Kein Kopftuch – kein Unterricht

Am Anfang der jüngsten Religionsunruhen in Ägypten stand der Angriff auf eine koptische Kirche in Oberägypten. Der Druck auf die Christen in ländlichen Regionen wächst. Das Beispiel eines Schulmädchens.

Normalerweise müssen Christinnen in Ägypten kein Kopftuch tragen: Lehrerinnen in Abu Homous 165 Kilometer nordwestlich von Kairo. (Symbolbild vom 15. August 2007)

Normalerweise müssen Christinnen in Ägypten kein Kopftuch tragen: Lehrerinnen in Abu Homous 165 Kilometer nordwestlich von Kairo. (Symbolbild vom 15. August 2007) Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am ersten Schultag an ihrer neuen Oberschule wurde die 15-jährige Ferial Habib an der Türschwelle angehalten. Entweder du setzt ein Kopftuch auf, hiess es, oder du kommst hier nicht rein. Das Mädchen weigerte sich. Habib ist koptische Christin, und die pflegen im Gegensatz zu den meisten muslimischen Ägypterinnen kein Kopftuch zu tragen.

Dass eine Schulverwaltung eine christliche Schülerin dazu zwingen will, hatte es noch nicht gegeben. Die nächsten zwei Wochen erschien Habib in dem südägyptischen Ort Scheik Fadl tagtäglich zum Unterricht – in Schuluniform, aber ohne Kopftuch. Tagtäglich wurde sie abgewiesen. Einmal hörte sie ihren Namen über das Lautsprechersystem: Angeführt von Lehrern mit Megafonen skandierten Schüler «Wir wollen Ferial hier nicht haben», wie sie berichtete.

Mangel an Rechtsstaatlichkeit

Seit voriger Woche darf sie endlich zur Schule gehen. Bürgerrechtler sagen, ein Fall wie der ihre sei selten. Doch er schürt die Furcht der starken christlichen Minderheit in Ägypten, von den nach dem Sturz Hosni Mubaraks im Februar zunehmend selbstbewusst gewordenen Islamisten drangsaliert zu werden. Und er zeigt auf, wie in Zeiten politischer Unruhe und unklarer Führungsstrukturen erzkonservative Muslime auf unterer Ebene die Gelegenheit nutzen und ihre Weltanschauung durchzusetzen versuchen.

Wurzel des Übels sei der Mangel an Rechtsstaatlichkeit, sagte Habibs Anwalt Wagdi Halfa. «Wir wollen nicht noch mehr Gesetze, aber wir wollen die schon bestehenden Gesetze durchsetzen», erklärte er. «Hinsichtlich der Spannungen zwischen den Glaubensgemeinschaften befinden wir uns in einem dunklen Tunnel. Selbst wenn die Mehrheit aus gemässigten Muslimen besteht, kann eine Minderheit von Extremisten starken Einfluss ausüben und ihr Denken vergiften.»

Kirche ohne Kreuz und Glocken

Die aktuellen Ausschreitungen in Kairo gehen auf einen Streit über zwei Kirchen im Süden zurück, deren Bau Muslime empörte. Bei Assuan kam es zu Zusammenstössen, obwohl die Kirchengemeinde sich der Forderung ultrakonservativer Salafisten beugte, ein Kreuz und die Glocken aus der Kirche zu entfernen. Die gewalttätige Reaktion ist für die Christen besonders enttäuschend, weil die neue Regierung kurz nach dem Umsturz versprochen hatte, die Beschränkungen des Neubaus und der Renovierung von Kirchen aus der Mubarak-Ära zu überprüfen und aufzuheben.

Sie begannen zu hoffen, dass die neuen Herren den Kirchenbau eindeutig erlauben und damit eine Streitfrage beilegen würden, die in den letzten Jahren immer wieder zu Ausschreitungen geführt hatte. Doch die Überprüfung blieb aus. Salafistische Geistliche hetzten zunehmend gegen Christen und beschuldigten sie, mit neuen Kirchen ihren Glauben verbreiten zu wollen.

