Jesiden bangen um ihre Glaubensbrüder

Hunderttausende Flüchtlinge trotzen dem Winter in Syrien und Irak-Kurdistan. Die Jesiden sorgen sich um die Menschen, die noch in den Bergen ausharren oder in den Händen der IS-Terroristen sind.

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Seit drei Tagen regnet es. Auf den Wegen zwischen den Zeltreihen im Flüchtlingslager Newroz hat sich knöcheltiefer Matsch gebildet. Trotz den winterlichen Temperaturen trägt ein kleiner Bub kurze Hosen, seine nackten Füsse stecken in Sandalen. Die Haare und Kleider der Kinder sind durchnässt, ihre Hände kalt. Ein Mann hat sich in eine Wolldecke gehüllt, weil er keine Jacke besitzt, und stellt sich in einer Menschentraube vor einer lottrigen Baracke an. Sie warten auf die Abgabe von Lebensmitteln. Ein Teil kommt vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, den Rest organisiert eine lokale Hilfsorganisation. «Wir geben ihnen, was wir haben», sagt der Verwalter des Flüchtlingslagers diplomatisch auf die Frage, ob das Essen für alle reiche. Das Flüchtlingslager befindet sich im Nordosten von Syrien. Ein Gebiet, das vorwiegend von Kurden bewohnt ist und vom syrischen Ableger der Arbeiterpartei Kurdistan (PKK) verwaltet wird. Seit Monaten harren dort rund 5000 Jesiden unter schwierigen Bedingungen aus.

Die Jesiden rückten Anfang August plötzlich ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Die Angehörigen der religiösen Minderheit, die vor allem im Irak leben, wurden von den Terroristen des Islamischen Staates (IS) angegriffen. Eine Woche lang steckten die Jesiden in den Bergen des Sinjargebirges fest, wohin sie vor dem Angriff der Terroristen geflüchtet waren. Kurdenmilizen konnten ihnen schliesslich einen Fluchtkorridor von den Bergen herunter freikämpfen. Die Flucht führte Tausende von Jesiden nach Syrien, viele setzten sie nach ein paar Tagen Erholung ins autonome Kurdengebiet im Irak fort.

Bei Regen kein Licht

Eine Schule gibt es im Newroz-Flüchtlingslager nicht, die Kinderrechtsorganisation Save the Children hält in Zelten Zeichen- und Englischstunden ab. Doch heute falle der Unterricht aus, weil es regne, heisst es. Und wegen des schlechten Wetters gibt es im Zelt für medizinische Versorgung kein Licht, die Generatoren funktionieren bei Regen nicht. Also arbeiten die Angestellten einer amerikanischen Hilfsorganisation im Dunkeln. Viel können sie aber ohnehin nicht für die Flüchtlinge tun, mehr als über ein paar Schachteln Medikamente verfügen sie nicht. Notfälle würden ins Spital von Derik gebracht, sagt der Verwalter. Aber auch dort mangle es an Nachschub von Medikamenten und medizinischem Material. Westkurdistan, wie das autonom verwaltete Kurdengebiet in Syrien genannt wird, befinde sich in einer schwierigen Situation. Die Gegend war schon vor dem Bürgerkrieg in Syrien arm, weil das Regime von Bashar al-Assad die Ansiedlung von Industriebetrieben in Kurdengebieten unterband. Hilfsgüter finden den Weg in den östlichsten Zipfel des gebeutelten Landes zudem nur schwer. «Irak-Kurdistan behält Hilfsgüter an der Grenze zurück», sagt der Verwalter des Flüchtlingslagers. Hilfe komme deshalb nur über die türkische Grenze. Seit dem Kampf um Kobane und den damit verbundenen Flüchtlingsströmen lande aber die medizinische Hilfe dort.

Fragt man die Flüchtlinge nach ihren Sorgen, nennen sie nicht die knappe Versorgung und auch nicht das Problem mit den Heizungen zuerst. Die UNO hat zwar Öfen geliefert, aber nicht das dazu notwendige Kerosin. Die Zelte bleiben deshalb vorerst ungeheizt. «In den Bergen sind noch 1500 Familien», sagt ein älterer Mann, der die Besucher in sein Zelt gebeten hat. Zum Teil seien es Familien von Jesiden, die sich der Widerstandseinheit Sinjar angeschlossen hätten, welche an der Seite der syrischen Kurdenmilizen (YPG) gegen den IS kämpft. Die rund 10'000 Jesiden im Sinjargebirge seien wegen des IS von jeglicher Versorgung abgeschnitten. «Sie werden sterben», ist man im Newroz-Flüchtlingslager überzeugt, wenn ihnen nicht jemand zu Hilfe eile. Immerhin lässt die jüngste Entwicklung im Sinjargebiet für diese Menschen hoffen: Die Peshmergas, die Kämpfer des autonomen Irak-Kurdistan, sind dabei, das Sinjargebiet vom IS zurückzuerobern. Dabei soll es ihnen auch gelungen sein, bis ins Gebirge vorzudringen und die Familien dort mit Hilfsgütern zu versorgen.

