Limitierter Volkszorn

Die Reaktionen auf die Koranverbrennung von Terry Jones zeigen: Die muslimische Welt raste auch schon heftiger.

Professionelle Aufwiegler statt Flächenbrand: Proteste in Pakistan nach der Koranverbrennung.

Professionelle Aufwiegler statt Flächenbrand: Proteste in Pakistan nach der Koranverbrennung. Bild: Keystone

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Rund 20 Tote und ein Vielfaches an Verletzten, so lautete gestern die Bilanz tagelanger Proteste in Afghanistan und Pakistan. Und das alles, weil in den USA Prediger Terry Jones einen Koran verbrennen liess. Prediger? Jones ist ein Witz von Kirchenmann. Er hat gut 50 Anhänger. Er wurde verurteilt, weil er einen falschen Doktortitel in Theologie führte. Und einst feuerte ihn eine Gemeinde wegen «Geltungssucht».

Gerichtsshow

Die Verbrennung, von Jones-Helfern gefilmt, ist im Internet auf Youtube zu sehen: In einer Art Gerichtsshow wird der Koran angeklagt und zum Tode verurteilt. Ein Mann in schlecht sitzendem Anzug vollzieht das Urteil und setzt per Funkenzünder das kerosingetränkte Buch in Brand. Die US-Medien berichteten zurückhaltend über die Prozedur vom 20. März, die internationalen Medien auch, es war die x-te Provokation gegen den Islam.

UNO-Mitarbeiter als Ziel

So ging es im islamischen Raum erst Tage später los – mit einem Votum von Afghanistans Präsident Karzai, der vom US-Kongress die Verurteilung der Tat verlangte. Hernach kam es zu Protestmärschen von Leuten, die nicht ahnten, wie marginal ihr Beleidiger ist. Mit dabei waren offenbar professionelle Aufwiegler und militärisch geschulte Extremisten; die französische Zeitung «Libération» hat dokumentiert, wie im afghanischen Mazar-i Sharif gezielt UNO-Mitarbeiter abgeschlachtet wurden.

Den Koran verbrennen ist das eine, Menschen metzeln das andere, nichts rechtfertigt, dass man das eine mit dem anderen vergilt. Freilich kennt man die Gewalteskalation aus der Mohammedkarikaturen-Affäre 2006. Nun ist da erneut die transkontinentale Aufschaukelung der Massen. Dies die schlechte Nachricht, es deutet sich allerdings auch eine gute an: Die muslimische Rage ist bis jetzt massiv kleiner. Und sie beschränkt sich auf zwei Länder, in denen die Kriegsmacht Amerika eine sehr angreifbare Rolle spielt. Islamschmähung ruft, so darf man hoffen, nicht mehr dieselbe Hassreaktion hervor. Das Potenzial zur kollektiven Empörung scheint geschrumpft, das Flächenbrandszenario westlicher Islamexperten hinfällig. Die Menschen in Nordafrika und im islamischen Asien haben ein anderes Ventil gefunden: den Widerstand gegen ihre eigenen Diktatoren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.04.2011, 21:44 Uhr

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