Beschluss der Schulleitung und der Lehrer

Mindestens zehn Prozent der 80 Millionen Ägypter sind orthodoxe Kopten. Die Erfahrung der Schülerin Habib ist insofern alarmierend, als sie in der Wahl ihrer Kleidung und der Religionsausübung relativ frei waren. Die grosse Mehrheit der Musliminnen trägt – aus Glauben oder Tradition – das in Ägypten Higab genannte Kopftuch, doch von Christinnen erwartete das kaum jemand.

Die Higab-Pflicht an der Oberschule in Scheik Fadl, 180 Kilometer südlich von Kairo in der Provinz Minja, war ein Beschluss der Schulleitung und des Lehrkörpers selbst. Das Kopftuch gehöre zur Schuluniform, erklärten sie, und sei zum Schutz der Mädchen vor sexueller Belästigung erforderlich.

Keine Behörden, keine Aufsicht

Ein Vertreter der regionalen Schulbehörde sagte dem privaten christlichen Fernsehsender CTV, die Schulen dürften selbst über die Schuluniform entscheiden, und die Eltern könnten das akzeptieren oder nicht. «Wenn der Vater seine Tochter in einer anderen Schule anmelden will, dann ist das in Ordnung», sagte er. «Alle Mädchen, auch die Christinnen, setzen das Kopftuch auf und haben kein Problem damit.»

Habibs Vater Sorial jedoch beschwerte sich und verlangte, letztlich erfolgreich, dass seine Tochter barhäuptig am Unterricht teilnehmen dürfe. «Nach der Revolution gibt es keine Behörden und keine Amtspersonen, an die man sich wenden kann. Das System ist lasch, und das Ministerium übt keine Aufsicht aus», sagte er. «Wenn die Dinge unter Kontrolle wären, hätten Extremisten nicht freie Hand, zu machen, was sie wollen.»

Seine Tochter ist froh, dass sie standhaft geblieben ist und sich nichts aufzwingen liess. «Aber ich fürchte mich vor den Schülern und Lehrern», sagte sie. «Die Lehrer behandeln mich nicht normal, und ich bin sicher, dass sie mir am Jahresende schlechte Noten geben werden.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.10.2011, 15:03 Uhr

Bildstrecke

Viele Tote bei Ausschreitungen in Ägypten

Viele Tote bei Ausschreitungen in Ägypten Bei einem Aufstand koptischer Christen in Ägypten kamen mindestens 19 Menschen ums Leben.

Bildstrecke

Ägyptens Revolution: Eine Chronologie

Ägyptens Revolution: Eine Chronologie Fast zwei Jahre nach der Revolution gegen Hosni Mubarak gehen die Menschen in Ägpten erneut auf die Strasse. Die Proteste richten sich gegen den neuen Staatschef Mohammed Mursi.

Artikel zum Thema

Kopten werfen Steine auf Sicherheitskräfte

Kairo kommt nicht zur Ruhe. Nach den tödlichen Strassenschlachten zwischen koptischen Christen, Muslimen und Sicherheitskräften hat sich die Gewalt auf den Strassen auch heute fortgesetzt. Mehr...

Ägypten will 30-jährigen Ausnahmezustand aufheben

Der ehemalige Machthaber Hosni Mubarak hatte den Ausnahmezustand verhängt, der willkürliche Festnahmen und Schnellverfahren zulässt. Die Militärführung wollte daran festhalten, doch nun gibt sie unter Druck nach. Mehr...

Muslimbrüder drohen mit Wahl-Boykott

Der ersten Parlamentswahl in Ägypten nach dem Sturz des langjährigen Präsidenten Hosni Mubarak droht ein massiver Parteien-Boykott. Sicherheitskräfte haben derweil die Büros von al-Jazeera durchsucht. Mehr...

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Blogs

History Reloaded Die Grande Nation der Revoluzzer

Geldblog Wie komme ich zu integren Börsennews?

Die Welt in Bildern

Bienenzüchter: Im spanischen Valencia protestieren Bienenzüchter für einen nachhaltigen und profitablen Sektor. Sie verlangen, dass die Etikettierung klar ist und beklagten den Preiszerfall. (11.Dezember 2018)
(Bild: Kai Foersterling/EPA) Mehr...