Das Baby war 20 Tage alt

Ohnmächtig ist der Mann, der sich mit dem Namen Sahadun vorstellt. Er ist alleine hier, seine Familie und 15 weitere Verwandte befinden sich in den Händen der IS-Terroristen. «Ich habe Verwandte in die Berge gefahren; als ich zurückkam, war meine Familie nicht mehr da», sagt er. Sein Gesicht wird zu Stein. Seine Frau und die fünf Kinder wurden vom IS verschleppt. «Das Baby war 20 Tage alt», sagt er. Seine Familie sei noch am Leben und befinde sich zusammen mit anderen Gefangenen in der vom IS besetzten irakischen Stadt Tall Afar. Er hofft, dass sie irgendjemand befreien kann. «Hundert Gefangene werden nur von zwei, drei Personen bewacht. Es wäre einfach, sie zu befreien», sagt er.

Die Jesiden befinden sich als religiöse Minderheit in einer schwierigen Situation. Noch sind ihre Dörfer und Städte im Sinjargebiet nicht vollständig vom IS befreit. Zurück könnten sie aber sowieso erst, wenn sie von internationalen Kräften beschützt würden, sagen sie. Das Vertrauen in die Peshmergas wurde erschüttert. «Die Peshmergas haben die Jesiden entwaffnet und sie dann dem Hunger der Wölfe des IS überlassen», sagt Kasim Alhababi. Der Flüchtling ist überzeugt, dass die Peshmergas vom Überfall des IS wussten. Dass einige Peshmergas die jesidische Bevölkerung im August kampflos den IS-Terroristen überlassen hatten, gilt mittlerweile als gesichert.

Das Leben in der nächstgelegenen Stadt Derik funktioniert auf Sparflamme. Elektrizität gibt es nur manchmal, Ware wird in Schuppen entlang der Strasse gehandelt, die einfachen Restaurants sind meistens leer. Bis zur nahen Grenze nach Irak-Kurdistan wechseln sich Weideland und traditionelle Lehmhüttensiedlungen ab. Manchmal versperrt eine Schar Gänse die Strasse. Nur die Ölpumpen, die zeitweise recht dicht stehen, zeugen von einem theoretischen Wohlstand. Über den Grenzfluss Tigris führt eine kleine Personenfähre, und für den spärlichen Lastwagenverkehr zwischen den beiden kurdischen Autonomiegebieten wurde eine schwimmende Notbrücke installiert. Ein Lastwagen quält sich mit einer Ladung Schafe von der syrischen Seite über den Fluss. Lange blieb die Grenze geschlossen. Denn die Demokratische Partei Kurdistans von Irak-Kurdistans Präsidenten Masud Barzani und die PKK sowie ihre Ableger sind alte Feinde. Seit einiger Zeit lässt Irak-Kurdistan aber auch Flüchtlinge die Grenze passieren, weshalb viele Jesiden ins sicherere Irak-Kurdistan geflüchtet sind.

Zahlenmässig mehr ins Gewicht fallen aber dort die syrischen Flüchtlinge. 2012 strömten sie zu Zehntausenden in das autonome Kurdengebiet. Bei der Stadt Duhok im Norden Irak-Kurdistans liegt das grösste Flüchtlingslager für Syrer. Teile des Flüchtlingslagers Domiz bestehen seit den 90er-Jahren, als Kurden vor den Kämpfen zwischen der türkischen Armee und der PKK in der Türkei flohen. Seit den Flüchtlingswellen aus Syrien wurde es stark vergrössert, mittlerweile finden 53'000 Personen dort Unterschlupf. Im alten Teil reihen sich die gemauerten Baracken bis an den Horizont, schier endlos erstrecken sich die Zelte im neueren Teil. «Am Anfang war es ein Desaster, die Menschen schliefen auf dem nackten Boden», sagt Abu, ein junger Mitarbeiter im Flüchtlingslager. Heute sei alles besser. Neben der UNO seien viele Hilfsorganisationen vor Ort, es gibt ein internes, von Ärzte ohne Grenzen (MSF) betriebenes Spital und mehrere Schulen. Als der Schulleiter eine Klasse betritt, stehen die Kinder auf und schreien in einem ohrenbetäubenden Chor: «Lang lebe Kurdistan!» Die Kinder seien Kurden, sie liebten Kurdistan, erklärt Abu das befremdende Begrüssungsritual.

Bei der Registrierung am Eingang des Flüchtlingslagers herrscht grosser Betrieb. Neuankömmlinge gibt es an diesem Tag keine, aber viele Flüchtlinge müssen ihre Aufenthaltsbewilligung erneuern. Viele syrische Flüchtlinge erleben in Domiz den dritten Winter.

