Männern Hoden zermalmt, Frauen vergewaltigt

Mord, Folter, Entführung, Vergewaltigung, Sklaverei: Der neuste Bericht der UNO-Untersuchungskommission für Eritrea liest sich wie ein Katalog verwerflichster Straftaten.

Wenn nur die Flucht bleibt: Eritreische Flüchtlinge warten in Äthiopien auf ihre Registrierung. (9. Februar 2016)

Wenn nur die Flucht bleibt: Eritreische Flüchtlinge warten in Äthiopien auf ihre Registrierung. (9. Februar 2016) Bild: Tiksa Negeri/Reuters

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Allein im vergangenen Jahr sind 47'000 Eritreer nach Europa geflüchtet. Was geht in diesem von der internationalen Gemeinschaft abgeschotteten Land eigentlich vor? Um diese Frage zu klären, setzte der Genfer UNO-Menschenrechtsrat bereits 2014 eine Untersuchungskommission für Eritrea ein. Als Leiter wurde der Australier Mike Smith eingesetzt, Professor für Politik, Geheimdienst und Terrorismusbekämpfung. Gestern hat die Kommission ihren zweiten Bericht publiziert. Er ist ausführlicher, präziser und detaillierter als der erste und enthält in einem Anhang Auszüge mit Kernaussagen aus über 800 geführten Interviews.

Mädchen in die Vagina gegriffen

Die anonymisierten Zeugenaussagen verdeutlichen, mit welcher Gewalt das Regime um Machthaber Isayas Afewerki das eritreische Volk unterdrückt. Nebst dem bereits bekannten Schiessbefehl («shoot-to-kill policy») auf Flüchtlinge an der Grenze, Folterungen, Entführung, willkürlichen Inhaftierungen und Sklaverei fallen vor allem sexuelle Gewalttaten auf. Eine Person, der mit anderen Eritreern fliehen wollte und dabei erwischt wurde, sagte gegenüber der Kommission aus: «Wärter, alle männlich, haben uns Männern, Frauen und Kindern befohlen, uns auszuziehen. Dann haben sie unsere Genitalien berührt, selbst jene von Frauen und Mädchen. Sie haben ihre Finger in die Vagina gesteckt. Die Mädchen schrien. Die Wärter lachten nur.»

In den Aussagen tauchen zwei männliche Zeugen auf, denen die Hoden bei Folterungen mit Schlägen und Elektroschocks regelrecht zermalmt wurden, um sie unfruchtbar zu machen. Einer der Zeugen sagt über die Folter: «Sie wollen nicht, dass sich gescheite Leute vermehren.» Gemäss dem Bericht können sich hohe Militärs auch willkürlich junge Mädchen auswählen, um sie während mehrerer Monate sexuell auszubeuten und sich danach an einem neuen Opfer zu vergehen. Die jungen Frauen werden durch die Vergewaltigungen häufig schwanger, wobei es auch zu vielen Aborten kommt.

Nicht ins Land gelassen

Weiter geht der UNO-Bericht auf die generelle politische Situation in Eritrea ein. Wer in Eritrea keine guten Beziehungen zum 16 Mitglieder zählenden Kabinett von Machthaber Isayas Afewerki hat oder hohe Militärs oder Politberater der Präsidialpartei «Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit» kennt, kann ebenso rasch wie unerwartet Opfer von Afewerkis brutaler Willkürherrschaft werden. Vor allem der Militärdienst dient dem Regime als Unterdrückung. Junge Männer und Frauen, die ins Militär eingezogen werden, müssen in den parastaatlichen Firmen von Regimemitgliedern und Militärs arbeiten. Gemäss dem UNO-Bericht wollte die eritreische Führung den Militärdienst zwischenzeitlich auf die Dauer von 18 Monaten begrenzen. Doch diese Ankündigung gilt bereits nicht mehr. Wenn jemand vor dem Militärdienst oder sonstigen Repressalien flieht, werden dessen Familie und Verwandte häufig anstelle des Flüchtigen inhaftiert.

Für die Kommission um den australischen Professor Peter Smith ist klar: Das eritreische Regime und sein Umfeld gehörten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor den Internationalen Strafgerichtshof. Die Forderung kennt auch Machthaber Isayas Afewerki. Trotz mehrerer Anfragen hat er sich strikt geweigert, die UNO-Kommission für ihre Untersuchung ins Land zu lassen. Nicht anders ergeht es im Übrigen der UNO-Sonderkommission für Syrien. Um ihren Bericht auszuarbeiten, befragten die UNO-Spezialisten schliesslich eritreische Flüchtlinge in 13 Ländern, darunter Australien, Kanada, Djibouti, Äthiopien, aber auch die Schweiz. Zu den Interviewten zählen nicht nur einfache Bürger, sondern auch ehemalige höhere Militärs und sogar Richter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2016, 11:56 Uhr

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