Kompanie? Wie bitte?

Im Namen der Stadt Kobane steckt ein deutsches Wort.

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Kobane ist sozusagen aus dem Nichts zu weltweiter Berühmtheit aufgeschossen. Seit Wochen tobt die Schlacht um die kurdische 55'000-Einwohner-Stadt in Syrien; mittlerweile kennt jeder ihren Namen. Er steht für verzweifelten Widerstand der Eingeschlossenen gegen die Mordtruppe des IS.

Der Flecken, aus dem die Stadt wuchs, hat auch einen arabischen Namen. Ain al-Arab, Quelle der Araber, deutet auf Wasserreichtum. Die kurdische Bezeichnung Kobane hat eine ganz andere Bewandtnis. Diese Geschichte führt zurück in das muslimische Vielvölkergebilde, das einst die Türkei mit den meisten arabischen Ländern verband: das 1923 untergegangene Osmanenreich.

In ihren letzten Jahrzehnten verspürten die Osmanen schmerzlich das Fehlen einer Eisenbahn; Truppenverschiebungen über weite Strecken dauerten in ihrem Imperium Monate. So entstand das Projekt der Bagdadbahn. Zum Partner erwählten sich die Osmanen das Deutsche Reich. Es schien ihnen weniger bedrohlich als das aggressiver auf Bodengewinn erpichte Grossbritannien. Der Bau der Bagdadbahn begann 1903, überdauerte die Osmanen um über 15 Jahre und war eine verworrene Sache. Kein Wunder: Der Erste Weltkrieg kam dazwischen, dann der Zweite. Das Projekt wurde um Seitenlinien ergänzt. Und die Briten wollten auch an dem Schienenstrang teilhaben. Oder ihn andernfalls zerstören.

Aus «Kompanie» wurde Kobane

Einer der vielen Bahnhöfe der neuen Bahn, ein kleiner, entstand 1912; die Baustelle lag 160 Kilometer vor Aleppo. Schneidige deutsche Offiziere und Ingenieure hatten das Sagen. Ihren kurdischen Arbeitertrupp nannten sie «Kompanie». Die Kurden verballhornten das ihnen unverständliche deutsche Wort zu Kobane.

Wie es mit dem Bahngeleise in der Region Kobane weiterging, erzählte soeben die «Süddeutsche Zeitung»: Als die Türken Mitte der 1910er-Jahre auf die Armenier losgingen, wurden diese zu Zehntausenden per Zug in den Tod deportiert. Heute sind diese Geleise mit Lastwagen blockiert, damit der IS keine Waffen transportieren kann. Und jedenfalls hat mit der Bagdadbahn der Aufstieg der Stadt Kobane begonnen, die derzeit zu enden droht.

Erstellt: 05.11.2014, 20:01 Uhr

Thomas Widmer

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