Kampf um die Beute Syrien

Die Kriegsgefahr steigt nicht erst, seit Israels Premier dem Iran gedroht hat. Längst wird um die Neuordnung der Region gerungen.

Hizbollah-Kämpfer in Syrien: Es gibt zurzeit keine taugliche Strategie, den Konflikt politisch zu lösen. Foto: Omar Sanadiki (Reuters)

Hizbollah-Kämpfer in Syrien: Es gibt zurzeit keine taugliche Strategie, den Konflikt politisch zu lösen. Foto: Omar Sanadiki (Reuters)

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Die islamische Revolution im Iran jährte sich am 11. Februar zum 39. Mal. Keine 24 Stunden zuvor schickten die Revolutionsgarden von Syrien eine Drohne in Israels Luftraum. Auf die Provokation folgte die schwerste Konfrontation der verfeindeten Staaten seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien, der erste Abschuss eines israelischen Kampfjets seit 35 Jahren durch die syrische Luftabwehr und die triumphalen Erklärungen der Hizbollah und des Iran, die strategische Balance der Region trete in eine neue Phase.

Die Gefahr neuer Auseinandersetzungen im Nahen Osten wächst nicht erst, seit Israels Premier Benjamin Netanyahu auf der Sicherheitskonferenz in München mit einer Flügelklappe der abgeschossenen Drohne wedelte und Iran direkt mit Vergeltungsschlägen drohte. Die steigende Zahl von Zwischenfällen zeigt: Das Ringen um eine Neuordnung in der Region hat längst begonnen. Die Arena ist primär das vom Bürgerkrieg verheerte Syrien, weitere Schauplätze sind der Jemen, der Irak und Libanon. Die Weiterungen reichen bis zum Horn von Afrika und nach Afghanistan.

Der einende Feind fällt weg

Die Terrormiliz Islamischer Staat ist militärisch besiegt. Damit fiel der einende Feind weg, der die Gegensätze zwischen den Akteuren in den Hintergrund drängte. Jetzt kämpft jeder auf eigene Rechnung um die beste Ausgangsposition. Am heftigsten zu spüren bekommen das die Zivilisten in den vom Assad-Regime belagerten Rebellen-Enklaven. 230 starben allein vergangene Woche laut der UNO, die meisten durch Artillerie- und Luftangriffe der syrischen und russischen Armee.

Doch damit nicht genug: Über Nordsyrien wurde ein Kampfhelikopter des Nato-Mitglieds Türkei abgeschossen, offenbar von kurdischen YPG-Milizen, den engsten Verbündeten der USA im Bürgerkriegsland. Kurz zuvor hatten im Osten des Iran gesteuerte Schiiten-Milizen und russische Söldner versucht, einen YPG-Stützpunkt zu überrennen, auf dem US-Militärberater stationiert waren. Die Attacke schlugen die USA aus der Luft zurück, nachdem sie sich zuvor mehrmals bei der russischen Armee rückversichert hatten, dass diese keine Soldaten dort hat.

Der Iran will einen schiitischen Bogen über den Irak und Syrien bis Libanon spannen. Die Islamische Republik stiege so im 40. Jahr ihres Bestehens zur echten Regionalmacht auf mit Zugang zu Mittelmeer und Israels Grenzen. Die USA wollen das im Einvernehmen mit Israel und Saudiarabien verhindern. Moskau sieht den Iran in Syrien zwar als nützlichen Alliierten, zugleich aber mit viel Misstrauen. Russland will selbst die Levante dominieren. Anders als der Kreml sich von Präsident Donald Trump erhoffte, machen dessen Generäle Jim Mattis und H. R. McMaster aber keine Anstalten, Moskau Syrien zu überlassen.

Die US-Generäle wollen Syrien nicht Moskau überlassen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat seinen Kampf gegen Bashar al-Assad dem Feldzug gegen die Kurden untergeordnet, versucht sich mit Russland und dem Iran zu arrangieren. Die USA schicken ihre Befehlshaber nach Manbij, um den kurdischen Kommandanten dort die Hände zu schütteln und Erdogan von einem Angriff abzuschrecken. Die Kurden, die im Osten Syriens mit den USA paktieren, bitten nun die syrische Armee und Russland um Hilfe gegen Erdogans Offensive.

Die Europäer versuchen zuvorderst verzweifelt, das Atomabkommen mit dem Iran zu retten. Sie sehen es noch als beste Versicherung, eine Eskalation zu vermeiden. Auch sie sehen Irans Verhalten in der Region als höchst problematisch. Aber sie setzen auf Diplomatie, um das zu ändern. Neue Gespräche mit dem Iran, wie am Wochenende in München, sind dringend nötig, sie müssen bald Ergebnisse zeitigen. Ob es aber gelingt, die Konflikte zu entschärfen oder gar eine Friedensperspektive für Syrien zu entwickeln, ist äusserst fraglich.

Irakkrieg als Fanal

Die Hardliner im Iran suchen die Konfrontation; sie wollen Präsident Hassan Rohani schwächen. Netanyahu setzt darauf, dass die Inszenierung als starker Staatsmann in gefährlichen Zeiten ihm hilft, einer Korruptions­anklage zu entgehen. Und Trump und seine Freunde am Golf reden sich ein, das Atomabkommen sei der zentrale Faktor beim Erstarken des Iran – nicht die mit Lügen herbeigeführte US-Invasion 2003 im Irak unter George W. Bush, die vieles in der Region ins Rutschen brachte. Eine taugliche Strategie, den Syrien-Krieg politisch zu lösen, haben weder Russen noch Amerikaner. Alle Seiten suchen derzeit nur ihren taktischen Vorteil. Das Risiko liegt darin, dass solche Scharmützel, wie es sie jüngst zuhauf gegeben hat, ausser Kontrolle geraten. Es haben schon Kriege wegen geringerer Anlässe begonnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2018, 19:29 Uhr

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