Die Menschen richten sich für das Bleiben ein. Ein Mann, der ursprünglich aus Kobane stammt und über Umwege hier landete, nennt die gemauerte Baracke sein Haus. Er habe Material erhalten und es selber ausgebessert. Trotzdem zieht der Wind unter dem Dach ins Innere. Domiz ist wie eine Stadt neben der Stadt, es gibt Läden, Restaurants und Coiffeursalons. Auch wenn viele innerhalb des Flüchtlingslagers etwas Geld verdienen oder ausserhalb Jobs zu Dumpinglöhnen annehmen, bleibt das Leben ohne Perspektive. Wer hierherkommt, besitzt nichts mehr und beginnt ganz unten. Besonders krass wirkt das Flüchtlingselend vor dem Hintergrund der irak-kurdischen Hauptstadt Arbil. Die ganze Welt scheint dort zu investieren, Fünf-Stern-Hotels schiessen wie Pilze aus dem Boden, es gibt grosse Einkaufszentren mit allen gängigen internationalen Handelsketten. «Arbil ist sicher, wir denken hier nicht an den Krieg», sagt eine Bewohnerin der Stadt. Dabei ist die vom IS kontrollierte Stadt Mosul keine hundert Kilometer entfernt. Das Geld aus dem Ölhandel mit der Türkei kurbelt den Wirtschaftsmotor zusätzlich an. In Arbil wird Kapitalismus in reinster Form betrieben. Doch hier versuchen sich auch gegen 80'000 Flüchtlinge selber durchzuschlagen.

Von den Flüchtlingen würden doppelt so hohe Mieten verlangt wie von ihren einheimischen Vormietern, beklagt sich ein Familienvater aus dem syrischen Hassakah. Geld zu verdienen, werde ihm schwergemacht, denn als Flüchtling dürfe er gewerbsmässig nicht Auto fahren. Weil die Polizei ihn beim Taxifahren bereits erwischt hat, befürchtet er nun, dass er deswegen ins Gefängnis wandert. Noch kann die Familie das Geld für die Schule des ältesten Kindes aufbringen. Der Siebenjährige spielt mit einer Plastikpistole und antwortet auf die Frage nach seinem Namen schüchtern: «Ich habe meinen Namen vergessen.» Sie fühlten sich hier nicht wohl, sagt der Vater. «Sie akzeptieren uns nicht als richtige Kurden», obwohl sie syrische Kurden seien.

Leben auf der Strasse

Wer keine Miete für ein Haus bezahlen kann, lässt sich irgendwo nieder. So wie die rund 30 syrischen Kurden aus Aleppo, die zwischen den Mauern unvollendeter Häuser leben. Als Dach dienen ihnen Planen, sonst haben sie dem Winter nichts entgegenzusetzen. Vor ihren Behausungen braust der Stadtverkehr. Zuerst will niemand sprechen, weil es ihnen die Polizei verboten habe. Doch dann verschafft ein Mann seiner Wut Luft. Immer wieder kämen Leute von Organisationen vorbei, um sich nach ihren Bedürfnissen zu erkundigen. Doch erhalten hätten sie bisher nichts. Essen brächten ihnen Privatpersonen. Diese würden sie auch um Geld anbetteln, wenn sie einen Arzt bräuchten.

Bald auf der Strasse landet vielleicht auch die 17-köpfige jesidische Familie, die am Rand der Stadt eine Wohnung gefunden hat. Wegen der behinderten Grossmutter hätten sie sich bis nach Arbil durchgeschlagen. Als irakische Staatsbürger haben sie von der Regierung etwas Geld erhalten. Nachdem sie auch ihren Schmuck verkauft hätten, wüssten sie nicht mehr, wie sie die Miete bezahlen sollten. «Arbeit erhalten wir hier keine, weil wir Jesiden sind», sagt eine grossgewachsene Frau mit fröhlichen Augen. Doch als sie von der Flucht vor gut vier Monaten zu erzählen beginnt, füllen sie sich mit Tränen. «Wir haben nur unsere Identitätskarten genommen und sind einfach weggerannt», sagt sie. Die Kinder und die Grossmutter trugen sie den ganzen Weg in die Berge. «Viele Leute starben in den Bergen, vor allem Kinder verdursteten», sagt die Frau. Auch ihr Neffe habe verschmutztes Wasser getrunken und sich beinahe vergiftet. Eine der Frauen leide an Lungenproblemen. «Sie war fast tot.» Der Schock über den Einfall des IS und die dramatische Flucht sitzen diesen Menschen immer noch tief in den Knochen.

Erstellt: 24.12.2014, 06:24 Uhr

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53'000 im grössten Lager

Prekäre Bedingungen in Dohuk

Das UNHCR hat im Irak per Mitte Dezember rund 232'000 syrische Flüchtlinge registriert. Praktisch alle befinden sich im autonomen Gebiet Irak-Kurdistan. Nur rund 40 Prozent leben in Flüchtlingslagern. Das grösste Flüchtlingslager ist bei Dohuk mit 53'000 Bewohnern, um Erbil verteilen sich 31'000 Flüchtlinge auf vier kleinere Flüchtlingslager. Im syrischen Autonomiegebiet der Kurden, im östlichen Teil von Westkurdistan, sollen weitere mindestens 400'000 Flüchtlinge leben. Jesiden sind ein nur kleiner Teil davon, die meisten befinden sich mittlerweile in Irak-Kurdistan. Insgesamt flüchteten im August mehrere Zehntausend Jesiden aus dem Sinjar-Gebiet.

Von Anita Bachmann

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