Mädchen attackiert Soldaten

Eine 16-jährige Palästinenserin macht Furore: Im Internet verbreitet sich ein Video, in dem sie schwer bewaffnete Israelis provoziert.

Ahed Tamimi (Mitte) nach ihrer Verhaftung. Foto: Abir Sultan  (EPA, Keystone)

Ahed Tamimi (Mitte) nach ihrer Verhaftung. Foto: Abir Sultan (EPA, Keystone)

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Eine Aufnahme, zwei Welten: Das Video eines palästinensischen Mädchens, das zwei israelische Soldaten anschreit, schubst, sogar ins Gesicht schlägt, verbreitete sich rasant im Netz. «Das müssen Sie sich anschauen: Das ist es, was israelische Soldaten durchmachen müssen», schrieb Israel Project dazu, die Organisation, die als Erste die Aufnahmen ins Netz gestellt hat. «Sie werden das nie in den Fernsehnachrichten sehen.» In drei Stunden wurde das Video 170'000-mal aufgerufen, inzwischen hat es mehrere Millionen Menschen erreicht. Es verbreitet sich viral über die sozialen Netzwerke.

Der Vorfall hatte sich vor einer Woche in Nabi Saleh im Westjordanland zugetragen. Die 16-jährige Ahed Tamimi war mit ihrer 20-jährigen Cousine Nur Tamimi unterwegs. Ausschnitte der Auseinandersetzung zwischen den Mädchen und den Soldaten waren noch am selben Tag auf dem Sender «Ramallah News» zu sehen. Sie erregten aber kein grosses Aufsehen – bis proisraelische Organisationen und Personen für eine rasante Weiterverbreitung sorgten. Heftig wurde im Netz über das Verhalten der Soldaten diskutiert: Für die einen sind die beiden Helden, weil sie sich nicht provozieren liessen; andere sehen genau darin ein Fehlverhalten. Einig war sich die proisraelische Seite dagegen im Urteil über das Verhalten des Mädchens.

In dieser Phase versuchten Palästinenser und deren Unterstützergruppen, ihre Erzählweise ins Netz und in die Welt zu bringen: Das Mädchen sei eine Heldin, so der Tenor, es habe schwer bewaffnete Soldaten vorgeführt. Im Gespräch mit der israelischen Zeitung «Haaretz» sagte ihr Vater Bassem nicht, wer die Aufnahmen gemacht hat: «Jemand aus dem Ort hat den Vorfall mit Ahed gefilmt, und wir haben entschieden, das ins Netz zu stellen», sagte er. Die Aufregung darüber ist für ihn der Grund, warum seine Tochter, die Nichte und inzwischen auch seine Frau festgenommen wurden. Seine Tochter sei am Dienstag kurz vor vier Uhr früh von Soldaten aus dem Bett geholt und abgeführt worden, berichtet der Vater.

Am Beispiel des Videos zeigt sich, wie die Konfliktparteien um die Interpretationshoheit im Netz ringen.

Die ganze Familie ist für ihre Aktivitäten gegen die israelische Besatzung bekannt. Die Auseinandersetzungen begannen 2009, als die Bewohner von Nabi Saleh dagegen protestierten, dass ihnen Land und Quellen genommen wurden für den Ausbau der jüdischen Siedlung Halamish. Bassem Tamimi sass selbst zweimal im Gefängnis, er wurde zu 18 Monaten und dann noch einmal zu drei Monaten Haft verurteilt. Seine Frau wurde dreimal verhaftet, ein Bruder von ihr wurde von israelischen Soldaten bei einer Demonstration erschossen.

Den Eltern Aheds wurde vorgeworfen, ihre Kinder zu instrumentalisieren, weil diese Fernsehinterviews gaben und sich bei ihren Protestaktionen filmen liessen. Auch am vorletzten Freitag wurde protestiert – gegen die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen mit israelischen Streitkräften. Ein Verwandter von Ahed, der 15-jährige Mohammed Tamimi, wurde bei den Zusammenstössen durch einen Schuss schwer verletzt, er liegt im Koma. Laut Angaben des Vaters Bassem Tamimi war das der Auslöser für die Attacke seiner Tochter auf die Soldaten.

#NoWayToTreatAChild

Auch Minister beschäftigen sich inzwischen mit dem Fall. Nach Ansicht von Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman werden nicht nur das Mädchen, sondern auch die Eltern und andere in ihrem Umfeld «jene Strafe bekommen, die sie verdienen». Bildungsminister Naftali Bennet wünschte sich nichts weniger, als dass die beiden Mädchen «ihr Leben im Gefängnis beenden».

Auf Twitter startete eine Kampagne mit dem Hashtag #NoWayToTreatAChild. Doch israelische Medien stellen das Alter von Ahed infrage. Denn Mädchen versus Soldat, das ist eine Konstellation, die Emotionen anspricht – auf beiden Seiten.

Nicht nur Medienwissenschaftler sehen den Fall als Beispiel dafür, wie stark die Macht der Bilder im israelisch-palästinensischen Konflikt wirkt. An diesem Beispiel wird auch sichtbar, wie die Konfliktsparteien um die Interpretationshoheit im Netz ringen. Es wird versucht, in sozialen Medien die eigene Sichtweise zu pushen. Wenn ein einzelnes Ereignis völlig gegensätzliche Interpretationen auslöst, sprechen Psychologen von einem Rashomon-Effekt, genannt nach dem gleichnamigen Film des japanischen Regisseurs Akira Kurosawa.

Rollstuhlfahrer wird zur Ikone

Die Diskussionen darüber haben andere Bilder aus den sozialen Medien verdrängt. Etwa die des Rollstuhlfahrers Ibrahim Abu Thurayeh. Der 29-Jährige, der bei einem israelischen Luftangriff 2008 beide Beine verloren hatte, wurde bei den jüngsten Protesten im Gazastreifen von israelischen Soldaten erschossen, die auf der anderen Seite des bestens gesicherten Grenzzauns standen. Das machte ihn zum Symbol des Widerstands. Nach seinem Tod wurden massenhaft Bilder von ihm ins Netz gestellt.

Israels Armee teilte nach einer Untersuchung mit, der Mann sei nicht absichtlich erschossen worden. Man könne kein «moralisches oder professionelles Versagen feststellen». In den palästinensischen Gebieten gibt es inzwischen bereits T-Shirts mit dem Bild des Rollstuhlfahrers zu kaufen, Ibrahim Abu Thurayeh wird zur Ikone.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2017, 19:34 Uhr

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