Keine Spur von den Mädchen

Nigeria hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Doch ob die vor einem Jahr entführten 219 Schülerinnen noch am Leben oder im Land sind, ist alles andere als sicher.

Rachel Daniel zeigt ein Foto ihrer Tochter Rose, die von Boko Haram entführt wurde; rechts Sohn Bukar. Foto: Joe Benney (Reuters)

Rachel Daniel zeigt ein Foto ihrer Tochter Rose, die von Boko Haram entführt wurde; rechts Sohn Bukar. Foto: Joe Benney (Reuters)

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Aisha Yesufu hat auch ein sehr persönliches Interesse daran, dass ihrer Forderung endlich entsprochen wird. Kürzlich hörte sie ihre 13-jährige Tochter beten, dass Gott die verschleppten Mädchen doch bitte schnell befreien solle: «Damit ich meine Mutter wieder kriege.» Das habe ihr wehgetan, sagt die stets in der Protestfarbe Rot gekleidete Mutter von drei Kindern: «Ich kann aber trotzdem nicht aufhören, Tag für Tag hierher zu kommen. Selbst wenn ich die letzte Person sein sollte.»

Tatsächlich sind es nicht mehr viele, die jeden Nachmittag den Weg zum «Park der Einheit» im Zentrum der nigerianischen Hauptstadt Abuja einschlagen: Heute haben sich nicht viel mehr als zwei Dutzend Demonstranten unter den Bäumen versammelt. Sie skandieren Sprechchöre, halten Poster hoch und tauschen Nachrichten aus. Aisha Yesufu hat seit einem Jahr kaum einen Tag im Park versäumt: Lediglich als sie nach Washington reiste, um ihrem Anliegen auch in der Hauptstadt der Supermacht Gehör zu verschaffen, musste sie ihre Freunde mal kurz alleine lassen.

Die Geschäftsfrau gehört zum harten Kern der #BringBackOurGirls-Aktivisten, die mit ihrem Druck auf die nigerianische Regierung nicht lockerlassen wollen. «Bringt die Mädchen zurück!», rufen sie: «Und zwar jetzt und lebendig!» Schon vor Monaten hatte der noch bis Ende Mai amtierende, aber bereits abgewählte Präsident Goodluck Jonathan versprochen, dass seine Sicherheitskräfte die Mädchen retten würden, gelegentlich wurde sogar von ihrer unmittelbar bevorstehenden Befreiung gesprochen.

Hohe Erwartungen an Buhari

Heute Dienstag wird es genau ein Jahr her sein, dass die 276 vor allem christlichen Maturandinnen von Mitgliedern der extremistischen islamistischen Boko-Haram-Sekte aus den Betten in ihrem Internat im nordostnigerianischen Städtchen Chibok gerissen wurden – doch ausser von den 57 Schülerinnen, denen noch in der Nacht die Flucht gelang, fehlt von den Mädchen weiterhin jede Spur. «Es ist verdammt schwer, wenn man so viel tut und so wenig erreicht», sagt Aisha Yesufu, während sich ihre Augen mit Tränen füllen.

Wenigstens können die Unermüdlichen zum heutigen Jahrestag wieder mit mehr Aufmerksamkeit rechnen. Schon seit Tagen tickt auf der Website der #BringBackOurGirls-Kampagne der Countdown zum traurigen Jubiläum. Wie zu Beginn der Aktion werden wieder Hunderte von Menschen auf dem Platz der Einheit erwartet: 219 Mädchen – die Zahl der noch immer Vermissten – sollen zum Erziehungsministerium marschieren, um eine Petition abzugeben. Auch der scheidende Präsident Jonathan und sein Nachfolger Muhammadu Buhari wurden eingeladen. Beide hätten allerdings abgesagt, gibt Hosea Abana enttäuscht bekannt, dessen drei Nichten und zwei Cousinen sich unter den Entführten befinden.

Vom frisch gewählten Präsidenten hatten sich die Demonstranten mehr erwartet. Dem Ex-General Buhari, der selbst aus dem Norden kommt und als «starker Mann» gilt, wird eher als seinem Vorgänger zugetraut, dass er die bereits geschwächte Sekte vollends zerschlägt und die Mädchen befreit. Doch ob die 219 Schülerinnen überhaupt noch am Leben und im Lande sind, ist alles andere als sicher. Derzeit erobern vor allem Soldaten aus den Nachbarländern Tschad und Niger eine um die andere von Boko Haram kontrollierte Stadt im Nordosten des Landes. Doch eine Spur von den Chibok-Mädchen fand sich immer noch nicht.

Flüchtlinge aus Gwoza, dem an der Grenze zu Kamerun gelegenen Hauptquartier der Sekte, hatten geschworen, dass sie in der Stadt auch einige der entführten Maturandinnen gesehen hätten. Doch als tschadische und nigrische Soldaten Ende März die Stadt zurückeroberten, fanden sie kein Einziges der Mädchen. Gerüchte machen die Runde, dass sich viele der Schülerinnen unter den Hunderten von Opfern befänden, welche die Boko-Haram-Kämpfer vor ihrer Flucht aus der Stadt Bama töteten. Doch Beweise gibt es dafür genauso wenig wie für die immer wieder geäusserte Behauptung, einige der Mädchen seien zu Selbstmordattentaten gezwungen worden. Boko-Haram-Chef Abubakar Shekau hatte bereits vor Monaten mitgeteilt, die fast ausschliesslich christlichen Mädchen seien als «Sklavinnen» verkauft oder seinen Kämpfern als Ehefrauen zugespielt worden. In diesem Fall wären sie ohnehin über den Nordosten Nigerias und die Nachbarländer Tschad, Niger und Kamerun verstreut.

2000 Mädchen verschleppt

Aisha Yesufu mag nicht darüber spekulieren, wie viele der 219 verschwundenen Mädchen noch lebend gerettet werden können. Längst geht es auch nicht mehr alleine um die Schülerinnen von Chibok: Nach einem am Montag veröffentlichten Bericht von Amnesty International entführten die Islamisten seit Anfang vergangenen Jahres mindestens 2000 Mädchen und Frauen. Die gesamte Region sei durch den Terror der Islamisten, durch Massenmorde, Entführungen und sexuellen Missbrauch in unbeschreibliches Elend geworfen worden, kommentiert die Menschenrechtsorganisation. Die Verantwortlichen müssten vor Gericht gestellt werden.

Aisha Yesufu hofft, dass mit dem bevorstehenden Wechsel der Regierung die Zeit der Apathie vorüber sei. Die wichtigste Botschaft ihrer Kampagne sei ohnehin, den sogenannten Volksvertretern klarzumachen, dass sie ihrer Verantwortung gerecht werden müssen: «Sie haben uns alle im Stich gelassen.» Sie sehe sich selbst in den Mädchen, fährt die 41-Jährige fort. Als Kind in einer armen Familie im Norden des Landes aufgewachsen, habe auch sie ständig um ihre Bildung kämpfen müssen. Die erfolgreiche Geschäftsfrau hat den Kampf zumindest vorerst für sich entschieden. Sie gründete ein Unternehmen, das landwirtschaftliche Produkte vertreibt, und beschäftigt inzwischen fast 100 Menschen. Ihr Kampf sei damit allerdings noch nicht zu Ende, fügt Aisha Yesufu hinzu: «Wenn ich hier aufgäbe, dann gäbe ich mich selber auf.»

Erstellt: 13.04.2015, 19:19 Uhr

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