt. Das Vor­rücken der islamistischen Rebellen im benachbarten Irak, die laut Schätzungen des UNHCR rund eine Million Menschen in die Flucht getrieben haben, verschärft die humanitäre Katastrophe zusätzlich.

Die Nachbarstaaten zeigten sich bei Ausbruch des Krieges vor drei Jahren solidarisch mit den Syrern und waren anfangs bei der Aufnahme von Flüchtlingen sehr offen. Inzwischen haben Jordanien und der Irak aber die Notbremse gezogen. Jordanien lässt kaum noch Flüchtlinge über die Grenzen und bringt sie in grossen Lagern unter, um eine unkontrollierte Ansiedlung in den Städten zu stoppen. Das Flüchtlingslager Saatari ist mit 120'000 Menschen chronisch überbelegt, und die Lebensbedingungen sind so schlecht, dass sich immer wieder Flüchtlinge auf den Rückweg nach Syrien machen.

Auch der Irak hat die Grenze dicht­ ­gemacht, zum Teil wurden Betonmauern errichtet. Jordanien beherbergt heute 600'000 Syrer, im Irak sind es 220'000. In beiden Ländern sind die Zahlen die letzten Monate kaum noch gestiegen. Dafür hat die Türkei seit letztem Herbst 300'000 neue Flüchtlinge aufgenommen. Sie sind zum grössten Teil in Lagern untergebracht, die, ver­glichen mit den anderen Unterkünften in der Region, vorbildlich sind.

Dem Libanon droht der Kollaps

Dramatisch ist die Lage im kleinen, in­stabilen Libanon. Die Grenzen sind offen, die Syrer dürfen sich niederlassen, arbeiten und werden medizinisch versorgt. Nicht weniger als 1'226'000 Flüchtlinge haben sich hierhergerettet – das sind doppelt so viele wie vor einem Jahr. In dem mit 4,4 Millionen Einwohnern kleinsten Land der Region ist inzwischen jeder vierte Bewohner ein syrischer Flüchtling, an manchen Orten ­stellen die Syrer sogar schon die Mehrheit. Flüchtlingslager gibt es im Libanon keine. Die Syrer leben im ganzen Land verstreut. Die ersten fanden noch bei Verwandten Unterschlupf, inzwischen hausen die Menschen in Bauruinen, ­Ställen, Garagen, Bretterverschlägen oder auch nur unter Plastikplanen. Hilfswerke warnen schon lange, dass das Land an der Last zerbrechen könnte und vor dem Kollaps stehe.

Dem Libanon, noch immer gezeichnet von 15 Jahren Bürgerkrieg, fehlt es an Trinkwasser, Strom, Schulen, medizinischer Versorgung, Wohnraum und Arbeitsplätzen. Das Land beherbergt seit Jahrzehnten auch mehrere Hundert­tausend von Israel vertriebene Palästinenser. «Die libanesische Bevölkerung hat unglaubliche Grosszügigkeit bewiesen, aber es wird für sie immer schwieriger, mit der Situation zurechtzukommen», sagt UNO-Flüchtlingskommissar An­tó­nio Guterres. Und: «Der Libanon hat die höchste Flüchtlingsdichte in der jüngsten Geschichte. Wir können das Land diese Last nicht allein schultern lassen.» Guterres forderte Europa letzte Woche verzweifelt auf, mehr für die ­syrischen Flüchtlinge zu tun.

Auch die Hilfswerke verlangen ein grösseres Engagement für die Flüchtlinge. Sie beklagen, dass es Europa und den USA in Syrien nur um sicherheits­politische Fragen gehe und ihnen das Schicksal der Menschen egal sei.

Leere Versprechen beim Geld

Die Weltgemeinschaft hatte den syrischen Nachbarländern versprochen, sie bei der Unterbringung der Flüchtlinge wenigstens finanziell zu unterstützen. Doch auch der in Aussicht gestellte Geldfluss stockt: Das UNHCR hat für 2014 einen Hilfsappell im Umfang von 3,74 Milliarden Dollar lanciert. Bisher sind jedoch nur 1,1 Milliarden eingegangen, nicht mal ein Drittel des notwendigen Geldes. Deshalb müssen die Hilfswerke ihre Arbeit reduzieren und können nur noch das Allernötigste bezahlen. Im Libanon etwa werden nur rund 13 Prozent der humanitären Hilfe von aussen finanziert. Und auch den Flüchtlingen selber geht das Geld aus: Konnten sie am Anfang noch selber für Unterkunft oder Essen bezahlen, kommen nun die meisten mit nichts als den Kleidern, die sie am Leibe tragen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2014, 09:24 Uhr

Tod eines Ungeborenen

Bund setzt Arbeitsgruppe ein
Das Grenzwachtkorps (GWK) nimmt das Vorgehen bei Rückübergaben von Migranten unter die Lupe. Grund sind Vorwürfe der Familie einer schwangeren Syrerin, die nach einer Überführung von Frankreich über die Schweiz nach Italien ihr Kind in Domodossola tot geboren hatte. Das GWK setze eine interne Arbeitsgruppe ein, die das Verfahren durchleuchten und auf allfällige Verbesserungsmöglichkeiten untersuchen werde, hiess es gestern beim GWK.

Die schwangere Syrerin gehörte zu einer Gruppe von 36 Flüchtlingen aus Syrien, Eritrea und Äthiopien, die in Frankreich in einem Zug von Mailand nach Paris aufgegriffen worden waren. Sie wurden in Vallorbe VD Schweizer Grenzwächtern übergeben. (SDA)

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